Interview

Wie man mit Kindern über den Krieg spricht: Expertin gibt Tipps

Gwendolyn Kuhn
Gwendolyn Kuhn

Lokalredaktion Fürth

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26.2.2022, 06:00 Uhr

© Foto: imago images

Haben bei Ihnen schon Eltern angerufen, die einen Rat wollten, wie sie den Kriegsausbruch in der Ukraine ihren Kindern erklären sollen?

Agnes Mehl: Nein, solche Anrufe gab es bislang noch keine. Ich denke, auch viele Erwachsene müssen erst einmal mit der Situation klarkommen und diese für sich selbst bewerten. Aber selbstverständlich können Erziehungsberechtigte bei uns deswegen nachfragen, ebenso wie Erzieherinnen oder Erzieher in Kindertagesstätten oder Lehrkräfte.

Sollen Eltern jetzt den Fernseher und das Radio abschalten und die Zeitung verstecken, sodass die Kinder vielleicht gar nicht mitkriegen, was da momentan passiert? Eigentlich möchte man sie vor solchen schlimmen Nachrichten schützen.

Das halte ich für keine gute Idee und auch für nicht machbar. Besser wäre es, die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit den Medien zu begleiten und das Gespräch mit ihnen zu suchen. Aber für Eltern ist es natürlich eigentlich eine Zumutung, dass sie ihre Kinder nicht vor der Angst beschützen können. Aber sie gehört nun einmal ebenso zum Leben dazu wie Krankheit, Tod oder eben Krieg.

Ab welchem Alter sollte ich mit meinem Kind über die Ereignisse reden?

Das kann man schwer festmachen. Wichtig ist, dass man mit seinem Kind im Austausch bleibt und gut zuhört. Je nach Alter führt man natürlich unterschiedliche Gespräche. Ich denke, dass Kinder heute recht früh mit dem Thema konfrontiert werden, weil sie vielleicht die Titelseite einer Zeitung in der Stadt sehen oder weil es in der Kita oder Schule Kinder mit russischen oder ukrainischen Wurzeln gibt.

Soll ich als Mutter oder Vater das Thema aktiv ansprechen?

Vielleicht nicht direkt nach dem Motto: "Wir müssen uns jetzt mal unterhalten über den Krieg." Ich fände es wichtiger, dass man in einem sensiblen Gespräch herausfindet, was das Kind mitbekommen hat und das mit ihm noch einmal zu besprechen. Dann kann man durchaus seine eigenen Sorgen und Befürchtungen benennen und bei seinem Kind nachfragen. Die Angst, die es vielleicht hat, sollte man so ergründen und besprechen.

Nun ist man auch als Erwachsener verunsichert und besorgt. Soll man diese Gefühle vor den Kindern verstecken oder mit ihnen direkt besprechen?

Nein, man sollte sie nicht überspielen. Das würde auch kaum funktionieren; Kinder haben da meist ganz feine Antennen und spüren das. Man darf seine Ängste schon benennen, sollte dabei aber nicht ins Dramatische abrutschen. Eine gewisse Schwäche darf durchaus mitschwingen, aber Kinder sollten nicht den Eindruck kriegen, dass sie ihre Eltern beschützen müssen. Vielmehr ist es wichtig, weiterhin Hoffnung zu vermitteln. Etwa, indem man erklärt, dass im Hintergrund Gespräche von Politikern laufen, die den Konflikt entschärfen möchten.

Nachdem die schlimmsten Zeiten der Pandemie – zumindest momentan – überwunden zu sein scheinen, kommt nun ein Krieg quasi vor der Haustür auf uns zu. Was macht diese zusätzliche Bedrohung mit den Kindern?

Ich denke, Corona ist viel näher bei uns und für die Kinder, die ja in den Schulen auch noch stark eingeschränkt sind, greifbarer als der Konflikt. Die Angst davor ist sicherlich schon da, aber es herrscht auch keine unmittelbare Kriegsgefahr und es werden auch keine Väter eingezogen oder so. Welches Thema mehr Ängste auslöst, ist sehr individuell. Manch einer hat vielleicht erlebt, dass ihm Nahestehende an Corona verstorben sind, andere haben Furcht vor dem Klimawandel oder sind bedrückt wegen familiärer Probleme. Auch hier gilt: Im Gespräch zu bleiben ist wichtig.

Sollte Ihrer Meinung nach der Krieg auch in der Schule behandelt werden?

Ich fände es gut, wenn das Thema in Fächern, wo es möglich ist und passt, etwa in Geschichte oder Religion, eine Rolle spielen würde. Das könnte auch aus einer Situation heraus entstehen, wenn Lehrer etwa merken, dass es da einen Bedarf zum Austausch gibt.

Und ist es vielleicht auch ein Ansatz, mit seinem Kind gemeinsam in den Medien etwas dazu anzusehen?

Das kann man machen. Bei älteren Kindern kann man sich zeigen lassen, welche Infoquellen am Smartphone sie nutzen und darüber sprechen, was die Bilder bei ihnen auslösen. Dabei sollte man ihnen auch erklären, dass nicht immer alles stimmt, was dort gezeigt wird. Bilder etwa lassen sich nur schwer überprüfen. Trotz der Info-Flut in unserer Zeit wissen wir eigentlich nur wenig Konkretes. Für Grundschüler bietet sich das Kindernachrichtenformat "Logo" im Kika an. Dort wird Aktuelles jeden Abend kindgerecht aufbereitet und erklärt.

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