Rezepte zum Lesen-Lernen: Der Lesekoch aus Oberasbach

30.4.2021, 11:00 Uhr
Gut lesen zu können, ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Bildungskarriere. Je schlechter ein Kind lesen kann, desto frustrierender ist der Schulalltag – und zwar in allen Fächern.
 

Gut lesen zu können, ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Bildungskarriere. Je schlechter ein Kind lesen kann, desto frustrierender ist der Schulalltag – und zwar in allen Fächern.   © Petra Schneider-Schmelzer via www.imago-images.de, NNZ

Die Lehrerin machte Siegbert Rudolph keine Hoffnung. Die Schülerin, achte Klasse Mittelschule, sei Legasthenikerin, sie könne nicht lesen. Man habe alles probiert, sämtliche Fördermaßnahmen hätten nichts gebracht. Beruflich habe die Jugendliche kaum eine Perspektive. Dieser Schülerin sollte der Rentner beim Bewerbungsschreiben helfen.


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Mit dieser Aufgabe begann 2008 Rudolphs ehrenamtliches Engagement für den Verein AktivSenioren. Gerade erst hatte der Oberasbacher seine berufliche Laufbahn beendet. Auf Ruhestand hatte er aber keine Lust, vielmehr auf einen Richtungswechsel. Und der vermeintlich hoffnungslose Fall spornte ihn an.

Siegbert Rudolph war seiner Zeit voraus, als er 2008 sein digitales Leselern-Training entwickelte.


 

Siegbert Rudolph war seiner Zeit voraus, als er 2008 sein digitales Leselern-Training entwickelte.   © privat, NN

Die Kurzfassung der Geschichte lautet: Nach eineinhalb Jahren konnte die Schülerin lesen, erhielt in ihrer Klasse die beste Einstellung und wurde Mechatronikerin. Und Siegbert Rudolph hat im Verlauf der intensiven Zusammenarbeit ein eigenes Lese-Lernprogramm entwickelt – bereits damals computergestützt, also: digital.


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Der heute 76-Jährige hatte seine Berufung gefunden: Kindern dabei helfen, lesen und auch schreiben zu lernen. Er gab sich den Namen „der Lesekoch“, „weil ich im Ruhestand eigentlich das Kochen lernen wollte“, erklärt er in einem Video, das auf seiner Internetseite zu finden ist. Stattdessen entwickelte der Rentner „Das Kochrezept für Lesemotivation“ (www.der-lesekoch.de).

Denn Lesen und Schreiben, betont er am Telefon, sei das Handwerkszeug auf dem beruflichen Weg. Fehlt diese Grundausstattung ist es, als hätte das Auto keine Reifen, das Haus kein Dach, der Computer keinen Strom.

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Doch genau dieses Handwerkszeug fehlt immer mehr Kindern. Schon die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016 ergab: Fast jeder fünfte Viertklässler kann kaum lesen. Und das war lange vor Corona und Distanzunterricht. „Wir können dabei zuschauen, wie unsere Kinder immer schlechter lesen und schreiben lernen – aber es passiert nichts“, kritisiert Rudolph die Schulpolitik. „Es fehlt das gründliche Lernen am Anfang.“

Der Lesekoch bemängelt, dass in den Grundschulen nicht mehr so viel geübt werde wie früher. Die Zeit, um frisch Gelerntes zu wiederholen, damit es im Gehirn verankert werden kann, wird den Kindern nicht zugestanden. „Heute schreiben sie, bevor sie den Stift richtig halten können.“

Kommt noch die Schwierigkeit hinzu, dass in einer Klasse Entwicklungsunterschiede von drei bis vier Jahren sitzen. „Die einen können bei der Einschulung lesen und schreiben, während sich andere noch nicht mal die Schuhe binden können.“

Deshalb fußt sein Training vor allem auf Wiederholung und viel Geduld. Die hat er. „Wenn es nicht nach vier Stunden besser wird, dann eben nach acht. Wenn nicht nach acht, dann eben nach zwölf oder 20 oder 30. Ich nehme es, wie es ist.“


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Mit seinem Computerprogramm hatte Rudolph den großen Vorteil, trotz Lockdown sofort weiterarbeiten zu können. Er bietet deshalb unter anderem auch Lehrkräften an, sie zu trainieren. Und per Zoom-Videokonferenz hat der Rentner den rund 35 Lesepaten und -patinnen der FreiwilligenAgentur Zirndorf sein Programm beigebracht.

Doch die drei Zirndorfer Grundschulen, die bislang das Projektangebot genutzt haben, konnten die digitale Lesepaten-Variante noch nicht wahrnehmen, sagt Mitarbeiterin Gisela Kupiak. „Die Lehrkräfte haben gerade einfach keine Zeit, auch noch diese neuen Abläufe und technischen Voraussetzungen zu organisieren.“ Schnelltests, der Wechsel zwischen Distanz- und Wechselunterricht, Notbetreuung lassen keine Handlungsfreiräume, um auch noch die individuelle Leseförderung in den Schulalltag zu integrieren.

Natürlich können sich auch Eltern, deren Kinder Leseprobleme haben, direkt an Rudolph oder das Familienzentrum Zirndorf, zu dem die FreiwilligenAgentur gehört, wenden. Aber oft sind Kinder aus prekären Verhältnissen betroffen, deren Eltern sich nicht kümmern, oder Kinder mit Eltern, die kaum Deutsch verstehen. Deshalb ist die vermittelnde Lehrkraft wichtig. „Wir haben mit den Schulen vereinbart, uns nach den Ferien wieder in Verbindung zu setzen“, sagt Gisela Kupiak.


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Wer nicht oder schlecht lesen und schreiben kann, verbaut sich nicht nur die Zukunft. Es ist auch im Hier und Jetzt für Kinder enorm frustrierend und demotivierend, nicht oder nur schlecht lesen zu können. Hausaufgaben ziehen sich wie Kaugummi in die Länge, Mathetextaufgaben werden falsch verstanden und deshalb fehlerhaft gelöst, die Noten in allen Fächern können darunter leiden.

„Viele Schüler haben sich in Ratetechniken selbst geschult und durch die Grundschule gemogelt“, sagt Rudolph. Heißt: Die Kinder lesen, was sie vermuten oder auch wissen – aber nicht das, was wirklich geschrieben steht. Oft zeigt sich erst in der weiterführenden Schule, wie gravierend die Leseschwierigkeiten sind.

Eine Schülerin berichtet

Unentgeltlich und in seiner Freizeit hat der Rentner mittlerweile mehr als 100 Kindern und Jugendlichen das Lesen beigebracht. Vor Corona waren es gleichzeitig 15 Schülerinnen und Schüler, gerade sind es vier – darunter ein Kind aus Nordrhein-Westfalen, eines aus der Schweiz und eine Jugendliche aus der Region.

Sie geht in die siebte Klasse und möchte nicht, dass ihr Name veröffentlicht wird. Sie habe früher immer Angst vor dem Vorlesen gehabt, sagt die Schülerin. „Davor, dass die anderen mich auslachen.“ Seit über einem Jahr übt sie einmal in der Woche mit Rudolph. „Es geht langsam, aber sicher besser. Jetzt macht es mir richtig Spaß, ein Buch zu lesen“, sagt sie am Telefon.

Natürlich haben die Lehrkräfte in der Grundschule ihre Mutter auf die Leseschwierigkeiten aufmerksam gemacht und geraten, mehr mit der Tochter zu lesen. „Aber ich habe mich hartnäckig geweigert. Das war echt doof von mir.“

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