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Kreativ: Fürther Initiative upcycelt ein Gebäude

Aus altem Baumaterial entsteht in einem Gewächshaus ein neues Kunstquartier - 01.11.2019 10:00 Uhr

Mit dem „Asbestfest“ am 14. September hat alles angefangen: Die stimmungsvolle Fete mit fünf Bands, DJs und vielen Aktivitäten lockte über 200 Menschen an. Das Ziel, auf das Projekt „Kulturgewächshaus“ aufmerksam zu machen und Mitstreiter zu gewinnen, wurde erreicht. Der Veranstaltungsname: ein Wortspiel (as best), weder Asbest noch andere Schadstoffe lauern in dem 70 Jahre alten Abbruchhaus.

31.10.2019 © Foto: Jonathan Danko Kielkowski


Die junge Initiative demontiert ein seit zehn Jahren leerstehendes Wohnhaus aus dem Jahre 1948 in der Habichtstraße 75, um das Material zum Aufbau eines autarken Bildungs- und Kulturzentrums im Gewächshaus der ehemaligen Gärtnerei Gumbmann an der Vacher Straße wiederzuverwenden.

Aus der Zeit gefallen, so mutet das alte Holzhaus an. "Früher haben viele Nachkriegshäuser in der Straße hier so ausgeschaut", sagt Peter Falkenberg. Das Gebäude ist ihm ans Herz gewachsen. Hier ist sein Vater bei Pflegeeltern aufgewachsen, hier war er später mit ihm oft zu Besuch. Jetzt gehört das Haus einem Freund des Vaters.

Alles ist mühsame Handarbeit. Stück für Stück wird das sortierte und grob gereinigte Baumaterial zum Lagerplatz gebracht.

30.10.2019 © Foto: Jonathan Danko Kielkowski


Als der Abriss angedacht wurde, entwickelte Falkenberg im Gespräch mit seinem Vater die Idee, wenigstens das Baumaterial zu sichern. Einen Mitstreiter fand er in Jonathan Danko Kielkowski, dessen Schwiegereltern ein Teil der ehemaligen Gärtnerei mit dem Gewächshaus gehört. "Eine kommerzielle Nutzung des Gewächshauses samt Freifläche steht nicht zur Debatte", sagt er.

Kielkowski, der mit seiner Frau schon im Zwischennutzerkollektiv des Nürnberger Quelle-Komplexes Erfahrungen gesammelt hat, sieht eine ideale Gelegenheit zum Aufbau eines unabhängigen Kunstquartiers. Im Rathaus haben die beiden Freunde mit ihrem Vorhaben offene Türen eingerannt. Oberbürgermeister Thomas Jung ist beeindruckt vom Engagement und der Kreativität der Initiatoren "Das Vorhaben kann die Stadt bereichern", meint er. Und der inzwischen geplante Radweg werde sicher zur Besucherfrequenz beitragen.

Auch aus der Nachbarschaft in der Habichtstraße bekommen die jungen Kreativen positive Resonanz. Schließlich geht es ihnen nicht nur um das Bewahren von Rohstoffen, sondern auch von Erinnerungen. "Wir wollen das Haus in neuer Form weiterleben lassen", sagt Kielkowski.

Ein Haus im Haus

Mit Baufachleuten wurde es zunächst unter die Lupe genommen, um Klarheit über das Vorgehen beim Abtragen des Baumaterials zu bekommen. "Im Gegensatz zu neueren Häusern, wo viel verklebt ist, lassen sich die Baustoffe hier relativ leicht separieren", erklärt Falkenberg.

Vorsichtig zieht Peter Falkenberg ein paar Dielen vom Spitzboden herunter.

30.10.2019 © Foto: Jonathan Danko Kielkowski


Weitgehend genügen Brecheisen, Vorschlaghammer und Zange, um Dielen, Wand- und Deckenverkleidungen zu demontieren und Ziegelfüllungen des sogenannten Holzständerbauwerks herauszuschlagen. Das geht natürlich langsamer als mit dem Abrissbagger, aber dafür viel leiser, gründlicher und materialschonender. Die Helfer sind überrascht, dass es doch recht zügig vorangeht. Bis Jahresende soll die Demontage abgeschlossen sein. Dann steht der Ausbau von Räumen in dem 1500 Quadratmeter großen Gewächshaus samt Freigelände im Teilbereich der ehemaligen Gärtnerei an. Es soll ein Haus im Haus entstehen.

Wie es genau aussehen wird, steht im Detail noch nicht fest. Es soll sich entwickeln. Falkenberg und Kielkowski sind offen für Ideen. Ihnen wollen sie mit dem Projekt ein Forum bieten. Dazu wurde der Verein "Kulturgewächshaus Fürth" ins Leben gerufen. Die Gemeinnützigkeit ist bereits beantragt, um gemeinsam bewusst gemeinnützige und nicht kommerzielle Projekte voranzutreiben.

Im Kulturgewächshaus werden Vereinsmitglieder beheizte Werkstätten und Ateliers erhalten. Es ist auch daran gedacht, zeitweise Räume externen Kulturschaffenden zu überlassen. Darüber hinaus sollen Workshops veranstaltet werden. Ein Freiraum für innovative Ideen, Kunst, Kultur und Handwerk sowie urbane Ökologie schwebt Falkenberg und seinen Mitstreitern vor. Ein Ort der Begegnung und Bürgerbeteiligung.

Ganz oben im soliden Dachgebälk entfernt ein Helfer mit Atemschutzmaske gegen den Staub Bretter, aus denen später neue Bauten entstehen sollen.

30.10.2019 © Foto: Thomas Scherer


Die Baustoffrettung ist das Pilotprojekt. Und sie zieht bereits Kreise. "Immer mehr Baufirmen, mit denen wir im Kontakt stehen, beliefern uns mit brauchbarem Material", sagt Peter Falkenberg. Zuletzt wurden die Fürther Upcycler auf ein Gewächshaus im Knoblauchsland, wo sie  weiteres Rohstoffe für ihr Vorhaben bergen konnten.

Die Baustoffe sollen auch über das Kulturgewächshaus hinaus für Projekte neue Verwendung finden. Aus den alten Tonziegeln des Abbruchhauses will ein Mitglied der Initiative zum Beispiel Pizzaöfen konstruieren, die dann unter anderem Kitas zur Verfügung gestellt werden.

Der gesamte Prozess des Abbruchs des Holzhauses und des Aufbaus des Kulturgewächshauses wird mit Fotos und Filmen dokumentiert. Später soll das Material in Vorträgen, auf Social-Media-Kanälen und Blogposts einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Wer an dem Projekt mitwirken möchte, kann auf Instagram unter @asbestrueckbau Kontakt aufnehmen.

Volker Dittmar

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