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Vom Reiz mathematischer Strukturen

Eine Schau: Konkrete Kunst von Hellmut Bruch, Gerhard Hotter und Josef Linschinger - 05.03.2019 12:30 Uhr

Gerhard Hotter (von links), Hellmut Bruch und Josef Linschinger beim Einrichten ihrer spannenden Ausstellung in der Fürther Galerie in der Promenade. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Ein Leuchten geht von der Linie aus, die dieses Bild auf eine Weise aufteilt, die sich absolut richtig anfühlt. Wenige Schritte weiter sind es Farbquadrate, die einen unwiderstehlichen Rhythmus vorgeben, während die Linien der folgenden Arbeit einen Reiz auslösen, der Antworten auf Fragen fordert, die plötzlich im Raum zu stehen scheinen. . .

Die Faszination, die die Werke der drei Vertreter konkreter Kunst bereits auf den ersten Blick auslösen, hat etwas beinahe Magisches. Da ist kein Sujet zu erkennen, das vertraut erscheint. Keine Erinnerung wird geweckt, keine Assoziation freigelegt. Und doch berühren diese Arbeiten auf eine Art, die sinnlich ist und erfrischend, eben weil sie frei macht von ausgeleierten Denkmustern und den ewig gleichen Ideen. Daraus erwächst nicht weniger als die Chance, einen Moment reinen Erlebens zu erfahren.

Das innere Gefüge

Endlich, so wirkt es ganz nebenbei, darf die fürchterliche Frage "Was will der Künstler uns mit seinem Werken sagen?" mit einem aufrichtigen "Nichts!" beantwortet werden. Aber natürlich ist das wiedermal nicht die ganze Wahrheit. Spätestens seit Theo van Doesburg 1930 in einem Manifest programmatische Gedanken zur Konkreten Kunst niederschrieb, haben sich – immer wieder neue – Spielregeln herauskristallisiert. Die muss der Betrachter im Grunde nicht kennen – doch es hat etwas ungemein Befriedigendes, einen Blick auf das innere Gefüge zu werfen.

Vielleicht ist es gar nicht einmal so erstaunlich, dass dieser Versuch auf geradem Weg zu Naturgesetzen führt und zu den bezaubernderen Seiten der Mathematik. Hellmut Bruch etwa offenbart in seinen Arbeiten mit fluoreszierendem Acrylglas nicht nur eine enge Beziehung zum Licht, sondern setzt sich mit der geheimnisvollen Anziehungskraft auseinander, die der "Goldene Schnitt" auf uns hat. Vor mehr als 800 Jahren entdeckte der italienische Mathematiker Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci, eine Zahlenfolge, die dem Wachstumsmuster in der Natur entspricht und obendrein einen Zusammenhang mit dem "Goldenen Schnitt" aufzeigt, der ein bestimmtes Teilungsverhältnis zum Beispiel einer Strecke bezeichnet. . . Was kompliziert klingt, wird erstaunlicherweise von allen Menschen als schön und harmonisch empfunden. Ein Effekt, den Bruch aufgreift.

Seine eleganten Linien "sind Verortung von Punkt und Linie genau im ,Goldenen Schnitt’ einer Fläche" (Christian Fritsche). Werke von Hellmut Bruch, der 1936 in Tirol zur Welt kam, sind heute auf dem gesamten Globus zu finden.

Die Mathematik liegt auch den Arbeiten von Josef Linschinger zugrunde. Den Schlüssel zu seiner zweiteiligen Arbeit, die auf den ersten Blick auf unregelmäßig angeordneten Farbquadraten besteht, liefert zum Beispiel der Titel: "Sudoku". Genau wie Zahlen bei diesem Rechenspiel darf hier in einer bestimmten Kombination jede Farbe nur einmal vorkommen. Nicht lange und der Betrachter ist vertieft in die Suche nach dem fehlenden Quadrat . . . Die Auflösung findet sich übrigens im Nachbarbild. Josef Linschinger wurde 1945 im österreichischen Gmunden geboren und ist Träger zahlreicher Auszeichnungen.

Der Künstler-Architekt

Falls überhaupt nötig, dann beweist in dieser Ausstellung spätestens die Herangehensweise des Nürnberger Künstlers Gerhard Hotter (64), wie weit und vielfältig die Möglichkeiten der mathematischen Strukturen sind. Hotter, der immer wieder als "Künstler-Architekt" bezeichnet wird, setzt sich mit einer Zahlenfolge auseinander, die der Schotte Dudley Langford in den 50ern beschrieb. Daraus entwickelt Gerhard Hotter Codes, die seine Werke gleich mit mehreren Sinnen erfahrbar machen.

Zum ästhetischen Genuss der planvoll arrangierten Reihen und Linien gesellt sich die Möglichkeit, zu lesen und zu hören, was zu sehen ist. Denn Hotter kann seine gewählten Codes mit Buchstaben oder Noten belegen, die den Eingeweihten zum Beispiel in die Lage versetzen, den poetischen Bildtitel aus dem Bild herauszufiltern ("Aus den Wolken über der großen Stadt tropft gläsern die Zeit"). Oder – dank QR-Code – dem Werk einfach mal zu lauschen.

"Licht + Form + Farbe + Zahl", Galerie in der Promenade, Hornschuchpromenade 17, Telefon (0911) 70 66 60, 6. und 7. März 15 bis 17 Uhr, 8. März 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung, bis 28. April, www.galerie-in-der-promenade.de 

Sabine Rempe

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