Subtile Bedrohung

22.11.2011, 13:00 Uhr
Neonazis/Symbolbild

Neonazis/Symbolbild © dpa

Sie kamen in Rostock zur Welt und waren zehn Jahre alt, als 1992 ein rechtsradikaler Mob im Stadtteil Lichtenhagen tagelang die Aufnahmestelle für Asylbewerber belagerte und ein Wohnhaus mit mehr als hundert Vietnamesen in Brand setzte. Haben diese Vorgänge Sie geprägt?

Liest heute in Fürth aus seinem Buch: Ronny Blaschke.

Liest heute in Fürth aus seinem Buch: Ronny Blaschke. © privat

Ronny Blaschke: Wir haben 30 Kilometer östlich von Rostock gelebt, deshalb habe ich daran keine eigene Erinnerung. Stark geprägt hat mich, was ich als 14-/15-Jähriger bei Spielen von Hansa Rostock im Ostseestadion erlebt habe, der heutigen DKB Arena. Dunkelhäutige Spieler bekamen da Urwaldgeräusche zu hören und wurden mit Bananen beworfen. Das war so abstoßend, dass ich nie ein engagierter Fan wurde, auch wenn ich mich heimlich aus dem Haus geschlichen habe, um ins Stadion zu kommen. Meine Mutter hatte mir die Besuche verboten.

Nach den sogenannten Döner-Morden ist ganz Deutschland überrascht vom Ausmaß des braunen Terrors. Sie auch?

Blaschke: Dass es ein systematisches Terrornetzwerk gibt, überrascht mich schon. Auf keinen Fall aber überraschen mich der Hass und die Gewalt. Ich habe diesen Alltagsrassismus, die diffuse Angst vor allem Fremden, auch bei Recherchen oft erlebt und weiß, dass es No-Go-Areas gibt. Zum Beispiel habe ich in Schwedt an der polnischen Grenze den einzigen schwarzen Bewohner der Stadt mehrere Tage begleitet und immer wieder bemerkt, wie sich Gespräche schlagartig ändern, wenn er dazukommt. An der Supermarktkasse sagte einmal ein kleiner Junge zu seinem Vater „Guck mal, Papa, ein Neger.“ Der Vater zog seinen Sohn weg, und die Kassiererin schmiss meinem Begleiter das Wechselgeld hin. Nach 21 Jahren ist er in diesem Sommer doch weggezogen.

Welche Rolle spielt der Fußball für die Propaganda der Neonazis?

Blaschke: Eine große Rolle. Er ist eine Möglichkeit, an Jugendliche ranzukommen, er ist männlich dominiert, Gewaltfaszination spielt eine Rolle, das Vokabular deckt sich, es ist die Rede von Ehre, Zusammenhalt, Patriotismus. Und Fußballfans definieren sich über Rivalitäten. Dieses „Wir und die anderen“ lässt sich leicht rassistisch aufladen.

Was passiert genau? Verteilen die Rechten Flugblätter vorm Stadion?

Blaschke: Das kommt vor, ist aber selten. Genutzt werden Orte, wo sich Menschen wegen des Fußballs treffen, also Kneipen oder Züge auf dem Weg zum Stadion. Da kann es zu rassistischen Ausfällen kommen, die im Stadion wegen der Polizei und der Kameras nicht stattfinden. Und natürlich nutzen die Rechten die Internetforen der Vereine und Fans. Da reden sie dann vielleicht erst mal eher witzig und natürlich anonym über den schwarzen Spieler auf dem Feld, und irgendwann erhält ein Diskussionspartner eine persönliche Nachricht oder man tauscht verbotene Musik aus. Ich weiß von einem 17-Jährigen in Leipzig, der auf diese Weise gefragt wurde, ob er bei der Sanierung des NPD-Bürgerbüros helfen würde...

Gibt es Funktionäre, die solche Vorstöße unterstützen?

Blaschke: Nein, die spielen das eher runter.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind vor allem ostdeutsche Vereine von rechts unterwandert. Gibt es tatsächlich ein solches Ost-West- Gefälle?

Blaschke: Es mag sein, dass die Fans von Dynamo Dresden gewaltbereiter auftreten, aber der Rechtsextremismus im Fußball ist ein gesamtdeutsches Phänomen. In Ludwigshafen wollten kürzlich übrigens acht Neonazis meine Lesung stören, das gab es so noch in keiner ostdeutschen Stadt.

Ihre Erkenntnisse über eine rechte Szene im fränkischen Fußball?

Blaschke: Keine genauen, das habe ich nicht recherchiert.

Zurzeit wird heiß über ein NPD-Verbot diskutiert. Was halten Sie davon?

Blaschke: Es ist tragisch, dass so viele Steuergelder in diese Partei fließen. Trotzdem ist es mir lieber, man sorgt mit Information, Aufklärung und Argumentation dafür, dass die keine Wähler kriegen. Denn wenn man die NPD verbietet, heißt das ja nicht, dass diese Gesinnung verschwindet.

Sie haben im rechten Milieu recherchiert, haben Neonazis interviewt und touren jetzt mit Ihrem Buch durch die Republik. Wie gefährlich leben Sie?

Blaschke: Noch habe ich keine direkten Bedrohungen erhalten. Das hängt vielleicht mit meinem nüchternen Schreibstil zusammen, der nicht dämonisieren, sondern aufklären und einordnen soll. Ich lasse Neonazis zu Wort kommen, hoffe aber, dass sie sich selbst entlarven. Wenn es bisher Bedrohungen gab, dann waren die eher subtiler Art. So hieß es im Vorfeld meiner Leipziger Lesung, ich solle die besser wegen Krankheit absagen. Das hab’ ich nicht getan.

Und?

Blaschke: Passiert ist nichts, obwohl so eine Warnung schon eine einschüchternde Wirkung auf mich hat. Oder nehmen Sie die Neonazis aus Ludwigshafen. Die wurden aufs Hausrecht hingewiesen und mussten gehen. Sie wollten Präsenz zeigen.

Werden Ihre Lesungen denn flankiert von der Polizei?

Blaschke: Hin und wieder schon.

 

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