Barockbau

Marstall-Sanierung: Kann das Fürther Frauenmuseum bleiben?

17.5.2021, 06:00 Uhr
Die Mitglieder des Vereins Frauen in der Einen Welt nehmen 2018 mit bunten Bändern Aufstellung am historischen Marstall. „Wir würden liebend gern in den sanierten Bau zurückkehren“, sagt Ariane Niehoff (3.v.re.) vom Vorstand. Unterdessen startete in Burgfarrnbach eine Unterschriftenaktion für die weitere öffentliche Nutzung des Gebäudes.

Die Mitglieder des Vereins Frauen in der Einen Welt nehmen 2018 mit bunten Bändern Aufstellung am historischen Marstall. „Wir würden liebend gern in den sanierten Bau zurückkehren“, sagt Ariane Niehoff (3.v.re.) vom Vorstand. Unterdessen startete in Burgfarrnbach eine Unterschriftenaktion für die weitere öffentliche Nutzung des Gebäudes. © Foto: Sabine Rempe

1734, als die ersten Pferde die Pückler’schen Stallungen zu Burgfarrnbach - und wir wollen doch annehmen: zufrieden - in Augenschein nahmen, floss auch Herrn Bach in Leipzig etwas Brandneues aus der Feder. "Schweigt stille, plaudert nicht" heißt die Kantate, besser bekannt als Kaffeekantate. Mit Schweigen, Abwarten, Kaffeetrinken ist es im Mai 2021 allerdings nicht mehr getan. Plötzlich ist der Marstall, der viele Jahre lang leise wie ein betagter Samowar vor sich hintöffelte, ein Bluthochdruck-Erzeuger, und das nicht nur in Burgfarrnbach.

"Kultur in Fürth - hat welchen Wert für die Stadtspitze?" Pressemitteilungen mit solchen Überschriften sollen Schwung in die Bude bringen. Verfasst hat sie Barbara Fuchs, Landtagsabgeordnete der Grünen und Fürtherin. Passiert ist der Fürther Kultur seit Mittwoch eigentlich noch nichts. Aber der Reihe nach.

Bekannt ist seit Wochenmitte, dass die Stadt vor einem weiteren Geschäftsabschluss mit der denkmalaffinen Unternehmerfamilie Streng steht. MIP-Geschäftsführer Philipp Streng plant den Kauf des historischen Marstalls unweit des Schlosses, er will sanieren und den gründlich heruntergewetzten Bau fit machen.

In Bayern einzigartig

"Wir stehen ganz am Anfang", sagte Streng dieser Zeitung, dennoch sind Spekulationen nun Tür und Tor geöffnet. Wohnungen oder Büros, Wohnungen und Büros: Könnte sein, liegt nahe, muss aber nicht. Für Sorgenfalten und Frust sorgen die Neuigkeiten allerdings beim kulturellen Nutzer des Marstalls - und zugleich dem einzigen Nutzer, der den erbarmungswürdigen Zuständen im Gebäudeinneren seit 16 Jahren mit staunenswerter Energie trotzt.

"Wir lieben den Marstall trotz aller Widrigkeiten", sagt Ariane Niehoff vom Vorstand des Vereins Frauen in der Einen Welt.2005 nahm im Erdgeschoss des langgestreckten Sandsteinbaus das Museum Frauenkultur Regional-International seine Arbeit auf, dessen Zuschnitt und Profil in Bayern einzigartig sind. Seit dieser Woche steht die neue Ausstellung "#Technik#weiblich#logisch", mit Lockdown-Ende werden sich die Türen öffnen. Knapp 30 Mitglieder hat der Verein, der neben Ausstellungsprojekten Veranstaltungen und Diskussionsforen organisiert. Seit der jüngsten Nachricht ist die Laune im Keller.

Im Juni 2020 habe OB Jung die Frauen darüber informiert, dass sich in Sachen Marstall auf absehbare Zeit etwas tun würde. "Er hatte Transparenz zugesagt und versprochen, dass wir in die Pläne mit einbezogen werden", so Niehoff. Als sie zu Wochenbeginn jedoch beim Aufschließen des Museums unverhofft auf eine Handvoll Herrschaften von Bau- und Liegenschaftsamt bei Probebohrungen antraf, "da dachte ich, ich platze vor Wut". Transparenz und Kommunikation gehen aus Sicht des Vereins jedenfalls anders.

220 Quadratmeter Fläche

Niemand werde einfach so auf die Straße gesetzt, hat Jung inzwischen entgegnet und den Verbleib des Museums im Marstall bis mindestens Ende 2022 zugesagt. Einen etwaigen alternativen Standort könne er sich in der Stadt vorstellen. "Wie stellt er sich das vor?", entgegnet Niehoff. "Wir haben hier 220 Quadratmeter Ausstellungsfläche, da können wir nicht in einen 30-Quadratmeter-Laden ausweichen". Und: "Wir würden liebend gern in einen sanierten Marstall zurückkehren, wenn wir die Miete bezahlen können."

Man ahnt: Die Frauen und der OB werden in den nächsten Tagen akuten Live-Gesprächsbedarf haben. Festzuhalten bleibt, dass bislang niemand im Rathaus und im Chefbüro von MIP das Ende des Museums ausgerufen hat. Dass auch die kulturelle Nutzung nach der Sanierung möglich sein sollte, fordert zudem mit Nachdruck Burgfarrnbachs Bürgervereinschef Max Ammon, Chef der CSU-Stadtratsfraktion.

Die nun ins Rollen kommende Marstall-Diskussion lässt wiederum die Landtagsabgeordnete zum großen Besteck greifen. "Fürth wird einige wichtige Kulturorte verlieren, wenn nicht ein massives Umdenken stattfindet", schreibt Fuchs. Den Fortbestand des Museums sieht die Politikerin, die Fördermitglied im Verein Frauen in der Einen Welt ist, gefährdet.

Zugleich reiht sie den Marstall ein in eine Kette mit Hauptbahnhof, Feuerwache, Lokschuppen und Kofferfabrik. "Diese Orte werden Investoren überlassen, und damit gibt man die Entscheidung für die zukünftige Nutzung aus der Hand - wie praktisch."

Initiative sammelt Unterschriften

Die Stadt, so Fuchs, verpasse Chancen für wichtigen Kulturraum. Dem landläufigen Argument, es bräuchte mehr Wohnraum, hält die Mittelstandsbeauftragte der Grünen-Fraktion entgegen: "Machen wir uns doch nichts vor, im Marstall entsteht ganz sicher kein bezahlbarer Wohnraum!"

Auch aus Burgfarrnbach kommen kritische Stimmen. Bis Dienstag will eine Initiative unter Führung von Andrea Wein - ehemals Mitglied im Bürgerverein - Unterschriften "bei ausgewählten Alteingesessenen" sammeln und am Mittwoch dem OB übergeben. Kernforderung: Als "öffentlicher Kommunikationsraum von Alt und Jung" solle der Marstall unbedingt erhalten bleiben. "Wir brauchen hier nicht ein paar Wohnungen und Büros, nicht an diesem einzigartigen kulturellen Ort." Zudem sei der Bau gegen Schäden gesichert, Handlungsdruck gebe es also nicht.

"Natürlich", hält Bürgervereinschef Ammon dagegen, "wäre eine öffentliche Nutzung das Beste"; dem stehe aber der "jahrelange Stillstand" entgegen.

"Schweigt stille, plaudert nicht"? Eher stehen zu Pfingsten wieder Pferde im Marstall.

6 Kommentare