Der lange Kampf ums Fränkische Seenland: Ein Rückblick

16.7.2020, 05:54 Uhr
Am Südufer des Großen Brombachsees liegen der Hafen und die Badebucht von Ramsberg, beliebtes Ziel von Tagesausflüglern wie Urlaubern.

Am Südufer des Großen Brombachsees liegen der Hafen und die Badebucht von Ramsberg, beliebtes Ziel von Tagesausflüglern wie Urlaubern. © Foto: Rudi Beringer/Limes-Luftbild.de

Seinen Triumph feierte Ernst Lechner an diesem 16. Juli 1970 ganz allein. Vom Landtag war er zum Traditionsgasthaus Haxnbauer in die Münchner Innenstadt gefahren, bestellte sich eine Schweinshaxe und eine Maß.

Es war die letzte Sitzung vor der Sommerpause. Als letzter Punkt stand der Antrag des CSU-Politikers aus Gunzenhausen auf der Tagesordnung, der schließlich mehrheitlich angenommen wurde: Altmühl- und Donauwasser sollte in das Regnitz-Main-Gebiet übergeleitet werden; damit verbunden war die Anlage von Altmühl-, Brombach- und Rothsee.

Es war die Geburtsstunde des Fränkischen Seenlands, die Lechner mit der knusprigen Haxe feierte. Danach rief der damals 45-Jährige beim Altmühl-Boten an und verkündete seinen Erfolg: "Dieser Beschluss wird das Gesicht unserer Heimat ändern, auf positive Weise."

Seit 1962 gehörte der Berufsschullehrer dem Landtag an, schon früh setzte er sich für einen Schutz gegen die verheerenden Hochwasser an der Altmühl ein, die er bereits als Kind auf dem Bauernhof seiner Eltern erlebt hatte. Mehr als fünf Jahre lang hatte Lechner im Maximilianeum auf die Abstimmung für das Milliardenprojekt warten müssen. Immer wieder kamen Zweifel auf, die Staatsregierung und vor allem die Oberste Baubehörde konnten sich für Lechners Ideen nicht recht erwärmen. Der Landtagsabgeordnete wurde sogar als "Spinner" bezeichnet. Aber er ließ nicht locker und setzte Deutschlands größtes Wasserbauprojekt durch.


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Was ihn antrieb? "Das ist für Westmittelfranken und den Tourismus eine riesige Chance", sagte er , als er in seiner Heimat für das Projekt warb. "Wir waren strukturell so schwach wie das Grenzland, manche sprachen vom Armenhaus Bayerns."

Der Beschluss vom 16. Juli 1970 machte Ernst Lechner (1925 - 2013) zum "Vater des Fränkischen Seenlands", aber finanziell gab es zehn Jahre später erhebliche Sorgen. Verkehrsminister Volker Hauff (SPD) wollte den für die Wasserüberleitung wichtigen Bau des Main-Donau-Kanals Anfang der 1980er Jahre stoppen und verhandelte mit München über eine "qualifizierte Beendigung" des Projekts. "Ziemlich das dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel", so schimpfte er die Wasserrinne.

"Alfons-Goppel-Prestige-Tümpel" ätzte derweil Kabarettist Dieter Hildebrandt im Fernsehen. Im Volksmund war vom "längsten Freibad der Welt" die Rede.

Ausgangspunkt der Kritik waren Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die eine nur geringe Auslastung des 1992 fertiggestellten Kanals prognostizierten. Die ökologischen Aspekte mit der Wasserüberleitung in den trockenen Norden Bayerns, der Entlastung des Altmühltals von Hochwasser und der Pufferwirkung des Seenlands traten später in den Vordergrund. Bemerkenswert ist, wie gering der Widerstand gegen das Großprojekt Seenland insgesamt war. Selbst Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz rückten von ihren anfänglichen Bedenken ab und freuen sich heute über die Vogelinsel im Altmühlsee, die seltenen Arten Schutz und Lebensraum bietet.

Allerdings mussten für das Seenland etliche Menschen ihre Heimat verlassen, etwa die Mühlen am Brombach und am Igelsbach. Fast 3000 Hektar mussten damals in staatlichen Besitz gebracht und die Eigentümer entschädigt werden. Etliche von ihnen fanden im Tourismus, etwa mit der Gründung von Pensionen, eine neue Existenz. Der Poker um Entschädigungen endete nur in wenigen Fällen in Ramsberg mit "Besitzeinweisungsverfahren", der Vorstufe zur Zwangsenteignung; dabei wird die Entschädigung von einem Gutachter bestimmt.

Wie wichtig der Wasserspeicher Seenland im Zusammenspiel mit riesigen Pumpwerken und den Kanalschleusen fürs trockene Nordbayern werden kann, zeigte sich erstmals im Hitzesommer 2003. Bis dahin funktionierte das System so: Von Kelheim aus kam das Donauwasser, von Dietfurt das Wasser der Altmühl via Kanal und Pumpwerke über die Europäische Hauptwasserscheide bei Hilpoltstein in den Rothsee. 125 Millionen Kubikmeter pro Jahr sorgten für eine bessere Gewässergüte in der Regnitz und beregneten die Felder im Knoblauchsland. Zudem blieb der Main auch in Trockenperioden schiffbar.

Aufregung um Pegelstand

Doch 2003 sank in der Hitze auch der Pegel der Donau enorm. Also musste erstmals das Wasser aus den Talsperren, dem Großen Brombachsee und dem Rothsee, entnommen werden - ohne Nachschub aus Südbayern. Die Aufregung war groß, als die Pegel der Gewässer sanken, zumal sich das Seenland längst zum Tourismuszentrum entwickelt hatte. Doch die Verantwortlichen bei den Wasserwirtschaftsämtern stellten klar, dass die Versorgung des trockenen Nordens Bayerns die eigentliche Aufgabe des Seenlands ist, der Tourismus ein schönes Nebenprodukt.

Für Lechner war der Freizeitaspekt einst das zentrale Argument, die Menschen von dem Vorhaben zu überzeugen. Und so gründete er 1976 die "Wassersportgemeinschaft Altmühl-Brombachsee", zehn Jahre vor der Flutung der ersten Seen, als auf den Flächen noch Kühe weideten. Die Mitglieder zahlten dennoch fleißig Beiträge. Heute zählt der Verein zu den großen Segelclubs Bayerns.


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