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Unter einer dicken Staubschicht: Hilfe für Langenzenns Orgel

Takte verkauft: Kantor Markus Simon sammelte Spenden auf originelle Art - 21.04.2021 17:00 Uhr

Die Orgel liegt unter einer dicken Staubschicht. In diesem Zustand kann sie Markus Simon nicht bespielen. Die Säuberung kostet etwa 15 000 Euro.

19.04.2021 © Hans-Joachim Winckler


Noch einige Wochen lang wird der Langenzenner Kantor Markus Simon in den Gottesdiensten auf die Truhenorgel im Chorraum der Langenzenner Stadtkirche ausweichen müssen. Dort nimmt der 61-Jährige seit vergangenem Herbst Platz, als nach rund drei Jahren, die das Gotteshaus saniert wurde, erstmals wieder in der Stadtkirche gefeiert werden konnte. Hier startete er am Valentinstag auch seine Spendenaktion mit dem "Verkauf" des wohl berühmtesten Orgelstücks überhaupt, der "Toccata und Fuge in d-moll" von Johann Sebastian Bach.

Spender konnten Takte erwerben, die in den kommenden Wochen nach und nach als Eingangsmusik zu den Gottesdiensten erklingen werden. Damit soll die Säuberungsaktion für die Wiegleb-Orgel aus den Jahren 1719/20 bezahlt werden, damit sie wieder bespielbar ist. Auf diese originelle Weise hatte 2018 auch Christkönig in Fürth schon Geld für die Restaurierung der Orgel gesammelt.

Die Orgel war 2017 im Zuge der großen Renovierung fachgerecht ein- und Ende 2019 wieder ausgepackt worden. Kurz danach fielen in der Kirche allerdings erneut Arbeiten an. Im Februar 2020 schließlich wurde festgestellt, dass das große Instrument verschmutzt war. Markus Simon streicht mit dem Finger über den Spieltisch und zeigt seinen vom Staub weißen Finger. "Mindestens genauso dick liegt der Staub über jedem Element in der Orgel", sagt er.

Wer zahlt die Rechnung?

Man habe mehrere Gespräche mit dem Staatlichen Hochbauamt, den Architekten und den Handwerkern geführt, wer die anfallenden Kosten übernehmen würde, sagt Simon. Die blieben ohne Ergebnis. Dies ist auch heute noch der Status quo.

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Dekan Friedrich Schuster, auch erster Pfarrer in Langenzenn, erklärt, dass diese Frage immer noch Gegenstand sogenannter "Kultusgespräche" zwischen dem Landeskirchenamt und dem bayerischen Kultusministerium sei. Diese Konstellation der Gesprächspartner ist eine Langenzenner Besonderheit, weil das um 1280 als Klosterkirche des Augustiner-Chorherrenstifts erbaute und seit 1533 evangelische Gotteshaus eine von zwei bayerischen Kirchen ist, die zu 100 Prozent dem Freistaat gehören. Die andere ist das Münster in Heilsbronn.

Doch Markus Simon, der als Pfarrerssohn quasi in und um die Kirche aufgewachsen ist, wollte nicht warten, bis sich die Behörden notfalls vor Gericht einig werden, wer die geschätzten Kosten in Höhe von 15.000 Euro übernehmen muss. So verkaufte er die 143 Takte der "Toccata". Innerhalb von nur vier Wochen waren sie "bezahlt".


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Die Resonanz sei überwältigend gewesen. Gespendet hätten neben einigen Firmen und Institutionen der Region auch viele Gemeindemitglieder. So habe er schon nach wenigen Wochen das Spendenziel erreicht. Gelder, die über den gewünschten Betrag hinaus noch eingenommen wurden, sollen für die Pflege und Wartung der anderen im Gottesdienst verwendeten Instrumente gespart werden – neben der erst vor wenigen Jahren angeschafften Truhenorgel ist das noch ein über 100 Jahre alter Flügel.

Die ersten Pfeifen sind ausgebaut

Jörg Maderer, Chef der gleichnamigen Nürnberger Orgelbaufirma, der für die Wartung der Wiegleb-Orgel zuständig ist, hat die ersten Pfeifen ausgebaut. Mit Windladen und sonstigen Teilen sollen sie bis Pfingsten gesäubert sein. "Wir hatten das Instrument erst 2013 generalsaniert", erzählt er.

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Die intensive Reinigung sei kein Luxus. "Mauerstaub ist ein idealer Nährboden für Schimmel, der letztlich jedes Holzteil angreifen kann", so Maderer. Die Orgel könnte innerhalb weniger Monate zum echten Sanierungsfall werden, wenn man sie in diesem Zustand bespiele.

Timo Lechner (epd)

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