IT-Unternehmer äußert sich erstmals öffentlich

Deshalb will Hetzner Online in Gunzenhausen bauen

Jürgen Eisenbrand
Jürgen Eisenbrand

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22.8.2021, 06:23 Uhr
So wie das in Falkenstein müsste man sich auch das Gunzenhäuser Rechenzentrum vorstellen: zwölf Meter hohe, standardisierte Bauwerke, die zehntausende von Servern beherbergen und dank ihrer Architektur sowie einem ausgeklügeltes System besonders stromsparend klimatisiert werden können. 

So wie das in Falkenstein müsste man sich auch das Gunzenhäuser Rechenzentrum vorstellen: zwölf Meter hohe, standardisierte Bauwerke, die zehntausende von Servern beherbergen und dank ihrer Architektur sowie einem ausgeklügeltes System besonders stromsparend klimatisiert werden können.  © Hetzner Online, NN

Er sei, sagt er, "schon verwundert, welcher Druck hier aufgebaut wird", sagt Martin Hetzner. Und er meint damit die Gegner seines Vorhabens, zwischen dem Gunzenhäuser Ortsteil Aha und dem Gewerbegebiet Scheupeleinsmühle auf insgesamt 50 Hektar einen Rechenzentrumspark samt Photovoltaikanlage zu erreichten. Verwundert vor allem deshalb, "weil es von unserer Seite keinen Druck gibt".

Seit Mitte Juli, als die Stadt und das Unternehmen die 23 betroffenen Grundstückseigentümer in der Stadthalle erstmals über das Vorhaben informierten, kochen Emotionen und Gerüchte hoch, regen sich Unmut und Widerstand, sehen sich Hetzner und Bürgermeister Karl-Heinz Fitz abenteuerlichen Vorwürfen ausgesetzt. Was an Intensität noch zunahm, nachdem der Altmühl-Bote Ende Juli erstmals darüber berichtet hatte.

Neubau "zuhause" sei eine emotionale Sache

Im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung äußerte sich Martin Hetzner nun erstmals ausführlich zu seinem Plan, das neue Rechenzentrum des Unternehmens - das vierte nach Falkenstein/Sachsen, Nürnberg und Helsinki (Finnland) -, dessen Kapazität wegen des stetigen Wachstums der 1998 gegründeten Firma in etwa drei Jahren zur Verfügung stehen muss, in der Altmühlstadt zu bauen: "Wir haben intern nach einem Standort in Deutschland gesucht und uns irgendwann gefragt, warum nicht hier? In Gunzenhausen kennt man nur unser kleines Gebäude in der Industriestraße, die anderen Standorte sind weitgehend unbekannt." Und ein Neubau "zuhause", das sei, räumt der Unternehmer ein, "auch eine emotionale Sache gewesen".

Also habe man Kontakt zu den Kommunalpolitikern und Wirtschaftsförderern in der Region aufgenommen, ihnen das Konzept vorgestellt und sie gebeten, sich nach geeigneten Standorten umzuhören. "Es gab einige Rückmeldungen", erinnert sich Hetzner, "aber aus Gunzenhausen kam nichts." Der Grund, so erfuhr man: Es gebe keine Flächen dieser Größenordnung im Besitz der Stadt.

"Das fanden wir schade", sagt Hetzner, und so habe man "aus rein technischer Sicht" mal betrachtet, wo in Gunzenhausen überhaupt eine Ansiedlung möglich wäre: "Und heraus kam dann das besagte Grundstück." Unter anderem weil es groß genug wäre, und weil ein Umspannwerk in unmittelbarer Nachbarschaft steht. Denn: Der Strombedarf eine Rechenzentrums ist enorm, die auf 10 Hektar errichtete Anlage in Falkenstein verbraucht in etwa so viel Elektrizität wie 90.000 Privathaushalte. Wobei Hetzner, der ausschließlich Ökostrom einsetzt, zu bedenken gibt, dass der private Stromverbrauch im Vergleich zum gewerblichen generell gering ausfällt.

Jede WhatsApp-Nachricht läuft über ein Rechenzentrum

Zwischendurch erklärt der IT-Fachmann gerne, wozu seine Firma - aber eben auch sämtliche Internet-Nutzer - immer mehr Rechenzentren braucht. Und schildert eindrucksvoll, dass es eben nicht nur um von Kunden gemietete Speicherplätze in der sogenannten "Cloud" gehe: Das mache nur ein paar Prozent der Kapazität der Hetzner-Server aus, von denen allein in Falkenstein 250.000 stehen. "Jede Mail, jede WhatsApp-Nachricht, jede Website und jede App, die interagiert, läuft über ein Rechenzentrum", sagt Hetzner.


Im Internet zu Hause: Hetzner Online, ein Global Player aus Gunzenhausen


Dazu kommen - unter anderem - Streamingdienste, Internet-TV, Homeschooling-Plattformen, die Sprachbefehle an Siri und Alexa, kurz: "Fast alles, was ein Smartphone tut, geschieht über ein Rechenzentrum." Und sein Mitarbeiter Daniel Biller bringt es auf eine prägnante Formel: "Rechenzentren sind das Rückgrat der Digitalisierung."

Natürlich habe man im Unternehmen schnell auch die Probleme des heimischen Standorts erkannt: "Wir haben durchaus kontrovers diskutiert, ob das bei der kleinteiligen Eigentümerstruktur überhaupt sinnvoll ist - oder einfach illusorisch", sagt Martin Hetzner. Sei dann aber bereit gewesen, es anzugehen: "Wenn wir es nicht probieren, klappt es sowieso nicht", sei die Devise gewesen. "Und wenn es klappt, ist es ein tolles Gebiet."

Es geht eben nicht nur um Geld

Man hätte, sagt der Gründer des vielfach ausgezeichneten Webhosting-Unternehmens, alles gerne mit den Eigentümern in aller Ruhe abgeklärt, dann aber sei die Berichterstattung im Altmühl-Boten dazwischengekommen, wodurch das Thema eine neue Dynamik bekam.

In den letzten Tagen nun sei ihm klar geworden, sagt Martin Hetzner, dass es, wenn Menschen Grund und Boden verkaufen sollen, "nicht nur um Geld geht. Da spielen auch steuerliche Aspekte eine Rolle, das geht es um ein Erbe vom Großvater, da gibt es vielleicht eine zerstrittene Erbengemeinschaft, die sich nicht einigen kann". Und er spricht sodann einen bedeutungsscheren Satz aus: "Die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt hier realisierbar wird, ist gering." Der Standort Gunzenhausen habe sich als "hochproblematisch" herausgestellt.

Wer den zurückhaltenden Unternehmer, der sich nicht nur in Gunzenhausen in vielfacher Hinsicht sozial engagiert, ohne das an die sprichwörtliche große Glocke zu hängen, bei diesem Satz zuhört und zusieht, glaubt zu erkennen, wie sehr er diese Entwicklung bedauert. Ganz offensichtlich hätte er seiner Heimatstadt diesen Standort, diese Zukunftstechnologie, diese Arbeitsplätze ("in zehn Jahren sicher mehr als 100") gerne "geschenkt". Nun wolle man noch bis zum Ende der Sommerferien die Reaktionen auf das Kaufangebot von 16 Euro je Quadratmeter abwarten und dann vielleicht mit der Stadt beraten, ob es sinnvoll sei, weiter an dem Projekt zu arbeiten.

Platz- und Rechner-Kapazitäten reichen wohl nur noch drei Jahre aus

Denn: Einen gewissen Zeitdruck hat das Unternehmen durchaus. Das bisherige Wachstum vorausgesetzt, reichen die Platz- und Rechner-Kapazitäten an den vorhandenen Niederlassungen noch etwa drei Jahre, dann muss neu gebaut werden. "In den nächsten sechs bis neun Monaten müssen wir zu einer Standort-Entscheidung kommen", sagt den auch Martin Hetzner. Und fügt hinzu: "Wenn es dann nicht Gunzenhausen wird, dann eben die zweitbeste Lösung."

Ob er dann in Nürnberg oder hier baue, sei "für uns egal, es muss auch nicht die Region sein", wenngleich es bei der ersten Sondierung mit den Kommunalpolitikern einige "interessante Angebote" aus einem 30- bis 40-Kilometer-Radius um den Stammsitz gegeben habe. Und dank der intensiven Berichterstattung der letzten Wochen seien sogar noch weitere aus anderen Gegenden hinzugekommen. Das Muna-Gelände scheide für ihn allerdings aus, antwortet Hetzner auf eine entsprechende Nachfrage: "Unser Anspruch ist es, möglichst ökologisch zu wirtschaften. Da würde das Abholzen von Bäumen nicht dazu passen."

Klar sei für ihn auf jeden Fall: "Dass wir bundesweit keinen geeigneten Standort finden, halte ich für unwahrscheinlich."

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