"Langweilig": Junge Fürther sind unzufrieden mit ihrer Stadt

1.5.2019, 06:00 Uhr
Paul Buchau, 25, und Jens Schmidt, 29, haben mit einigen anderen jungen Frauen und Männern der „Aktion Protestgarten“ ein Konzept für ein „selbstverwaltetes soziokulturelles Zentrum“ erarbeitet und der Stadtspitze vorgelegt.

© Hans-Joachim Winckler Paul Buchau, 25, und Jens Schmidt, 29, haben mit einigen anderen jungen Frauen und Männern der „Aktion Protestgarten“ ein Konzept für ein „selbstverwaltetes soziokulturelles Zentrum“ erarbeitet und der Stadtspitze vorgelegt.

Aktion Protestgarten – unter diesem Namen konfrontierten Hunderte junge Fürther im Juni 2018 die Politik mit einer unbequemen Botschaft: Für junge Menschen gibt es in Fürth zu wenig Raum. Genug geändert hat sich nicht – am 17. Mai wird erneut demonstriert.

Fast ein Jahr ist es her, dass die "Aktion Protestgarten" erstmals auf sich aufmerksam gemacht hat. Wie zufrieden seid ihr mit dem, was ihr bisher erreicht habt?

Jens Schmidt: Am Anfang hatten wir ein gutes Gefühl. Die Protestwoche hat Wellen geschlagen. Wir haben uns vernetzt, was ganz wichtig war. Man hat gemerkt, man ist nicht allein – es gibt Leute, die Bock haben, in Fürth etwas auf die Beine zu stellen. Schön war auch, dass die Politik rasch reagierte. Die Stadt hat die Grünflächensatzung gelockert und zwei neue Grillplätze geschaffen. Danach aber stockte es. Noch kann man auf unserer Liste der Forderungen sehr wenig abhaken. Das macht uns unzufrieden.

 

Wo hakt es?

Schmidt: Die Stadtspitze hat gesagt, dass sie sich um Lösungen bemüht. Aber die Sachen werden nicht richtig verfolgt. Und was wir erreicht haben, ist leicht rückgängig zu machen.

Paul Buchau: Die neuen Grillplätze zum Beispiel wurden unter Vorbehalt geschaffen. Man muss abwarten, wie es dort läuft.

Schmidt: Es würde uns leichter fallen, der Stadt zu glauben, dass sie es ernst meint, wenn sie für uns ein Gebäude gefunden oder mal Geld für aufwendigere Projekte investiert hätte. Wir haben den Eindruck, man gesteht uns die Dinge zu, die relativ leicht umsetzbar sind.

Buchau: Es wird oft die einfachste Lösung gesucht.

 

Wie bei der elan-Halle?

Schmidt: Genau. Wir haben uns einen Ort gewünscht, an dem wir Veranstaltungen organisieren können. Die Stadt hat uns zehn Termine in der elan-Halle gegeben. Das ist einerseits nett. Aber andererseits versteht die Stadtspitze nicht so richtig, was Subkultur heißt. Die elan-Halle ist eine der größten und kahlsten Hallen in Fürth. Es ist schwer, diesen Raum zu gestalten, und es ist schwer, ihn zu füllen; da braucht es schon 350 Gäste. Das müssten also größere Konzerte sein, die sind aber mit hohen Gagen verbunden. Zugleich soll um 24 Uhr Schluss sein – auch das ist schwierig. Wir werden deshalb wohl lieber nur vier bis fünf Termine in Anspruch nehmen, die aber gescheit aufziehen.

 

Was sagt ihr zu den Grillplätzen, die geschaffen wurden, einer davon auf der Hardhöhe?

Schmidt: Der Platz auf der Hardhöhe ist wohl eher was für den Stadtteil – aber grundsätzlich ist das gut.

Buchau: Dass es den Platz am Flussdreieck gibt, ist super. Aber wir haben Sorge, dass die Stadt da einfach lieblos Bänke hinstellt. Wir haben schon einen Entwurf erstellt, wie man diesen Platz mit viel Holz, Liegen und einem Wasserspiel gestalten könnte.

 

Auch bei euren anderen Forderungen habt ihr euch mit Ideen eingebracht. Was ist aus den Graffiti-Flächen geworden, die ihr euch wünscht?

Buchau: Wir haben einige Orte vorgeschlagen, zum Beispiel die Ludwigbrücke oder Bahnunterführungen. Es hieß dann, es wird geprüft. Auf Nachfrage kürzlich haben wir nichts Neues erfahren.

 

Und wie steht’s um euren Traum von einem selbstverwalteten Zentrum?

Schmidt: Wir haben drei Gebäude vorgeschlagen und ein ausführliches Konzept vorgelegt. Es wäre schön, wenn die Stadt mal sagt, ob das realistisch ist.

 

In dem Konzept habt ihr geschrieben, dass Fürth die langweiligste Großstadt Bayerns ist. Bleibt ihr dabei?

Buchau: Wenn man sich Würzburg, Bamberg oder Bayreuth anschaut, ist da schon mehr los.

Schmidt: Die Städte sind dazu auch gezwungen, weil es viele Studenten gibt. Was uns aber wichtig ist zu sagen: Es gibt in Fürth eine tolle städtische Jugendarbeit, die Angebote und Veranstaltungen des con-action-Teams (städtisches Jugendkulturmanagement, Anm. d. Red.) sind super, auch der dazugehörige Club "Kopf und Kragen". Aber für eine Großstadt ist das zu wenig. Für jemanden, der kreativ ist und alles darauf setzt, ist es hier schon schwierig. Viele, die wir kennen, sind weggezogen.

Buchau: Man muss sich hier meistens erst eigene Strukturen schaffen.

 

Schauen wir uns mal an, was es in Fürth gibt: städtische Jugendhäuser, das "Kopf und Kragen", den kunstkeller, das Zett9, die Gustavstraße, die Kofferfabrik, das "Frieda". . . Was genau fehlt euch?

Buchau: In der Gustavstraße gibt es schöne Kneipen, aber das Zusammensitzen ist da recht teuer und um 22 Uhr muss man rein, um 2 Uhr ist Schluss.

Schmidt: Worunter vor allem seine WG leidet, weil wir dann da immer hingehen. . . Was uns fehlt, sind Orte, an denen Subkultur Platz hat. Ähnlich wie in der Kofferfabrik – nur hat die eben ein älteres Publikum. In Fürth gibt es die städtische Jugendarbeit, die Hochkultur mit Museen und Stadttheater und kommerzielle Anbieter, wie das "Frieda", die es nicht interessiert, Werte zu vermitteln.

 

Das "Frieda" ist nichts für euch?

Schmidt: Das ist ein typischer kommerzieller Club. Eintritt und Getränke sind teuer, die Musikauswahl hat kaum regionalen Bezug. Dabei gibt es in Nürnberg und Fürth einige Leute, die als DJs auflegen. Wenn das "Frieda" mal den Kontakt braucht, vermitteln wir ihn gerne. Für uns ist einfach wichtig, dass bestimmte Werte gelebt werden.

 

Das mit den Werten steht auch in eurem Konzept fürs selbstverwaltete Zentrum. Was genau meint ihr damit?

Schmidt: Das Zentrum soll ein Ort sein, wo man kreativ sein und auch mal feiern kann. Aber auch ein Rückzugsort, wo man nichts kaufen muss, nichts tun muss, um da sein zu können. Wo es keinen Türsteher gibt, der dich nicht rein lässt, weil du komisch aussiehst. Wir wollen Jugendlichen vermitteln, dass es in der Gesellschaft keine Diskriminierung, keinen Rassismus, keinen Sexismus geben sollte.

Buchau: Ein Beispiel: Das DJing ist immer noch eine männliche Domäne, was schade ist. Viele Mädchen kommen damit gar nicht in Berührung und wissen daher nicht, dass sie es selbst auch könnten.

 

Für subkulturelle Veranstaltungen gibt es in Fürth den von der Stadt betriebenen Club "Kopf und Kragen". Das ist euch zu wenig?

Buchau: Das ist echt ein schöner Raum für kleinere Konzerte, etwa 120 Leute passen da rein. Alle von uns machen da gerne Veranstaltungen, aber es ist schwierig, einen Termin zu bekommen.

Schmidt: Außerdem kostet es Geld, man muss für Security und den Techniker zahlen.

Buchau: Und na ja, es kommt schon der städtische Charakter durch. Man kann dort zwar bis 4 Uhr feiern, aber wenn Tags oder Sticker an den Klowänden landen, bekommt man als Veranstalter Probleme. So was passiert einem zum Beispiel in der Nürnberger Desi nicht.

Schmidt: Das "Kopf und Kragen" ist super, das Angebot nehmen wir auch ständig wahr – aber man kann nicht jede Woche in den gleichen Club gehen. Ein selbstverwaltetes Zentrum wäre eine gute Ergänzung.

 

Welche Initiativen sind Vorbilder für euch?

Buchau: Konzeptionell sind das zum Beispiel die Desi und der Z-Bau in Nürnberg. Da schwingen eben Werte mit. In der Desi hat man auch unfassbar viele Möglichkeiten, etwas zu gestalten. Man kann unter bestimmten Umständen Kooperationsverträge abschließen, dann teilt man sich Eintritt und Risiko.

Schmidt: Vorbilder sind auch das Zentralcafé Kaya, das K4, der Musikverein, der Muz-Club. . .

 

Nürnberg ist so nah. Warum reicht es euch nicht, dort zu feiern und Konzerte zu veranstalten?

Buchau: Ich lebe in Fürth – und ich finde, das muss mehr bedeuten, als immer nach Nürnberg zu fahren, wenn ich einen schönen Abend haben möchte.

Schmidt: Es geht auch um Identifikation mit der eigenen Stadt. Die jungen Leute haben sich positioniert. Sie haben Bock drauf, in Fürth was zu machen. Das Potenzial ist da, das sieht man am "Kopf und Kragen". Es fehlt nur noch die Infrastruktur. Dazu kommen ganz banale Gründe: Wenn man in Nürnberg weggeht, ist man immer gezwungen, durchzumachen, bis die erste U-Bahn fährt. Oder ein Taxi zu nehmen. Das Tagesticket für die U-Bahn ist mit 8 Euro auch nicht gerade günstig. Zur alternativen Szene in Fürth gehören außerdem viele Fußballfans. Manche sind in Nürnberger Läden nicht gerne gesehen.

 

Was genau wollt ihr denn veranstalten?

Buchau: Das ist ganz vielfältig. Manche von uns machen Musik mit Bands, manche legen als DJs auf, andere moderieren oder spielen Theater. In dem Zentrum wollen wir eine "Programmgruppe" schaffen, die Leute unterstützt, die was veranstalten wollen. Da ist ja viel Arbeit damit verbunden: Man braucht Flyer, Deko, Helfer beim Aufbau. . .

 

Was gewinnt die Stadt, wenn sie euch Raum gibt?

Schmidt: Großstädte, in denen es viel Subkultur gibt, sind viel offenere Städte.

 

Am 17. Mai meldet sich der Protestgarten mit einer Demo zurück, weil. . .

Schmidt: . . .es nötig ist, dass der Protest weitergeht. Wie gesagt: Viele Forderungen sind noch nicht erfüllt.

Buchau: Auch um uns weiter zu vernetzen, ist das wichtig. Vor einem Jahr waren viele dabei, die sich vorher nur flüchtig kannten, alle haben sich pudelwohl gefühlt. Damit hat man ein ganz anderes Potenzial, Veranstaltungen zu machen.

Für Freitag, 17. Mai, ruft die "Aktion" erneut zur Demo auf. Sie beginnt um 18 Uhr am Hauptbahnhof.

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