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Gunzenhausen: Nordmanntannen sind die Bestseller

Welcher Christbaum darf’s denn heuer sein? Unsere Reporterin hörte sich bei Händlern in Gunzenhausen um - 19.12.2017 06:19 Uhr

Seit 30 Jahren im Geschäft: Dieter Herzog (links) mit Sohn Rolf und Helferin Sylvia am südlichen Ortsausgang. © Kristy Husz


Das Geschäft war erfolgreich, der Heimtransport ist ein wenig knifflig: Vorsichtig schultert der Mann den frisch erworbenen Baum, steigt auf seinen Drahtesel, balanciert sich und seine Fracht aus und radelt vom Stand der Gärtnerei Grau in Richtung Promenade davon.

Seit 60 Jahren ist der Betrieb aus Pleinfeld nun schon auf unserem Wochenmarkt vertreten. Unter das Sortiment aus Blumen, Obst und Gemüse mischen sich im Dezember zusätzlich Nadelbäume. Genauer gesagt: Nordmanntannen. Diese Konifere ist der Christbaumklassiker Europas und als solcher aus der Altmühlstadt nicht wegzudenken: "Der Kunde ist auf Standard getrimmt", sagt Gärtner Benjamin Lemke, "und will fast nichts anderes." Er muss es wissen, mit 15 Jahren Erfahrung als Markthändler.

Seine Tannen kommen allesamt aus Franken – da die eigene Plantage den Bedarf nur zur Hälfte deckt, wird in der Gegend zugekauft. Dabei wird so genau kalkuliert, dass zu Lemkes Stolz am Ende nicht einer von 200 Bäumen übrigbleibt. Und das, obwohl die Menschen immer häufiger erst knapp vor Weihnachten zuschlagen. Die Angst, das Gewächs könnte sonst bis Heiligabend schlappmachen, ist für den Spezialisten absolut unbegründet: Selbst in warmen Wohnungen halte sich ein normaler Qualitätsbaum mehrere Wochen.

Ansprüche sind gestiegen

Trotzdem seien die Ansprüche gestiegen, alles müsse so perfekt sein wie möglich, was zu einer Schwemme mit – gespritzten – Industriebäumen führe. Die Gärtnerei Grau wählt als regionaler Anbieter den anstrengenderen Weg, aber als Lohn ist man inzwischen auf sieben Märkten in der Umgebung dabei und konnte jüngst kräftig in die eigene Infrastruktur investieren.

Schwenk von der Innenstadt zu den Ortsausgängen: An den letzten Metern der Nürnberger Straße, auf dem Parkplatz der Textilfirma KiK (ehemals Expert-Markt), hat Patrick Meßthaler aus Wolframs-Eschenbach seinen Stand aufgebaut. Ein Wäldchen saftigen Grüns wird hier von einem Bauzaun eingefasst – was es innerhalb dieser Begrenzung zum Aktionspreis gibt, trägt eine rote Banderole und geht weg wie heißer Punsch an der Eisbahn.

Nordmanntannen sind sehr begehrt, weiß Felix Köpplinger, der den Meßthaler-Stand in der Nürnberger Straße betreut. © Kristy Husz


Nordmanntannen sind auch bei Meßthaler die begehrteste Ware. Die größeren stammen, erklärt Mitarbeiter Felix Köpplinger, aus Neresheim bei Aalen. Wer statt eines Schwaben lieber einen Mittelfranken im Wohnzimmer stehen haben möchte, muss sich mit kleineren Exemplaren begnügen. Diese züchtet Köpplingers Chef selbst, und für überschaubare Domizile scheinen sie eine echte Alternative zu sein.

Auf dem Areal herrscht reges Leben, immer wieder nähert sich ein Auto und entsendet Menschen mit prüfenden Blicken zwischen das Nadelgehölz. Gar nicht lange für die Entscheidung braucht ein Ehepaar aus dem Landkreis Roth: Kaum haben sie die Verkaufsstelle entdeckt, lassen sie ihren Wunschbaum schon mithilfe einer Einnetztrommel verpacken und in den Kofferraum hieven. Maßgeblich beeinflusst wurde die schnelle Aktion nach eigenen Worten vom Sonnenschein und der Nähe zu Mc Donald’s, denn dorthin wollte man soeben zu Mittag einkehren.

"So sind meine liebsten Kunden – kommen, sehen, gehen", sagt Köpplinger und grinst. Natürlich kämen auch bei ihm manche bloß zum Sehen und versprächen dann, bis Heiligabend erneut vorbeizugucken. Doch sehr viele aus seiner bunt gemischten Klientel würden sofort zugreifen, getreu dem Motto: "Besser wird’s nimmer".

Fast ein halbes Dorf

Am anderen Ende der Stadt, auf dem Parkplatz von Autotechnik Heinzmann in der Weißenburger Straße, preisen seit 30 Jahren Dieter Herzog und seine Familie Weihnachtsbäume an. Neben dem südlichen Kreisverkehr hat der Dittenheimer Gemüsehändler, der ebenfalls auf dem Wochenmarkt vertreten ist, fast ein halbes Dorf errichtet – mit Nadelwald, Wohnwagen und einem Zelt, das Sturmtief "Zubin" in der Nacht aufs Nachbargrundstück gepustet hat.

Das Wetter macht Herzog heuer genauso zu schaffen wie die verkürzte Saison und die Billigkonkurrenz der Supermärkte, aber er hat so seine Strategien, das alles auszugleichen. Eine auf langjähriger Erfahrung gründende Beratung und die Spezialisierung auf Übergrößen sind die Pferde, auf die er persönlich setzt.

Benjamin Lemke versorgt am Stand der Gärtnerei Grau auf dem Wochenmarkt die Gunzenhäuser mit dem passenden Weihnachtsbaum. © Kristy Husz


Beispielsweise staffiert er mit bis zu zehn Meter hohen Bäumen die Kirchen, Arbeitsämter, Firmen, Ferienhäuser und Banken der Region aus. Hinzukommt ein kostenloser Lieferdienst für den Raum Gunzenhausen, den etwa die Hälfte seiner Abnehmer nutzt. In der Früh aussuchen, abends vor der Tür auffinden, das bedeutet Kundenbindung und damit steten Umsatz.

Im Sortiment hat der Betrieb die gefragten Nordmanntannen, außerdem jedoch Fichten, Kiefern und die Nobilis- oder Edeltanne, Dieter Herzogs Favorit. Diese Art rieche intensiv nach Harz, verliere keine Nadeln und eigne sich selbst für Räume mit Wärme von unten, vulgo Fußbodenheizung. Und sie vertrage sich dank ihrer etagenförmig angeordneten Zweige bestens mit Wachskerzen, wie der Fachmann erläutert.

Bis auf seine Stechfichten – besser bekannt als Blaufichten oder gar Blautannen –, die Herzog am Gelben Berg anpflanzt, stammen alle Bäume aus Dänemark. Zwei gutgelaunte Damen, die gerade ihr Exemplar im Wagen verstauen, geben gerne Auskunft, wie sie den Skandinavier zu schmücken gedenken: "Mit Elektrokerzen und im altdeutschen Stil."

Wem das nun zu nordisch und nostalgisch sein sollte, könnte den jüngsten Weihnachtstrend aus dem Internet aufgreifen. Wie sich der Fotoplattform Instagram entnehmen lässt, dekorieren besonders hippe Menschen heuer – kein Scherz – statt eines Baumes nämlich eine Ananas. Die nadelt garantiert nicht und kann nach den Festtagen ganz praktisch entsorgt werden, indem man sie einfach verspeist.

Da der Franke als solcher aber eher Traditionalist ist, sollte dieser Mode in Gunzenhausen wohl nicht allzu viel Erfolg beschieden sein. Die städtischen Christbaumhändler dürfen also beruhigt aufatmen. 

KRISTY HUSZ E-Mail

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