Rattatashöhle: Selbst für Gespenster zu gruselig

22.4.2011, 19:00 Uhr
Säulen und Nischen zeigt Hans Langenfelder in der Höhle bei Stein.  Sie entstanden durch den Abbau eines besonderen Sandes.

© Krause-Rauscher Säulen und Nischen zeigt Hans Langenfelder in der Höhle bei Stein. Sie entstanden durch den Abbau eines besonderen Sandes.

Keine Mord- und nur eine klitzekleine Spukgeschichte hat die Rattatashöhle zu bieten, doch dazu später mehr. Zunächst einmal sind die Gründe für ihre Entstehung interessant. Hier waren nicht die natürliche Erosion oder sonstige Naturgewalten am Werk, sondern der Raum ist durch Menschenhand entstanden. Nach geologischem Verständnis ist sie also gar keine richtige Höhle. Ihr Gestein, der sogenannte Stubensandstein, war vor über 100 Jahren quasi Einstreu für die Böden im Wohnbereich der Menschen, um den Schmutz zu binden und für Sauberkeit zu sorgen. Kehrte man den Sand beim Hausputz wieder heraus, entfernte man damit auch gleichzeitig den darin gebundenen Dreck.

Norbert Miederer ist der Höhlenbesitzer.

Norbert Miederer ist der Höhlenbesitzer. © Krause-Rauscher

Hinzu kam die Funktion als Scheuermittel. Böden, aber auch Tische und Töpfe wurden mit dem feinen hellbeigen Sand von hartnäckigen Rückständen befreit. Durch seine poröse Beschaffenheit konnte er leicht durch Auskratzen der Wände in der Höhle abgebaut werden. Bizarre Formationen und Säulen entstanden.

Das war die Arbeit des sogenannten „Sanders“. Er verdiente seinen Lebensunterhalt, in dem er die Höhle pachtete und den gewonnenen Sand in Nürnberg an die Hausfrauen verkaufte. Anscheinend war der letzte dieser Sander ein besonders musikalischer Geselle, der sich die Einsamkeit gern durch allerlei Gesänge vertrieb. Die mündliche Überlieferung erzählt von Versen wie „mein Herz ist rein rattata, rattata“ und schon hat man die Erklärung für den ziemlich ungewöhnlichen Namen der Höhle.

Der Landwirt Norbert Miederer, Eigentümer des Waldes und somit auch der Höhle, kann sich noch an die Zeit erinnern, in der er als Kind in den unterirdischen Gängen unterwegs war. „Wir haben dort immer Versteckerlens gespielt. Da hat sich keiner gekümmert, ob das erlaubt oder gefährlich war“. Später in den 60er Jahren — der Wald gehörte damals zum Landkreis Schwabach – wurde die Eigentümerfamilie vom dortigen Jugendamt um die Schließung der Höhle gebeten. „Da haben sich immer die jugendlichen Ausreißer aus Schwabach versteckt“ weiß Miederer zu berichten und fügt hinzu: „Das gab oft Ärger, deshalb haben wir sie dann dicht gemacht.“

1973 wurde der Eingang noch einmal kurz zu Vermessungszwecken geöffnet und danach fiel die Höhle in einen Dornröschenschlaf.

Erst im Jahr 2000 wurde sie von Miederer wieder „wachgeküsst“. „Ich wollte sie meinen eigenen Kindern und meiner Frau zeigen“ erzählt er, „aber zuerst mussten wir mal ein paar Kipperladungen an Müll und Unrat rausholen“. Seitdem sind die Gänge sauber und offenbaren dem Besucher ihre bizarre, bröselnde Schönheit mit Rundsäulen und Nischen.

Man kann aufrecht die knapp 100 Meter in die verzweigten Gänge hineingehen und ist froh, wenn man von jemandem begleitet wird, der sicher auch wieder hinaus findet. Hans Langenfelder von den Naturfreunden in Stein ist dieser Fachmann und kümmert sich im Auftrag von Miederer und auch aus persönlichem Interesse ehrenamtlich um die Höhle. Schließlich müssen die Schlösser immer wieder gewartet, der Eingang von Laub und Lehm befreit werden.

Und dann ist da noch die Geschichte mit dem – fast echten – Gespenst und dem ganz großen Auftritt: 2004 war die Höhle nämlich einer der Schauplätze des TV-Films „Das Gespenst von Canterville“. Hauptdrehort war das Steiner Faberschloss, doch für eine besonders gruselige Szene reichte die ehrwürdige Atmosphäre des alten Gemäuers nicht aus. Es sollte etwas Ausgefalleneres sein. So kam man auf die Rattatashöhle.

Swimmingpool eingebaut

Und die Filmcrew scheute keine Kosten und Mühen, wie sich Norbert Miederer erinnert: „Die sind mit einem Haufen Leuten und Technik hier angekommen und haben einen kompletten Swimmingpool in die Höhle eingebaut – ein Riesenaufwand.“ Und tatsächlich: an den schroffen Steinwänden kann man noch Reste des Klebers entdecken, mit dem damals die Poolfolie befestigt worden war.

Das Gespenst war ein hochmodernes, computergestyltes Animationsgeschöpf und schwebte effektvoll über dem Wasser – das Ganze gruselig ausgeleuchtet, begleitet in den dunklen Gängen vom Hauptdarsteller, einem kleinen Jungen. Ein Höhepunkt der Höhlengeschichte.

Seitdem ist es wieder ruhig geworden und der Eingang mit einem Gitter verschlossen. Man kann sie aber besichtigen. Für die Grundschulkinder aus Stein stellt sie immer wieder ein attraktives Ausflugsziel dar, und einmal im Jahr bietet die Volkshochschule Stein eine allgemeine Führung mit dem „Höhlenverwalter“ Hans Langenfelder an.

Weitere Infos zur Höhle gibt es unter www.agenda21-stadt-stein.de

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