Protest gegen das ICE-Werk: "Wir wollen den Wahnsinn stoppen"

Sabine Dietz
Sabine Dietz

Lokalredaktion Fürth

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14.8.2021, 12:00 Uhr

© Foto: Thomas Scherer

Sie kennen sicher die Redewendung, "Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd andere an". So ist es oft, stehen Großprojekte an. Sie lehnen den Ausbau des Bahnverkehrs erklärtermaßen nicht ab, doch die dazu nötige Infrastruktur wollen Sie auch nicht vor der Haustür haben. Das ist ein ziemliches Dilemma, oder?

Manfred Wißmüller: Gewiss, an uns wird schließlich oft genug die Kritik herangetragen, wir würden die Verkehrswende blockieren. Aber unser allererster Gedanke, als wir erfahren haben, dass Raitersaich als einer von neun Standorten im Großraum für das ICE-Werk Nürnberg geprüft wird, war: Nicht schon wieder wir. Deshalb unser Slogan. Zuerst war es die Gleichstromtrasse, von der wir zum Glück verschont blieben, dann kam das Logistik-Zentrum von dataform in Buchschwabach, jetzt die Netzverstärkung der Juraleitung und der damit einhergehende Ausbau des Umspannwerks, das wir schon haben: Das wird uns weiter belasten. Das ICE-Werk würde das alles noch toppen. Wir tun schon genug für die Allgemeinheit.

Alexandra Költsch: Aber wir müssen uns immer wehren. Wir haben das Gefühl, wann immer ein Großprojekt ansteht, kommen wir ins Spiel und das hat Tradition, bereits seit den 70er Jahren. Damals haben sich die Raitersaicher erfolgreich gegen die Ansiedlung eines Rangierbahnhofs gewehrt. Aber nach wie vor gilt anscheinend: Die haben eh schon diverse Belastungen, da kommt es auf die eine oder andere mehr auch nicht mehr an. Sind wir etwa nicht schützenswert?

Aus Insiderkreisen war schon zu hören, dass Raitersaich als Standort eher ausscheidet, weil es eben doch zu weit ab vom Schuss liegt.

Wißmüller: Darauf würde ich nicht vertrauen: Da muss man sich nur den 33 Punkte umfassenden Kriterienkatalog der DB anschauen: Für Raitersaich kann man da bei fast allen Voraussetzungen einen Haken setzen. Das größte Rätsel ist für mich die Einschätzung der Planer, auf der S-Bahn-Strecke Nürnberg-Ansbach seien noch Kapazitäten frei: Ich erlebe oft genug, dass die S-Bahn an einem Bahnhof eine Viertelstunde warten muss, um einen schnelleren ICE oder Regio-Express vorbeizulassen. Wo die Kapazitäten für 50 ICE-Fahrten täglich herkommen sollen, weiß ich nicht. Wenn, dann wäre das allenfalls nachts. Diese zusätzliche Lärmbelastung würde alle treffen, die an der Strecke leben.

Sie nennen, in Anspielung auf die zwei weiteren geplanten Standorte in den Heilsbronner Dörfern Müncherlbach und Ketteldorf, drei mal 15 Argumente gegen das ICE-Werk in Ihrer Gegend, was sind die wichtigsten?

Wißmüller: Ein zentraler Punkt ist die Bundesstraße 14. Sie müsste, auch beim Standort Müncherlbach, untertunnelt werden. Das wäre mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden. Und das mindestens 400 Meter lange Werk an sich, mitsamt Wendeschleife, würde den Buchschwabacher Kirchenwald zerstören. Da fragen wir uns doch: Gelten für die Deutsche Bahn politische Auflagen fürs Flächensparen und den Naturschutz etwa nicht? Und das Straßennetz für die drei Standorte hier bei uns wäre gar nicht ausgelegt auf die logistischen Anforderungen von Zuliefererverkehr. Bei Ketteldorf kämen die Lkw zur Anlieferung vermutlich gar nicht um die Straßenkurven. Und dass die 450 Mitarbeiter alle mit der Bahn kommen, halte ich auch für illusorisch.

Költsch: Unser Problem ist, dass wir hier kein Naturschutzgebiet haben, das wird im Kriterienkatalog der Standortbewertung am höchsten gewertet. Trotzdem haben wir hier Vorranggebiete für Windkraft und Solaranlagen, die nicht mehr bebaut werden könnten. Das ICE-Werk würde unsere letzte freie Seite mit Blick ins Grüne verstellen. Doch dieses Gebiet ist für uns als Naherholungsraum und grüne Lunge sehr wichtig. Die enorme Flächenversiegelung von 32 Hektar hätte fatale Auswirkungen, etwa bei Hochwasser: Alle angrenzenden Orte, gleich ob Raitersaich, Buchschwabach oder Rohr, liegen unterhalb des Hochplateaus, auf dem das ICE-Werk entstehen sollte. Dann die Wasserknappheit, die wir ohnehin schon haben. Hat sich da mal jemand ernsthaft Gedanken gemacht, was so eine Industrieanlage für die Gegend hier bedeuten würde? Das kann doch gar nicht funktionieren. Auch ein Biolandwirt hat hier seine Flächen, das ICE-Werk würde ihn wie weitere vier Vollerwerbslandwirte, die wir im Dorf noch haben, die Existenz kosten. Kurz: Wir wollen diesen Wahnsinn stoppen.

Ministerpräsident Markus Söder hat gesagt, er habe beim Standort bei Altenfurt/Fischbach Bauchgrimmen. Haben Sie ihn gefragt, ob ihn beim Standort Raitersaich auch der Bauch zwickt?

Költsch: Natürlich haben wir uns um eine Stellungnahme dazu bemüht. Beim CSU-Bezirkstag Ende Juli haben wir die auch gekriegt. Da haben sich die Delegierten, inklusive Söder, Nürnbergs Oberbürgermeister Markus König und der Fürther Landrat Matthias Dießl, geschlossen gegen Raitersaich als Standort ausgesprochen.

Darüber hinaus haben Sie vor Ort Unterstützung von Mandatsträgern aller Couleur, vom Gemeinderat bis zum Bundestagsabgeordneten, erhalten. Das sollte doch Wirkung haben, schließlich ist der Bund hundertprozentiger Eigentümer der DB. Oder anders herum gefragt: Was trauen Sie den hiesigen Politikern zu?

Wißmüller: So jemand wie der Noch-CSU-Bundestagsabgeordnete Christian Schmidt, der sich klar hinter uns gestellt hat und auch noch im DB-Aufsichtsrat ist, sollte schon Gewicht haben, würde ich meinen. Aber tatsächlich einschätzen können wir das nicht. Sicher, wir haben viel Zuspruch erfahren, aber was nun hinter den Kulissen und innerparteilich läuft, wissen wir nicht.

Költsch: Die Politik dürfte das Raumordnungsverfahren kaum beeinflussen können. Ich habe bei der Regierung von Mittelfranken nachgefragt. Dort wurde mir gesagt, dass die neun Standorte, die in diesem Verfahren von der Bahn vorgeschlagen werden, "neutral" geprüft werden. Und mit dem favorisierten Standort geht die Bahn dann ins Planfeststellungsverfahren. Letztlich entscheidet also die Bahn, wie mit fast 300 Hektar privater landwirtschaftlicher Nutzfläche oder Wald umgegangen wird. Und sie hat auch schon in Aussicht gestellt, notfalls auf das Mittel der Enteignung zurückzugreifen, sollte ein Standort bei uns in Frage kommen. Das ist eigentlich unfassbar.

Zusammenfassend: Jeder will mehr Bahnverkehr, aber keiner das ICE-Werk in der Nachbarschaft. Was würden Sie stattdessen vorschlagen?

Wißmüller: Wir fordern, die aktuelle Standortsuche zu stoppen und das ganze Projekt noch einmal zu überdenken. Letztlich kranken alle neun ins Auge gefassten Standorte in der Metropolregion an der Nähe zur Wohnbebauung und am mangelnden Naturschutz. Die Wut und Betroffenheit der Bürger ist überall gleich groß. Dabei gab es auch Kandidaten, die sich dafür beworben hätten, die man aber abgelehnt hat. Und dann sollte man ein Betriebslayout entwickeln, das flächensparender ist, den gesamten süddeutschen Raum in den Blick nehmen und dabei insbesondere den Fokus auf Industriebrachen oder bahneigene Gelände legen. Laut Bundesverkehrsministerium hat die Deutsche Bahn seit 2004 rund 182 Millionen Quadratmeter eigene Fläche verkauft – das entspricht in etwa der Fläche der Stadt Nürnberg. Sie hat also eigene Gebiete teuer verscherbelt – und jetzt will sie im ländlichen Umland billig kaufen. Das kann doch nicht sein.

"Eine Nacht mit ICE-Werk": Unter diesem Motto läuft am Samstag, 14. August, eine Kundgebung am Sportplatz des SV Raitersaich. Musikalisch untermalt von Musikern der Region haben sich ab 19 Uhr etliche Politiker für einen Redebeitrag angemeldet. Sobald es dämmert, will die BI mit Lichtinstallationen, simulierten Huptests und Traktorkolonne verdeutlichen, wie sich das ICE-Werk vor Ort auswirken würde. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter der Adresse www.nichtschonwieder-Raitersaich.info

Zu den Gesprächspartnern: Alexandra Költsch (43) und Manfred Wißmüller (63) sind die Sprecher der Bürgerinitiative "Nicht schon wieder Raitersaich", die ihr Heimatdorf vor einem ICE-Werk bewahren will. Beide sind alteingesessene Raitersaicher.

Wißmüller ist zwar in Roßtal aufgewachsen, hat vor 26 Jahren allerdings auf einem geerbten Grundstück in Raitersaich gebaut. Der Vater zweier Kinder bezeichnet sich scherzhaft als "die personifizierte Verkehrswende": Als Software-Entwickler bei Datev pendelt er seit drei Jahrzehnten mit der Bahn nach Nürnberg.

Auch Költsch ist "fest verwurzelt im Ort", wie sie sagt. Als gebürtige Raitersaicherin ist die Fachfrau für Marketing vor sieben Jahren mit ihrer Familie auf ein Grundstück gegenüber ihrem Elternhaus zurückgekehrt. "Wir haben uns bewusst fürs Landleben entschieden", erklärt sie.

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