Versorgungsärzte bestimmen Kurs in der Corona-Krise

Birgit Heidingsfelder
Birgit Heidingsfelder

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2.4.2020, 16:00 Uhr
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Seit dieser Woche gibt es in jeder kreisfreien Stadt und jedem Landkreis Bayerns einen so genannten "Versorgungsarzt", der die ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung federführend koordiniert. In Fürth ist das der Frauenarzt Dr. Ulrich Schwiersch, im Landkreis der Zirndorfer Kinder- und Jugendarzt Dr. Michael Hubmann.

Im Rahmen des "Notfallplans Corona-Pandemie" sind die beiden Mediziner der jeweiligen Führungsgruppe Katastrophenschutz angegliedert. Sie unterstehen den Weisungen von Oberbürgermeister Thomas Jung bzw. Landrat Matthias Dießl, von denen sie auch ernannt wurden.

Bisher scheint die ambulante medizinische Versorgung im Land zu funktionieren, obwohl die Front gewissermaßen bröckelt. Zum Wochenbeginn hatten in Bayern, so die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) auf FN-Nachfrage, 262 von rund 18 000 Praxen geschlossen. Die Gründe: Corona-Quarantäne (164), fehlende Schutzausrüstung (75, Vorwoche: 60), keine Kinderbetreuung (23). Circa 1500 Praxen arbeiten nur eingeschränkt – und zwar laut KVB-Sprecher Axel Heise um 30 bis 50 Prozent weniger als sonst.

Nach wie vor herrsche ein "eklatanter Mangel" an Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln. "Wir warten täglich auf die Lieferungen vom Bund, aber es kommt praktisch nichts an", klagt die KVB und prophezeit "düstere Zeiten für die ambulante Versorgung im Freistaat".

Die neuen Versorgungsärzte sollen, unterstützt von einem Arbeitsstab, die Lage managen. Laut gemeinsamer Bekanntmachung von Innen- und Gesundheitsministerium will der Staat mit ihrer Hilfe die ärztliche Versorgung vor Ort "bedarfsgerecht, schnell und möglichst widerspruchsfrei" planen und organisieren können.

Ziel sei die Minimierung "vermeidbarer Zeit- und Reibungsverluste". Zu den Aufgaben der Versorgungsärzte zählen der Aufbau und Betrieb von Corona-Testzentren, wie es in Fürth schon eines gibt, und die Einrichtung von Schwerpunktpraxen samt Personal-Rekrutierung für die Untersuchung von Covid-19-Patienten, die nicht stationär behandelt werden müssen.

Ob solche Praxen bald in Fürth eingeführt werden, konnte Schwiersch vorerst nicht sagen. Das hänge auch von der Entwicklung der Corona-Fallzahlen ab. Und: "Wir müssen uns selbst noch orientieren."

 

Unklare Zuständigkeiten

 

Manche Zuständigkeit ist noch unklar. So weiß Schwiersch nicht, ob er bald ärztliches Personal für Einrichtungen wie die neue Container-Anlaufstelle am Fürther Klinikum zur Verfügung stellen muss. Sie ist der Zentralen Notaufnahme vorgeschaltet, befindet sich im Testbetrieb und soll auch dazu dienen, Patienten gegebenenfalls ambulant zu behandeln.

Der Gynäkologe, der Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Fürth ist und Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Mittelfranken (Fachärzte), legt nach eigenem Bekunden Wert auf "einvernehmliche Wege und Lösungen". Er will nicht Arztpraxen per Anordnung in Corona-Schwerpunktpraxen umfunktionieren, sondern erwägt, "in ungenutzten Räumen eine ambulante Versorgung für Corona-Infizierte neu einzurichten".

Aus München heißt es, dass Maßnahmen "auch mittels Anordnung" umzusetzen seien. Schwiersch sagt: "Es kann vorkommen, dass Verfügungen ausgesprochen werden."

Dass jetzt, im Katastrophenfall, letztlich Bayerns Bürgermeister und Landräte über die ärztliche Versorgung bestimmen, empört Ärzteverbände Medienberichten zufolge in ganz Deutschland. Auch die KVB nennt das Vorgehen des Freistaats "übergriffig".

Sie verweist auf ihr Engagement, den Hausbesuchsdienst zur Abstrichentnahme und den kurzfristigen Ausbau der Kapazitäten unter der Rufnummer 116117 (Bereitschaftsdienst) und kritisiert: Dass der Staat nun auf Zwangsrekrutierung setze, sei "ein unnötiger Ausdruck des Misstrauens gegenüber der hoch leistungsfähigen und -willigen Ärzteschaft".

Zugleich stellt die KVB klar, sie werde sich "weiter mit voller Kraft einbringen". Das muss sie auch. Sie ist offiziell zur Kooperation mit den Versorgungsärzten verpflichtet.

Ulrich Schwiersch, Versorgungsarzt und KVB-Funktionär in einer Person, kommentiert all das nicht. Er hält erst einmal seine eigene Praxis auf der Hardhöhe in reduziertem Umfang am Laufen und tauscht sich in zahlreichen (Telefon-)Konferenzen zur Lage aus.

Für Fürth stellt er aktuell diese Diagnose: "Die ärztliche Grundversorgung ist nach meinem Kenntnisstand gewährleistet."

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