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Zirndorfer "Krebskriegerin" verströmt Zuversicht

Palliativpatientin Susanna Zsoter macht Kranken mit ihrem Blog Mut - 02.12.2018 10:00 Uhr

„Hab echt keinen Bock zu sterben“: „Krebskriegerin“ Susanna Zsoter deutet eine Yoga-Pose an, die „Krieger“ genannt wird und Stärke wie auch Stabilität verlangt. © Foto: Heidingsfelder


Sie habe gegen Mittag einen Kontrolltermin an der Erlanger Uniklinik, sagt Susanna Zsoter am Telefon, davor spreche aber nichts gegen ein Treffen in Fürth. Gegenfrage: Wird ihr das nicht zu viel? Zwei Termine kurz nacheinander? Lachen am anderen Ende. "Nein, das geht schon. Im Moment bin ich ganz stabil, darf raus, kann Autofahren."

Es gab eine andere Zeit. Da wog die ohnehin zarte Frau bei 1,72 Metern Körpergröße nur 47 Kilo. Sie musste künstlich ernährt werden, "hing an der Schmerzpumpe, also am Morphium", und saß im Rollstuhl, weil ihr die Kraft zum Gehen fehlte. "Da sah ich selbst in meinen kleinsten Hosen aus wie eine einzeln verpackte Spaghetti." Das war Anfang 2016.

Susanna Zsoters Familie stammt aus Budapest. Sie war zwei, als ihre Eltern mit ihr und ihrer zehn Jahre älteren Schwester Ungarn verließen und nach Deutschland zogen. Seit ihrer Kindheit leidet sie an Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Als sie medikamentös so eingestellt wurde, dass aus bis zu 50 Toilettengängen acht bis zehn pro Tag (und Nacht) wurden, erlebte sie das als Befreiung. Dann kam das Jahr 2015.

Susanna Zsoter stand mitten im Leben. Sie war Marketing-Managerin bei einer Nürnberger IT–Firma und studierte berufsbegleitend Wirtschaft und Management. Auf einmal ging es ihr immer schlechter, bis sie im Oktober 2015 wegen eines Darmverschlusses notoperiert wurde. Im Zuge der OP entdeckten die Ärzte einen sechseinhalb Zentimeter großen Tumor im Darm, bösartig. Dass der Krebs bereits gestreut hatte, dass auch Lymphknoten und Leber befallen waren, zeigte sich erst nach und nach.

Für die damals 28-Jährige waren die Hiobsbotschaften der Mediziner ein Schock. "Man fühlt sich leer und wie in Watte." Sie konnte erst nicht begreifen, dass sie gemeint sein sollte, ausgerechnet sie. "Ich war doch immer in Behandlung!" Sie fühlte sich "vom Schicksal betrogen", war wütend, verzweifelt. Dass sie ihren Verlobten um sich wusste — "Er ist ein Mensch, der andere gut aufbauen kann" — und ihre Familie, half ihr, sich dem Krebs nach und nach zu stellen. Aber Susanna Zsoter scheint auch zu jenen Menschen zu gehören, die viel Kraft aus sich selbst heraus schöpfen. Bei einer Tasse Tee in einem Fürther Café beschreibt sie sich als optimistischen Charakter, der sich nie leicht unterkriegen ließ, "auch nicht vom Crohn". Ihre Worte klingen nicht trotzig, sondern selbstverständlich.

Anfang 2016 erklärten die Mediziner sie für unheilbar. Als Palliativpatientin riet man ihr, ihre "Angelegenheiten zu regeln", sie füllte eine Patientenverfügung aus. Inzwischen kennt sie so manches Krankenhaus in Deutschland von innen, hat sich zwölf Zyklen Chemotherapie und etlichen Immuntherapien unterzogen. Was nach der ersten Immuntherapie im Herbst 2016 geschah, nennt Susanna Zsoter ihr "persönliches Wunder": Jene Messwerte die über die Aktivität des Tumors Auskunft geben, gingen schlagartig zurück. Ihr Körper erholte sich und sie ist seitdem gesundheitlich relativ stabil. Natürlich weiß sie nicht, wie lange das anhalten wird. Denn: Die Metastasen sind nicht weg, sie geben nur Ruhe.

Als "Krebskriegerin" schildert Susanna Zsoter seit 2016 in ihrem Facebook-Blog öffentlich die Aufs und Abs in ihrem Leben. Es fing damit an, dass Freunde und Bekannte ihren Verlobten Löcher in den Bauch fragten. Tenor: Wie geht’s ihr denn? Was macht sie gerade? Mit einem Blog, wollte sie alle auf dem Laufenden halten. Aber sie wollte ihre Geschichte auch "in die Welt hinausbrüllen", wie sie einmal schrieb. Um andere zu warnen, ihnen klarzumachen, dass es jeden treffen kann, ob jung oder alt. Ihnen nahezulegen, dass sie sich mit einer rechtzeitigen Darmspiegelung einen Kampf wie den ihren ersparen können. Und — dass sich das Leben aber auch als "Todgeweihte" genießen lässt. Susanna Zsoter fing ihren Blog so an: "Hab echt keinen Bock zu sterben. Muss jetzt kämpfen."

Heute hat sie 3000 Abonnenten. Fans, die ihre Texte regelmäßig lesen, denen sie Mut macht ("Zeigt dem Krebs den Mittelfinger") und die sie inspiriert. Susanna Zsoter erzählt mit Witz von besetzten Liegen in der onkologischen Ambulanz ("wie morgens am Pool eines All-Inclusive-Hotels") und sie stellt klar: "Selbst wenn man sehr krank ist und als Palliativpatient vermutlich keinen unendlich langen Lebenshorizont mehr hat, muss man sich nicht ins Bett legen und auf den Tod warten. Man darf immer noch fröhlich sein, lachen und viele schöne Dinge erleben, Blödsinn machen und Zeit mit seinen Liebsten verbringen."

Ihren Bachelor-Abschluss hat sie übrigens noch gemacht, sie hat einen Matsch-Hindernislauf, den Muddy Angel Run, bewältigt und stramme 240 Kilometer auf dem Jakobsweg zurückgelegt. Immer dann, wenn es ihr "nicht so toll geht", wenn etwa bei Verdauungsproblemen mal wieder "die gekachelten Nebenräume" ihr "place to be" sind, denkt sie an ihr Lebensmotto, aus allem das Beste zu machen. Dieses Wochenende ist sie bei einem Workshop in Hannover. Denn zusammen mit ihrem Verlobten absolviert Susanna Zsoter eine zweijährige Ausbildung zum Klinik-Clown. Sie sagt, man lerne da, das Lustige in sich zu finden.

Diesen Dienstag ist Susanna Zsoter in der RTL 2-Serie "Hier & Jetzt" zu sehen, die sterbenskranke und dennoch lebensfrohe Menschen vorstellt (22.15 Uhr).

Birgit Heidingsfelder

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