Grüne Erfolgsgeschichte im tiefen Niederbayern

12.3.2008, 00:00 Uhr

© Nahr

«Ich rechne mit einem Parteiausschlussverfahren, ein Grüner darf keine 93 Prozent haben», witzelt Dieter Gewies und kokettiert nur scheinbar mit seinem Wahlergebnis vom 2. März. Denn der 62-jährige Bürgermeister der Gemeinde Furth vor den Toren von Landshut ist denkbar uneitel und eher überbescheiden. Der vormalige Volksschullehrer empfängt Gäste im legeren Pullover und offenen Hemd. Mancher in der 3500-Einwohner-Kommune murrt leise, dass der Bürgermeister nicht einmal eine Krawatte besitzt. Im Schrank des Amtszimmers hängt ein in die Jahre gekommenes Schlabber-Jacket, das Dieter Gewies aber nur bei Trauungen trägt.

Der Mangel an bürgerlichen Äußerlichkeiten: Die Wähler im tiefsten Niederbayern tragen es ihrem Grünen-Bürgermeister nicht nach. Dieter Gewies geht mit jenen 93 Prozent in die dritte Amtsperiode. Zum zweiten Mal gab es keine Gegenkandidaten. Der erste - im Stichentscheid erfolgreiche - Wahlkampf 1996 war eine Ein-Mann-Veranstaltung des Grünen-Gründungsmitglieds und Zugereisten, ganz ohne Plakatkleber, ohne jegliche Parteibasis.

Irgendwie war das ein kleines lokalpolitisches Wunder, das Dieter Gewies bis heute nicht so recht erklären kann: «Ich hatte als einziger Kandidat ein konkretes Programm, wie Furth in zehn Jahren aussehen könnte, und das hat die Leute beeindruckt.»

Seitdem bohrt Dieter Gewies mit seinem 14-köpfigen Gemeinderat ganz langsam dicke Bretter. Wie selbstverständlich hat er erfolgreich alternative Politik-Konzepte auf verschiedenen «Nachhaltigkeitsfeldern» in die Debatten eingespeist. «Glücklicherweise haben wir ein Klima der noch schnelleren Veränderungswünsche», beschreibt Gewies die Dynamik in einem Kommunalparlament, in dem er neben CSUlern, Freien Wählern und einem Sozialdemokraten der einzige Grüne ist.

Beispiel Leben im Alter: Die Gemeinde baut - neben zwei Altenheimen - systematisch in eigenen Entwicklungsprojekten das betreute Wohnen aus. Der Bürgermeister: «Menschen dürfen einfach nicht zu Entsorgungsfällen werden.»

Beispiel Energie: Auf jeden Further kommt ein halber Quadratmeter Sonnenkollektoren; auf den Dächern der schmucken Einfamilienhaussiedlungen erzeugen 150 kleine Photovoltaikanlagen Sonnenstrom - eine bundesweit einmalige Quote. Mehrere Biokraftwerke, Nahwärmenetze und moderne Holzheizungen bewirken, dass die Gemeinde Furth über zwei Drittel ihres Energiebedarfs selbst erzeugt.

Beispiel Wasser: Während sich andere Gemeinden reihenweise an Fernwassernetze anschließen, haben die Further einen neuen eigenen Brunnen gebohrt. Viele Bürger schuften beim Rückbau und der Renaturierung des vormals kanalisierten Bachs durch den Hauptort mit - eine Altlast der Flurbereinigung. «Wenn das unser Wasser ist, dann sind wir auch selbst verantwortlich.» Das Gemeindeoberhaupt beschreibt die Gedankengänge, die viele Further Bürger zu direkter Beteiligung bringen.

Begehrter Wohnort

Beispiel Bildung und Erziehung: Furth bekommt jährlich nur gut 200 000 Euro Gewerbesteuer - ein Bruchteil der Einnahmen anderer Gemeinden. Deshalb verzichtet die Kommune auf jegliche Prestigeprojekte und steckt das ganze Geld in Bildung, Kinderbetreuung und Jugendarbeit. Der hohe Standard macht Furth auch für gut verdienende Zuzügler sehr attraktiv.

Die Mustergemeinde hat inzwischen EU-weit einen ausgezeichneten Ruf. Rund 1000 Besucher kommen jährlich nach Furth. Über 40 Sendungen im überregionalen Hörfunk und Fernsehen haben sich bereits mit der Vorzeigekommune befasst. Kürzlich hat der Bürgermeister sogar eine Einladung zu Anne Wills Sonntagstalk bekommen. Dort hätte der Grüne über die «Raffgier der Stromkonzerne» herziehen können. Dieter Gewies verzichtete: «Personenkult lehne ich ab.»