Homeschooling ist für Familien ein Drahtseilakt

Isabel-Marie Köppel
Isabel-Marie Köppel

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15.2.2021, 16:31 Uhr
 Drahtseilakt Homeschooling bei Familie Scheda. Der neunjährige Grundschüler Noah sitzt an seinem Schreibtisch. Seine Mutter Pamela Scheda ist mit Blick auf den Distanzunterricht froh, dass ihre Kinder eigene Zimmer haben.

 Drahtseilakt Homeschooling bei Familie Scheda. Der neunjährige Grundschüler Noah sitzt an seinem Schreibtisch. Seine Mutter Pamela Scheda ist mit Blick auf den Distanzunterricht froh, dass ihre Kinder eigene Zimmer haben. © Isabel-Marie Köppel, NN

Widerwillig setzt sich der Junge auf, an seinem genervten Blick und den hängenden Schultern ist deutlich zu erkennen, dass er keine Lust auf Schule hat – oder besser gesagt: auf den „Startschuss“ im Fernunterricht zuhause, der jeden Morgen stattfinden soll. Das schreibt das Rahmenkonzept des Bayerischen Kultusministeriums für Distanzunterricht vor. Seit dem 11. Januar, also seit über einem Monat, muss der Neunjährige nun schon von daheim aus lernen. Er besucht – wenn auch derzeit nicht physisch – die dritte Klasse der Grund- und Mittelschule Markt Berolzheim-Dittenheim.
„Der Noah ist noch müde“, versucht ihn seine Mutter in Schutz zu nehmen. Es gebe Tage, an denen laufe es ganz gut – und andere. „Heute haben wir ein Motivationsloch. Vielleicht wird das noch besser“, hofft die 40-Jährige. Noahs Klasse übt derweil unregelmäßige Verben. „Er rät“, sagt der Lehrer. „Er riet“, antwortet ein Schüler. Im Hintergrund versucht Pamela Scheda, ihren Sohn zu animieren: „Na, komm, das weißt du. Das hatten wir auch schon.“

"Wo ist denn der Noah?"

So geht es eine Weile bis der Lehrer selbst nach dem Jungen fragt: „Wo ist denn der Noah? Den seh’ ich gar nicht, nicht dass er sich meldet.“ Daraufhin setzt sich der Bub auf, nimmt das Tablet in die Hand, führt den Mund zum Mikrofon und antwortet laut: „Steigen, er stieg!“
Die Schüler und Schülerinnen sind beim virtuellen „Startschuss“, der hier mithilfe des Programms MS Teams erfolgt, nicht verpflichtet, die Kamera einzuschalten, sagt Konrektor Hans-Jürgen Waidler. Als Lehrer spreche man dann gegen ein Icon, also ein gesichtsloses Piktogramm. „Hat der Schüler die Füße hochgelegt? Oder längst Kopfhörer aufgesetzt? All das bekommt man nicht mit“, schildert Waidler das Dilemma.

Im bequemen Sessel

Dass für die Kinder die Motivation im Homeschooling „eine ganz andere ist“, sei ihm klar. „Da sitzt man dann in einem bequemen Sessel vielleicht vor dem Wohnzimmertisch“, mutmaßt er und ahnt nicht, dass er damit die Szene im Hause Scheda/ Marakchi vom Morgen beschreibt. Im Klassenzimmer stehe der Lehrer stattdessen vor allen Schülern und habe jeden gut im Blick: „Wenn da einer abschweift, ist es wesentlich leichter ihn wieder einzufangen und zurückzuholen – etwa durch eine kleine Bemerkung.“
Der Unterricht zu Hause funktioniere nur, wenn sie den ganzen Tag hinter ihrem Sohn her sei und ihn antreibe, bestätigt Pamela Scheda. Homeschooling sei kein Selbstläufer, andere Mütter berichteten Ähnliches. Für die Kinder sei nun nach ein paar Wochen die Luft raus. Man dürfe ihnen deshalb keinen Vorwurf machen. Schließlich kämen auch sie kaum raus, um Freunde zu treffen, auch das Fußballtraining fehle.

Drahtseilakt Homeschooling bei Familie Scheda. Die elfjährige Gymnasiastin Fatima versucht auf ihrem Smartphone zu lernen,  während sie ihr vierjähriger Bruder Jonas dabei beobachtet. Im Vordergrund kaut  die knapp einjährige Jasmin auf einer Zahnbürste herum. Foto: Isabel-Marie Köppel  Februar 2021

Drahtseilakt Homeschooling bei Familie Scheda. Die elfjährige Gymnasiastin Fatima versucht auf ihrem Smartphone zu lernen, während sie ihr vierjähriger Bruder Jonas dabei beobachtet. Im Vordergrund kaut die knapp einjährige Jasmin auf einer Zahnbürste herum. Foto: Isabel-Marie Köppel Februar 2021 © Isabel-Marie Köppel, NN

Ihre Älteste, Fatima, ist elf Jahre alt und geht in die 5. Klasse des Simon-Marius-Gymnasiums in Gunzenhausen. Sie sei froh, in dieser Zeit Geschwister zu haben, „auch wenn sie manchmal nerven“. Dabei schielt sie vorwurfsvoll zu ihren Brüdern hinüber. Pamela Scheda und ihr Mann haben insgesamt vier Kinder, neben Fatima, Noah und Jasmin gibt es noch den vierjährigen Jonas.
Neben Brüdern, die auch mal in den Musikunterricht der älteren Schwester platzen, klagt Fatima über technische Probleme. Das Mikrofon ihres Laptops ist ausgefallen, und weder Vater noch Mutter sind bisher dahintergekommen, wo der Fehler liegt. „Also musste ich das Handy nehmen, aber da ist alles so klein“, stöhnt sie. Die Phase, in der sie das Homeschooling cool fand, weil sie länger schlafen konnte, sei vorbei: „Es ist schon blöd. Entweder die Verbindung ist schlecht, oder die Präsentation hängt.“

Lieber Google oder die Mama fragen

Andererseits kann so ein Handy auch praktisch sein. „Hey, Google“, spricht Fatima in ihr Smartphone, um dem Suchassistenten eine Frage zu stellen, als sie der Blick in ihr Buch nicht weiterbringt. Der Weg, schnell Google oder eben die Mama zu fragen, sei kürzer, berichtet Pamela Scheda aus eigener Erfahrung. Deshalb wohne sie Noahs „Startschuss“ auch gerne bei, weil er später seine Fragen an sie richte – auch wenn die Lehrer dafür zur Verfügung stünden. Aber der Junge wähle eben den einfacheren Weg, was sie verstehen könne: „Im Büro fragt man doch auch erst mal den Kollegen, bevor man eine E-Mail schreibt.“ Scheda arbeitet in Teilzeit in einem Ingenieurbüro, und auch ihr Mann ist berufstätig. Muss sie zur Arbeit, kümmert er sich um die Kleinen. Um ihn zu entlasten, nimmt sie immer ein Kind mit ins Büro: „Mein Arbeitgeber ist da sehr großzügig.“

Eltern wird zu viel aufgebürdet

So viel Kreativität und Pragmatismus, wie sie in der Corona-Pandemie aufbringen müssten, wünsche sie sich auch manchmal von den Schulen. Mit Noahs Schule ist sie schon aneinandergeraten, weil ihrer Meinung nach den Eltern zu viel aufgebürdet wird: „Warum setzt man keine Prioritäten mehr wie im Frühjahr? Ich verstehe nicht, wieso man jetzt auch noch die Nebenfächer durchdrückt. Wenn ich Mathe, Deutsch und HSU ordentlich schaffe, dann bin ich doch zufrieden. Ich bin keine Pädagogin.“ Auf die Notbetreuung möchte sie nicht zurückgreifen, da es zum einen ihre Kinder nicht wollen, und zum anderen würden sie dort auch „nur verwahrt“.


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Deshalb appelliert sie ans Kultusministerium, das als Dienstherr den Schulen die Vorgaben macht, dies noch mal zu überdenken: „Das ist nicht fair. Man muss aufpassen, dass die Kinder nicht zu viel Druck bekommen. Sie können es nicht artikulieren wie Erwachsene, wenn sie überfordert sind.“ Dabei ist ihr bewusst, dass es die Lehrer ebenfalls nicht einfach haben, den Disput hätten sie mittlerweile beigelegt.
Konrektor Waidler klärt in dem Zusammenhang auf, dass es im Sommer eine Änderung in der Schulordnung gab, die besagt, dass Distanz- auch Pflichtunterricht darstellt, weshalb die Schulen nun die Nebenfächer im Fernunterricht durchnehmen müssen. Im Frühjahr dagegen lag der Fokus auf Fächern wie Mathe oder Deutsch, die inhaltlich aufeinander aufbauen, bestätigt er.

„Uns ist die Belastung der Eltern bewusst, wie viel Stress sie haben“, sagt er. Deshalb versuche seine Schule, einen Mittelweg zu gehen und keinen Notendruck aufzubauen – auch wenn mündliche Prüfungen im Fernunterricht erlaubt sind. „Es ist ein Drahtseilakt. Wir wollen niemanden über Gebühr belasten, aber einfach laufen lassen geht auch nicht – nicht nur wegen der Gesetzgebung, auch wegen der verlorenen Zeit“, erklärt der Mittelschullehrer.

Nebenflächer können ein Ausgleich sein

Die Nebenfächer komplett „runterfallen zu lassen“ wollen er und Rektor Eberhard Mathes deshalb nicht: „Sie können auch ein Ausgleich sein. In Religion oder Ethik leistet die Lehrkraft einen guten Dienst, weil neben dem Stoff auch Gespräche angeboten werden, über das, was gerade passiert.“ Ebenso gebe es einfallsreiche Musik-Apps, die niederschwellig Instrumentenkunde vermittelten.
Angeregt durch das Gymnasium möchte Fatima zum Beispiel mit einer Freundin eine eigene 30-Tage-Challenge bewältigen: Innerhalb eines Monats wollen die beiden zusammen so viele Kilometer laufen, wie sie bis nach Los Angeles bräuchten. So verhilft sich die Elfjährige zu ihrem eigenen Sportprogramm.


"Papa, ich habe jetzt dann auch homeoffice"



„Richtig doof“ findet sie hingegen, dass die Faschingsferien diese Woche ausfallen, und auch Noah droht schon: „Wenn eigentlich Ferien sind, mach ich keine Hausaufgaben.“ Ihre Mutter findet es ebenfalls ungerecht: „Es ist ja nicht so, dass sie nichts gemacht hätten.“ Dennoch mahnt sie Fatima: „Du musst was lernen. Du schadest nur Dir selbst.“
In ihrer Brust schlügen zwei Herzen: Natürlich sollen ihre Kinder etwas lernen, und sie sei gewillt, sie zu unterstützen. Aber „eins zu eins den Lehrplan weiterzugeben“, sei nicht richtig. Waidler hält dagegen, dass der Inhalt in allen Fächern reduziert und zeitlich gestreckt wurde.

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