Dienstag, 24.11.2020

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Medizinpionierin: Fürth setzt Emilie Lehmus ein Denkmal

Gedenkstein am Friedhof erinnert an die Ärztin, die sich für Frauen und Kinder einsetzte - 01.09.2019 21:00 Uhr

Präsentierten den Gedenkstein für Emilie Lehmus, der allerdings eine andere Frau zeigt: (von links) Oberbürgermeister Thomas Jung, Pfarrer Christian Schmidt-Scheer, DGGG-Präsident Anton Scharl und der Leiter der Fürther Frauenklinik, Volker Hanf.

30.08.2019 © Foto: Sebastian Müller


Der Impuls dazu kam vom ehemaligen Poppenreuther Pfarrer Christian Schmidt-Scheer, die Umsetzung erfolgte in Kooperation mit der Stadt. Schmidt-Scheer erinnerte an Lehmus’ Lebensleistung, ihre Beiträge zur medizinischen Forschung und all die Widerstände, denen die junge Ärztin im 19. Jahrhundert ausgesetzt war.

Emilie Lehmus wurde im Pfarrhof von St. Michael als eine von sechs Töchtern des Pfarrers Friedrich Theodor Eduard Lehmus geboren, der den Fürther Friedhof einst eingeweiht hatte. Sie studierte ab 1870 Medizin in Zürich, weil Frauen im Deutschen Reich nicht zum Medizinstudium zugelassen wurden. Nach neun Semestern beendete sie ihr Studium mit "summa cum laude". Eine offizielle Approbation erhielt sie als Frau aber nie.

Mit behördlicher Duldung durfte sich Emilie Lehmus gemeinsam mit ihrer Studienkollegin Franziska Tiburtius 1876 in Berlin in einer Privatpraxis für Frauen und Kinder niederlassen. Das Türschild wies sie als "Dr. med. der Universität Zürich" aus. Die Praxis der beiden Freundinnen war gut besucht. Sie eröffneten schließlich 1887 die erste Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder in Berlin.

Um die Jahrhundertwende, im Alter von 60 Jahren, musste Emilie Lehmus ihre Praxistätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Sie siedelte zu ihrer jüngsten Schwester nach Gräfenberg um und beteiligte sich von hier aus 1908 an der Gründung der Vereinigung weiblicher Ärzte in Berlin mit einer Spende von 16 000 Reichsmark. Emilie Lehmus starb am 17. Oktober 1932 in Gräfenberg, beerdigt wurde sie auf dem Fürther Friedhof.

Oberbürgermeister Thomas Jung würdigte Emilie Lehmus auf dem Friedhof als eine der "großen Frauen-Persönlichkeiten" der Stadt. Er bezeichnete es als angemessen, ihrer  hier nun dauerhaft zu gedenken.

Prof. Dr. Volker Hanf, Leiter der Fürther Frauenklinik, wies auf eine Verbindung zwischen dem medizinischen Wirken von Emilie Lehmus und Fürth hin: Im selbstlosen Einsatz für Frauen und Kinder im 19. Jahrhundert habe sie die gleichen Werte vertreten wie Alfred Louis Nathan, der Gründer des Nathanstifts. "Die Haltung von beiden zeugt von einer menschenfreundlichen Gesinnung."

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Prof. Dr. Anton Scharl, freute sich über die postume Anerkennung, appellierte aber auch an die Gesellschaft, die Gedenkstätte als Mahnmal zu verstehen, weil die Leistungen von Frauen im sozialen und medizinischen Bereich nach wie vor nicht immer ausreichend gewürdigt würden.

Von rund 20 000 Frauenärzten in Deutschland seien heute die meisten Ärztinnen, betonte Scharl und erinnerte daran, dass Emilie Lehmus nie eine eigene Familie hatte. Auf heutige Verhältnisse übertragen zeige dies, wie wichtig es ist, dass sich auch und gerade in der Medizin Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen und dass Frauen für ihre Arbeit die gleiche Bezahlung bekommen müssen wie Männer.

Ernst-Wilhelm Schiller, ein entfernter Verwandter von Emilie Lehmus, charakterisierte die Medizinpionierin schließlich als nüchterne, gewissenhafte und großzügige Frau. Ihr Lebensmotto habe gelautet, "fröhlich sein und ehrlich bleiben".

Die Frauenskulptur auf dem Gedenkstein (Feld 42, Nr. 9) zeigt im Übrigen nicht Emilie Lehmus, sondern Christel Schuierer, eine Fürtherin, die von 1916 bis 1944 lebte und schon mit 28 Jahren starb. Ihre letzte Ruhestätte war wie auch die von Emilie Lehmus schon aufgelassen worden, doch existierte noch der Grabstein, der nun restauriert wurde.

Es waren Schicksale wie das von Schuirer, die Emilie Lehmus abwenden wollte. Volker Hanf zufolge versuchte sie nach Kräften zu verhindern, dass junge Frauen etwa infolge von Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Entbindung viel zu früh ihr Leben lassen mussten. Ein Hinweis auf Christel Schuirer an dem Stein soll laut Heimatpflegerin Karin Jungkunz noch folgen.

Sebastian Müller

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