Aufräumen nach dem Hochwasser

Nach der verheerenden Flut in Wilhermsdorf: "Es ist ein Fiasko"

12.7.2021, 18:26 Uhr
Mirjam Ritter zeigt das Ausmaß der Schäden im Haus ihrer Eltern. Die braune Linie an der Wand zeigt, wie hoch die Zenn hier zeitweise gestanden war.

Mirjam Ritter zeigt das Ausmaß der Schäden im Haus ihrer Eltern. Die braune Linie an der Wand zeigt, wie hoch die Zenn hier zeitweise gestanden war. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Es war am Freitagmittag, als die Zenn infolge des starken Dauerregens so schnell anschwoll, dass Ursula Ritter in der Kürze der Zeit nur noch zwei Autos aus dem Hof auf die höher gelegene Nürnberger Straße fahren konnte. Dann verschluckten die Wassermassen Sandkasten und Klettergerüst im Garten, schossen über den Hof, drangen in die Garagen und ins Erdgeschoss des Wohn- und Geschäftshauses ein, wo sie und ihr Mann einen Laden für Raumausstattung betreiben. Die Flut stand 70 Zentimeter hoch, ein brauner Streifen an der Wand markiert das Ausmaß der Katastrophe.

Die Wilhermsdorfer sind Überschwemmungen gewohnt. Einen so schnellen Anstieg der Flusses in so kurzer Zeit hat es im Ort laut Bürgermeister Uwe Emmert aber noch nie gegeben, weshalb er von einem "Jahrhundertereignis" spricht. Er hat die Flut genau analysiert. An seinem Computer im Rathaus zeigt er den Stand der Zenn am Freitag, gemessen wurde er in Stöckach im Kreis Neustadt/Aisch. Tatsächlich schnellte der Pegel innerhalb kürzester Zeit senkrecht in die Höhe, von knapp 1,50 Meter auf über vier.

In der Gemeinde hatte das Gerücht die Runde gemacht, ein Damm am Weiher in Obernzenn, den die Zenn durchfließt, sei gebrochen und habe die verheerende Überschwemmung verursacht. Das stimme nicht, so Emmert, er sei selbst vor Ort gewesen und habe sich davon überzeugt. Es war ihm zufolge einfach zu viel Wasser, das nicht mehr in den eh schon triefnassen Äckern versickern konnte. Der heftige Niederschlag sei von den Seitenarmen in die Zenn geströmt und habe das schnelle Ansteigen des Pegels verursacht. Während der Fluss Wilhermsdorf überschwemmte, versuchte Mirjam Ritter ihre Mutter Ursula telefonisch zu erreichen – ohne Erfolg, denn der Strom war abgestellt worden, weil die Flut die Trafostation nahe der Zenn erwischt hatte; auch das Mobilfunknetz war zusammengebrochen.

Die Zerstörung auf dem Grundstück ihrer Familie ist schlimm. Die Flut kroch in den Tresor, zerstörte Notarunterlagen, Stoffe im Lager, Werkzeuge und Waschmaschinen. Doch es sind insbesondere die persönlichen Dinge, deren Verlust so sehr schmerzt. Die Fotoalben mit Familienbildern zum Beispiel oder das Brautkleid der Tochter. Mit Hochdruckreinigern hat das Ehepaar Ritter – unterstützt von den Töchtern, die aus Nürnberg und München zu Hilfe geeilt waren, und dem Sohn, der auch auf dem Gelände an der Zenn wohnt – versucht, die fingerdicke Schlammschicht, die sich über alles gelegt hat, was mit dem Wasser in Berührung gekommen ist, zu entfernen. Um die Heizungsanlage trocken zu bekommen, griffen die Ritters zum Föhn. Im Untergeschoss des Mehrfamilienhauses riecht es trotzdem nach Feuchtigkeit, die Schuhe schmatzen auf dem nassen Teppich.

Im Hof steht ein Container, voll beladen mit Schutt, daneben ein Anhänger mit Sperrholzplatten. Immer wieder gibt es Kurzschlüsse im Haus, weil das Wasser die Stromversorgung überspült hat. Auf dem Boden im Hof liegt verrostetes Werkzeug, an der Wand lehnt ein Schlitten, hier steht ein Kinderwagen, dort ein Schubkarren voller Glühbirnen. Der Schaden dürfte bei 200.000 Euro liegen, schätzt Ursula Ritter. "Man braucht nichts beschönigen, es ist katastrophal. Das ist der finanzielle Ruin", sagt ihre Tochter. Eine Elementarversicherung, die für solche Schäden aufkommen könnte, haben die Ritters nicht. Denn: Vor etwa 25 Jahren wurde die Gegend als Hochwasserrisikogebiet ausgewiesen, Versicherungen ist das Mirjam Ritter zufolge zu heikel. Die Familie bleibt also auf dem Schaden sitzen.

Unterstützung für Flutopfer

Die Hilfsbereitschaft der Menschen, betont der Bürgermeister, sei "beeindruckend". So habe er schon einige Anrufe bekommen von Leuten, die Spendenkonten einrichten wollen. Er selbst hat den Landtagsabgeordneten Hans Herold kontaktiert und ihn gebeten, zu überprüfen, ob es für die Flutopfer nicht Unterstützung vom Freistaat geben könne, wenn keine Versicherung zahlt. Ihm sei signalisiert worden, dass man die Menschen nicht hängen lassen werde.

Für Uwe Emmert beginnt jetzt die Analyse. Wie kann man in Zeiten des Klimawandels und extremer Wetterphänomene verhindern, dass es die Wilhermsdorfer wieder so übel trifft? Wie kann man schneller reagieren, wenn in Stöckach die kritische Meldestufe vier erreicht wird? Wie kann man die Menschen schneller warnen, damit sie wertvolle Geräte und Gegenstände in Sicherheit bringen können? Welche Hochwassermaßnahmen braucht es für die Zenn?

Antworten auf diese Fragen wird es hoffentlich in den kommenden Wochen geben, nachdem sich die Gemeinden im Zenngrund untereinander und mit dem Wasserwirt-schaftsamt ausgetauscht haben. Unbegrenzt Zeit dafür bleibt nicht, denn: "Wir können das Klima nicht von heute auf morgen verändern", sagt Emmert. Es gelte, einen Masterplan auszuarbeiten und "flächendeckend" umzudenken.

Inzwischen ist die Zenn wieder zurück in ihrem Bett, es wirkt, als hätte es das Desaster nie gegeben. Am Montagabend verzeichnet die Messstelle in Stöckach einen Wasserstand von unter zwei Metern. Die Stunden, in denen die Wasserwacht auf Booten durch den Garten der Ritters gefahren ist, scheinen weit weg – wäre da nicht die Zerstörung, die die Flut hinterlassen hat.

Die Aufräumarbeiten werden sich noch hinziehen. Emmert hat zugesagt, dass die Gemeinde den Betroffenen – zwischen 25 und 30 Anwesen wurden in Mitleidenschaft gezogen – tatkräftig helfen will. Heute soll ein Trupp bei den Ritters anrücken.

Die Ritters haben bisher viel Unterstützung innerhalb der Familie erfahren. An die Wiedereröffnung ihres Geschäfts ist derzeit nicht zu denken. Besonders bitter: Wegen Corona war der Laden bereits fast ein Jahr lang geschlossen. Doch jetzt muss ohnehin erst einmal aufgeräumt werden. Während Mirjam Ritter durch die verwüsteten Garagen führt, kommt ihr sechsjähriger Neffe Lenny angerannt. "Ich habʼ einen Frosch gefunden", ruft der Kleine aufgeregt und lacht. Da ist er dann doch, der eine schöne Moment in diesen traurigen Tagen.

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