Bußgelder statt Abfalleimer: Fränkisches Seenland soll müllfrei werden

17.4.2021, 07:38 Uhr
Müllberge nach einem „heißen Wochenende“ am Brombachsee: Solche Bilder sollen schon bald der Vergangenheit angehören. Unter Androhung empfindlicher Bußgelder soll der See „müllfrei“ werden.

Müllberge nach einem „heißen Wochenende“ am Brombachsee: Solche Bilder sollen schon bald der Vergangenheit angehören. Unter Androhung empfindlicher Bußgelder soll der See „müllfrei“ werden. © Foto: Jürgen Eisenbrand

In den Bergen sei es schon lange ein ungeschriebenes Gesetz, sagte Dieter Hofer in der jüngsten Sitzung des Zweckverbands Brombachsee (ZVB): "Was man hinaufschleppt, bringt man auch wieder mit runter." Und so stellt sich der Geschäftsleiter des ZVB das künftig auch im Seenland vor: Wer Schlauchboote, Luftmatratzen, Grills, Decken und Brotzeiten mitbringt, muss das auch am Abend wieder einpacken – und nicht einfach liegenlassen und darauf vertrauen, "dass es irgendeiner schon z’ammklauben wird", so Hofer.

Zum ärgerlichen Wegwerf-Trend kann er eindrucksvolle Zahlen präsentieren: Binnen zehn Jahren stieg der vom ZVB zu entsorgende Müll von 48 auf gut 137 Tonnen – beinahe das Dreifache. Rund 38.000 Euro musste Hofer 2020 für die Entsorgung aufbringen, heuer, nach der kräftigen Anhebung der Abfallgebühren, wären bei gleicher Müllmenge etwa 53.000 Euro fällig.


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"Die Morgengäste graust es", weiß Hofer, der sich um das Image seines Urlaubsziels sorgt: "Wir verspielen unser höchstes Gut, die intakte Natur." Und er ärgert sich über jene Müllsünder, "die keine Rücksicht auf fremdes Eigentum nehmen".

Sogar oft neues Strandspielzeug landet im Müll

Mit dessen Reinigung seien nach Spitzentagen inzwischen an jedem der sechs Seezentren zwei Arbeiter jeweils bis zu sechs Stunden beschäftigt. Und die fänden dort nicht nur den "üblichen" Zivilisationsmüll, sondern auch Strandspielzeug (oft noch originalverpackt), einmal benutzte Zelte und Strandmuscheln, Luftmatratzen, Isomatten und SUP-Bretter. "Wenn es sowas am Donnerstag beim Discounter gibt, wissen wir, dass wir es am Wochenende zu entsorgen haben", sagt er spitz.

Um dieser Entwicklung massiv entgegenzuwirken, soll "frühestmöglich", wie es im Beschluss des ZVB heißt, das Konzept des "Müllfreien Brombachsee" eingeführt werden. Schon in der Saison 2022 muss demnach der Badegast aus Nürnberg, Fürth, Ansbach und Ingolstadt sein Verhalten umstellen, will er nicht empfindliche Bußgelder riskieren.


Besucher lassen immer mehr Müll im Fränkischen Seenland


"Die Einhaltung des Müllverbots muss gerade in den ersten Jahren massiv kontrolliert und bei Verstößen hart geahndet werden", kündigt Hofer unmissverständlich an. Dafür sorgen soll der kommunale Ordnungsdienst, der schon ab diesem Jahr für Ordnung am größten Gewässer des Seenlandes sorgen soll.

Womit auch schon ein Problem benannt ist. Diesen Ordnungsdienst hat derzeit nämlich nur der ZVB engagiert (wir berichteten), am Altmühl- und am Rothsee fehlt dieses Disziplinierungs-Instrument bislang. Wobei Hofer weiß: "Ohne Überwachung und Sanktionen klappt’s nicht." Und schließlich sei das Ziel nicht nur der "Müllfreie Brombachsee", sondern das "Müllfreie Fränkische Seenland".

Für sein ambitioniertes Vorgehen erntete Hofer die ungeteilte Zustimmung mehrerer Kommunalpolitiker. "Die Bilder der Müllberge sprechen Bände", befand etwa Landrat und ZVB-Vorsitzender Manuel Westphal, "da können wir nicht tatenlos zuschauen." Das Attribut "müllfrei" sei ein "moderner Ansatz im Tourismus, und er "plädiere stark dafür, diesen Weg einzuschlagen".

Müllmengen sind "alarmierend"

Ein "klares Ja mit drei Ausrufezeichen" gab es vom Pleinfelder Bürgermeister Stefan Frühwald, der das Ziel "zu 100 Prozent unterstützt". Und auch der Absberger Rathaus-Chef Helmut Schmaußer hält das Ansinnen für "richtig", wünscht sich freilich auch, dass "alle mitmachen".

Womit er exakt die Hoffnung von Hans-Dieter Niederprüm formulierte, der als Leiter des Tourismusverbandes das müllfreie Feriengebiet zu bewerben hat. Er sprach dem ZVB ein "Kompliment aus, dass das hier angegangen wird", attestierte den anderen Seen-Verbänden, "positiv abwartend" zu reagieren – und bat sie, sich anzuschließen: "Ein ,Müllfreies Seenland’ ist besser als ein ,Müllfreier Brombachsee’."

Damit rannte er zumindest bei Karl-Heinz Fitz offene Türen ein. Der Gunzenhäuser Bürgermeister, der auch Leiter des Zweckverbandes Altmühlsee (ZVA) ist und im ZVB sitzt, nannte die von Hofer genannten Müllmengen "alarmierend", sprach von einer "Gesellschaft des Verbrauchens" und stellte klar: "Wir müssen deutlich machen, dass es so nicht geht."

Er werde die Initiative "Müllfrei" im ZVA kommunizieren, denn auch ihm sei klar: "Einheitlichkeit wäre günstig." Vom Rothsee empfing ZVB-Geschäftsleiter Hofer allerdings Signale, wonach dort keine steigenden Müllmengen registriert würden: "Hier gehen wohl eher viele Einheimische an den Strand, und die passen mehr auf ihre Natur auf", interpretierte er diese Nachricht.

Christa Naaß, die Vertreterin des Bezirks im ZVB, nannte das Müllfrei-Ziel "wünschenswert", vermisste aber "ein Konzept, wie man das genau angeht". Wenn nirgendwo mehr Mülleimer stünden, schmissen die Menschen ihren Abfall womöglich auf Parkplätzen oder anderswo weg, so die Sozialdemokratin. Und auch das Spalter Stadtoberhaupt Udo Weingart wollte noch einige Details wissen, ehe er dem "Müllfreien Brombachsee" seinen Segen erteilt.

"Wer sehen will, kann sehen"

Man werde sämtliche Müllbehälter im Bereich der Seezentren und Parkplätze entfernen, erläuterte sodann Hofer, lediglich die Kioske müssten Abfalleimer für jene Verpackungen bereitstellen, die bei ihnen gekauft wurden. Der ZVB werde kostenlose Aschenbecher stellen, außerdem Behälter, in denen Hundekottüten und Windeln entsorgt werden könnten. Man werde die Regelungen über alle verfügbaren Medien streuen und an allen Zufahrten und Zugängen Schilder aufstellen, die auf das Müllverbot hinweisen. "Wer sehen und wissen will, der kann sehen und wissen", so Hofer.

Sichtlich kalt erwischt wurden die Kommunalpolitiker kurz vor der Abstimmung von einem Vertreter des Wasserwirtschaftsamtes (WWA), der zur Überraschung aller verkündete, seine Behörde könne sich frühestens 2024 der Müllfrei-Initiative anschließen, weil man bis dahin noch vertraglich an einen Entsorger gebunden sei. Der leere im Auftrag des WWA alle Mülleimer an den Wegen zwischen des Seezentren.

Nach einer Art Schrecksekunde bekundete ZVB-Chef Westphal, dass er das nun "nicht nachvollziehen" könne und noch einmal "mit dem Wasserwirtschaftsamt reden" werde. Woraufhin sich beim Votum zur "frühestmöglichen" Einführung des Projekts "Müllfreier Brombachsee" doch alle Hände hoben. Und so den Kampf gegen die Müllflut im Seenland eröffneten.

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