"Geistiger Lockdown": Entsetzen nach Corona-Demo in Nürnberg

4.1.2021, 14:57 Uhr
Teils ohne Mindestabstand standen Hunderte Demonstranten auf dem Hauptmarkt. 

Teils ohne Mindestabstand standen Hunderte Demonstranten auf dem Hauptmarkt.  © NEWS5 / Bauernfeind, NEWS5

Das neue Jahr in Nürnberg beginnt mit Szenen in der Innenstadt, die für diese Zeit mehr als außergewöhnlich sind: "Oh wie ist das schön!", grölten hüpfende Bürger am Jakobsplatz immer wieder. Im Anschluss wurde die deutsche Nationalhymne gesungen. Weit über 300 Corona-Gegner und -leugner feierten am Sonntag in Nürnberg sich und ihren Widerstand. Größtenteils ohne Maske, ohne Sicherheitsabstand - aber mit vielen Theorien.


Ohne Abstand und Maske: Polizei löst Corona-Demo auf - Kritik an Einsatz


Am Tag danach herrscht angesichts dieser Bilder und Videos in den Sozialen Medien das blanke Entsetzen. Wie kann es bitte sein, dass jeglicher Kontakt eingeschränkt werden muss, Kliniken und Seniorenheime Alarm schlagen und dann Versammlungsteilnehmer in der Innenstadt für solche Party-Szenen sorgen dürfen? Diese Frage beschäftigt, wühlt auf. Sie wird mal sachlich, mal emotional und oft wutschäumend gestellt.

Dabei sollten es ursprünglich sogar Tausende Querdenker aus ganz Deutschland sein, die sich auf den Weg nach Nürnberg machen wollten. Mehrere Großdemonstrationen wurden dafür angemeldet. Unter anderem am Dutzendteich. Diesen Protest verbot die Stadt mit Hinweis auf den Infektionsschutz. Davon ließen sich die Maßnahmen-Gegner jedoch nicht abhalten. Sie kamen trotzdem und beantragten "Spontandemonstrationen", das heißt: eine Stunde lang an einem Ort. Die Polizei genehmigte diese Proteste. Ausgeführt wurden sie von 17 bis 18 Uhr am Hauptmarkt vor der Frauenkirche. Von dort zogen die Maskengegner dann zum Jakobsplatz, wo sie bei der nächsten "Spontandemonstration" eine weitere Stunde lang Reden hielten und ausgelassen zu Samba-Rhythmen tanzten.

"Wo ist die pandemische Lage?"

Zur gleichen Zeit wie die Querdenker hatten sich auch rund 200 Teilnehmer unter dem Motto "Pro Infektionsschutzmaßnahmen" versammelt. Ein Zusammentreffen von Coronamaßnahmen-Gegnern und Befürwortern verhinderte die Polizei.

Unter großem Jubel der Querdenker wurde in den Redebeiträgen immer wieder die Maskenpflicht angeprangert, mit der die Menschen zu "Untertanen" werden. "Wo ist die pandemische Lage?", ruft jemand ins Mikrofon. Seine Erklärung: Die Demonstranten, die seit Wochen in ganz Deutschland unterwegs sind, und sich um keinerle Auflagen scheren, seien der beste Beweis dafür, dass Politik und Medien lügen: "Ihr seid ja kerngesund und immer noch da."

In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich die Bilder und Videos, die teilweise an ausgelassenes Faschingstreiben oder an eine verspätete Silvesterfeier erinnern, rasant. "Verstörend", findet etwa Thorsten Brehm, was da in Nürnberg vor sich ging. Der Fraktionsvorsitzende der SPD kommentiert einen entsprechenden Beitrag mit dem Hinweis auf einen "geistigen Lockdown". Wie an Symbolen, Fahnen und Kleidung zu erkennen ist, waren unter den Teilnehmern viele Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker. Brehm: "Wer dort mitmarschiert, der kennt die Richtung."

Grüne: Rahmen-Einsatzkonzept hätte Szenen verhindert

117 Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz registrierte die Polizei nach eigenen Angaben. "Das sind angesichts des Inzidenzwertes in Nürnberg verheerende Zahlen", sagt Verena Osgyan, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag und unterstreicht ihre Forderung nach einen polizeilichen Einsatzkonzept, das sich am Infektionsschutz orientiert. "Mit einem Rahmen-Einsatzkonzept für die Polizeikräfte hätte man solche Szenen verhindern können."

Das Nürnberger Bündnis Nazistopp fragt sich, was eigentlich ein Demonstrationsverbot für einen Sinn mache, wenn die "Corona-Rebellen dann doch machen können, was sie wollen?"

Die Stadt Nürnberg betont indes nochmals, dass die großen beantragten Demonstrationen nicht statt gefunden haben, sondern eben die spontan angemeldeten Versammlungen in der Innenstadt. Die Polizei habe die Teilnehmer dabei regelmäßig darauf hingewiesen, die Abstandsregeln und die Maskenpflicht einzuhalten. Insgesamt gab es zehn Anzeigen, unter anderem wegen Widerstand. Die Polizei sprach zudem 50 Platzverweise aus.