Auch E-Ticket in Arbeit

ÖPNV-Tarife: Preissprünge sollen kleiner werden

Birgit Heidingsfelder
Birgit Heidingsfelder

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4.7.2021, 06:00 Uhr

© Foto: Hans-Joachim Winckler

Das Gezerre um die Kosten für Bus- und U-Bahn-Tickets hält an. Der Stadtrat hat nun grünes Licht für eine neue Berechnungsmethode der Preissteigerungsrate gegeben. Damit sollen die jährlichen Preissprünge etwas moderater ausfallen. Manchen Stadträten reicht das nicht, auch das Sozialforum übt Kritik.

Ausgehend von den Atzelsberger Beschlüssen bildet im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg bisher ein Warenkorb, dessen Wert jedes Jahr neu berechnet wird, die Basis für die Ticketpreise. In die Kalkulation fließen unter anderem Ausgaben des VGN für Personal oder Sprit ein.

An dieser Berechnungsmethode wurde immer wieder Kritik laut. Die Fahrpreisanhebungen seien aus Kundensicht in dieser Höhe nicht nachvollziehbar, heißt es beispielsweise. Und sie berücksichtigten nicht, wie sich die Einkommen entwickeln.

Ein neuer Mobilitätsindex (MobiDex) soll das ändern. Künftig soll ein Mittelwert des Einkommens mittelfränkischer Haushalte in die Berechnungen einfließen. Finanzreferentin Stefanie Ammon geht von einer "bremsenden Wirkung" auf die Fahrpreiserhöhungen aus. Nach Testberechnungen läge der Warenkorbindex heuer etwa bei 2,61 Prozent, der Mobilitätsindex bei 2,55 Prozent. Gelten soll er ab Januar 2023 für zunächst fünf Jahre.

Stadt und Infra brauchen das Okay des Stadtrats, um dem neuen Modell in den VGN-Gremien zustimmen zu können, wo nur durchgeht, was einstimmig beschlossen wird. Sie erhielten den Segen, jedoch bei 13 Gegenstimmen von Grünen und Linken.

So sagte Gabriele Zapf (Grüne), ihre Partei sei prinzipiell gegen den MobiDex, denn er stehe für Fahrpreiserhöhungen, und damit bringe man nicht mehr Leute in Bus und U-Bahn. Niklas Haupt (Linke) pflichtete bei: Der MobiDex ändere am System nichts und die Abfederung bewege sich "im Promillebereich".

Matthias Dornhuber (SPD) hingegen erklärte, seine Fraktion sei einverstanden mit dem neuen Weg. Sie hätte zwar gerne das 365-Euro-Ticket für alle, doch könne die Stadt das allein nicht finanzieren. "Wir müssen es gemeinsam in den VGN-Strukturen schaffen", appellierte er.

Zum Verständnis: Im August 2020 hat der Stadtrat entschieden, dass Fürth die Einführung eines 365-Euro-Tickets für alle ab 2023 unterstützt. Doch gibt es einen Vorbehalt: Bund und/oder Land müssten mindestens zwei Drittel der Kosten tragen.

E-Tarif für Gelegenheitsnutzer

Schon jetzt belastet jedes ÖPNV-Ticket den kommunalen Haushalt, laut Ammon bezuschusst die Stadt jeden Fahrschein zu mehr als 50 Prozent. Allein in diesem Jahr investierten Stadt (ein Drittel) und Land (zwei Drittel) 3,3 Millionen Euro in das 365-Euro-Ticket für Schüler, die Kompensation entgangener Preiserhöhungen und vorbereitende Arbeiten für ein 2019 beschlossenes Tarif-Innovationspaket, das den ÖPNV attraktiver machen soll.

Nun werden, das hat der Stadtrat im Februar entschieden, nach drei Jahren Verzicht auf Preiserhöhungen ÖPNV-Tickets ab 2022 um 5,5 Prozent teurer. Zugleich laufen Vorbereitungen für Maßnahmen wie den E-Tarif und das Bestpreis-Verfahren.

Der E-Tarif richtet sich vor allem an Gelegenheitsnutzer. Er kann mit dem Smartphone genutzt werden, errechnet sich aus einem Mix aus Tagesgrundpreis und zurückgelegten Kilometern und gewährt ab gewissen Umsatzgrenzen Rabatte. Sie sollen dazu animieren, das Auto öfter mal stehen zu lassen, weil die zusätzlichen ÖPNV-Fahrten günstiger sind. Für Sommer 2022 ist der Beginn eines zweijährigen Pilotbetriebs mit 20 000 Testpersonen, Befragungen und Analysen geplant.

Bestpreis nur mit VGN-App

Ziel des Bestpreis-Systems, das von den Grünen angeregt wurde und im vierten Quartal dieses Jahres für registrierte Kundinnen und Kunden an den Start gehen soll, ist es, Hemmschwellen vor dem Tarifdschungel abzubauen. Die VGN-App ermittelt dabei automatisch pro Tag oder Wochenende den günstigsten Preis für die jeweiligen Routen.

Über den Stand der Dinge bei E-Tarif und Bestpreis wurde der Stadtrat lediglich informiert, abzustimmen war ausschließlich über den MobiDex. Beim Sozialforum hält man den Beschluss dazu sowie den über die neuerlichen Tarifsteigerungen für klimafeindlich und unsozial. Bei einer Kundgebung forderten seine Vertreter die Rücknahme des Votums vom Februar, eine bedingungslose Einführung des 365-Euro-Tickets und langfristig einen kostenlosen ÖPNV.

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