Abfahrt am Bahnhof ohne Wiederkehr

28.3.2009, 00:00 Uhr
Für Bahnbegeisterte ein wehmütiger Moment: Der Abriss des Bahnhofs in Herzogenaurach 1984. Am alten Arbeitsplatz: Robert und Gundi Deutinger (r.) auf dem Rest-Bahnhof.

Für Bahnbegeisterte ein wehmütiger Moment: Der Abriss des Bahnhofs in Herzogenaurach 1984. Am alten Arbeitsplatz: Robert und Gundi Deutinger (r.) auf dem Rest-Bahnhof. © Garlt/Johnston

Einer, der Höhen, aber auch Tiefen am Bahnhof miterlebt hat, ist Robert Deutinger aus Burgstall. Mit 14 Jahren begann der gebürtige Nürnberger als «Eisenbahn Jungwerker» im «nichttechnischen Bereich» seine Ausbildung bei der Deutschen Bundesbahn an der «Hauptdienststelle» am Bahnhof Erlangen-Bruck. Rund 50 Jahre liegt das zurück.

50 Stunden betrug die Arbeitszeit und als «Stift» verdiente er 50 Mark im ersten Lehrjahr, sogar 90 im dritten bei immerhin 50 Arbeitsstunden in der Woche.

Kaum hatte er ausgelernt, wurde er für «ein paar Tage» an den Bahnhof nach Herzogenaurach «abkommandiert». Aus den «paar Tagen» wurden schließlich 20 Jahre als «Mädchen für alles», am Bahnhof. In dieser Zeit fand Robert Deutinger auch das Glück seines Lebens. Er heiratete seine «Gundi», baute ein schmuckes Haus am oberen FC-Platz, bevor es ihn mit seiner Familie nach Burgstall zog.

In der Aurachstadt fand er eine «Nebendienststelle mit Vorstand» vor, so die offizielle Bezeichnung. Deutingers Vorgesetzter war bis 1980 Bahnhofsvorstand Herbert Würch.

Würchs Stellvertreter hieß Meier und dann gab es da noch die Kollegen Marscholik und Trippner, den Toni Stranski, den Galsters «Schorsch», damals Wirt von der Gaststätte «Blaue Glocke», nebst dessen Sohn, den Kraft aus Falkendorf sowie die Kollegen «Toni» Herbst, Spichal aus Münchaurach und Kramer aus der Adalbert-Stifter-Straße.

Zugschaffner

Ältere Herzogenauracher können sich noch an den Zugschaffner Wewetzer erinnern. Sie alle bildeten eine verschworene Gemeinschaft.

Und weil die Arbeit am Bahnhof durstig machte, versorgte Georg Galster seine Kollegen mit entsprechender flüssiger Nahrung. Außerdem gab es ja auch noch die Möglichkeit, beim «Spootz» (Gaststätte zur Eisenbahn) oder beim «Schuftn Michel» (oberhalb der Firma «adidas») Durst und Hunger zu stillen.

Während der Heizer Kaltenhäuser, in der Stadt als «Gre-i-gobl» bekannt und der Lokführer Gebhard aus dem hiesigen Dambach nach Dienstende nach Hause gehen konnten, nächtigten auswärtige Zugführer, Lokführer oder Heizer im Obergeschoss des Lokschuppens am östlichen Ende des Bahnhofs.

Im Personen- und vor allem im Güterverkehr hat die Bahnlinie Erlangen-Herzogenaurach seit ihrer Eröffnung im April 1894 immer satte Erträge abgeworfen. Die Situation hat sich erst geändert, als beides seit den 70-er Jahren verstärkt auf die Straße verlagert worden ist.

Kurz nach 4 Uhr in der Früh erreichte der erste Güterzug Herzogenaurach. Dann wurde «umgespannt» und die Lokomotive vor den Personenzug gespannt, der um 5.10 Uhr in Richtung Erlangen abdampfte. In den 60-er und 70-er Jahren konnte sich die Bundesbahn Mitarbeiter über Arbeit nicht beklagen. Die Personenzüge waren vor allem morgens und abends überbesetzt und der Güterverkehr nahm ungeahnte Ausmaße an.

Die zahlreichen Schuhfabriken lieferten täglich Lkw-Ladungen mit Ware an und wer kein Kraftfahrzeug besaß, brachte seine Schlappen und Schuhe per Handwagen in große Kartons verpackt zum Bahnhof: die Oberfränkische, Schürr, Hetzler, Kaltenhäuser und wie sie alle hießen; «und ganz zum Schluss am frühen Abend kam meist der Gehrs Toni mit seinem VW-Bus und lieferte», so erinnert sich Robert Deutinger.

Nicht vergessen werden dürfen die Sportschuhfabriken Kern und Mahr und natürlich adidas und Puma. Bei Robert Deutingers Dienstbeginn waren die Herzogenauracher Kohlenhändler Maier, Krumm und Daigfuß fast ununterbrochen im Einsatz. Es galt die Haushalte mit Briketts und Eierkohlen zu versorgen und riesige Mengen Steinkohle, von den Amerikanern aus den USA angeliefert, auf die Base zu befördern. Die Besatzer lieferten billige Steinkohle aus Pennsylvania, die zudem einen viel höheren Brennwert hatte als deutsche Ware. Mehrmals täglich fuhren die Daigfuß-Lkw hinauf zur Base.

Auch das Geschäft mit der BayWa boomte damals. Kunstdünger und Saatgetreide, Baumaterialien und Maschinen wurden angeliefert.

Grün für Weiler

Bei den eingehenden Gütern, oft per Express ausgeliefert, gab es häufig Lieferungen von grüner Farbe für die Firma Weiler zum Spritzen der Maschinen und Drehbänke, während die Schuhindustrie große Mengen Leder, Gummi und Leim benötigte, die Fuhrmann Mauser an die Verbraucher in der Stadt lieferte. Und nicht vergessen werden dürfen die Tankwagen, beladen mit Schweröl für den Maschinenpark bei Schaeffler.

Tag für Tag lieferte das Schaeffler - Teppichwerk per Lkw schwere Teppichrollen. In Packpapier gehüllt und mit Bandeisen umfasst wurden die beliebten Teppiche an die großen Versandhäuser Witt in Weiden, Schöpflin in Hagen, an Neckermann und Quelle verladen. Und als die INA-Wälzlager ihren Siegeszug durch Deutschland angetreten wurden Mengen an Metallschrott angeliefert, die per Bagger bzw. Kran mittels Elektromagnet auf die Güterwagen verladen wurden. Bald reichte die kleine Rampe am Güterbahnhof nicht mehr aus. Sie wurde verlängert.

Für die Auslieferung der eingegangenen Waren war das «Fuhrunternehmen Mauser» zuständig. Der Fuhrmann, der «Mausers Lenz» war eine «Institution in der Stadt».

Die Züge am Vormittag und abends waren mehr als ausgelastet. Arbeiter und Angestellte, Schüler und eine Hand voll Studenten fuhren mit ihrer Wochen- oder Monatskarte nach Erlangen, Fürth und Nürnberg.

Nach 90 Jahren kam 1984 das Aus für den Bahnhof und den Zugverkehr. Robert Deutinger war bereits am 1. Januar 1976 aus dem Eisenbahnerdienst ausgeschieden.

Er ließ sich zunächst für zwei Jahre beurlauben und übernahm dann den Stückgutverkehr, unterstützt von seiner Frau Gundi. Zunächst lief das vom hiesigen Bahnhof aus; später fuhr er die Bahnhöfe in Fürth und Nürnberg an und versorgte die Herzogenauracher Firmen und Privatkunden solange mit Stückgut, bis auch die Bahn in den 90-er Jahren den Stückgutverkehr aufgegeben hat.

Vor zwei Jahren ist er in den Ruhestand getreten. Sein Resümee, illusionslos und doch ein bisschen nostalgisch: «Die Bahn wird so nie mehr kommen.»