Sonntag, 18.04.2021

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Corona: Wälder in ERH ächzen unter Freizeit-Ansturm

Lockdown-Folge Natur-Überlastung: Appell, sich draußen sensibel zu verhalten - 09.02.2021 05:55 Uhr

Das Miteinander von Natur und Mensch ist in Schieflage geraten. Waldbesitzer und Naturschützer schlagen nun Alarm, weil die Wälder unter dem Ansturm der Corona-geplagten Freizeithungrigen leiden.

08.02.2021 © Foto: Roland Huber


Seit die Corona-Pandemie das Leben auf den Kopf stellte, drängt es die Menschen nach Homeoffice und Homeschooling ins Freie. Der Bauer indes registriert zusehends Überlastungs-Phänomene: Auf Wegen und in Wäldern, bisweilen auch in den Feldern, sind Ausflügler, Hundeführer, Jogger, Spaziergänger zu Tages- und auch Nachtzeiten anzutreffen. Selbst in der Dunkelheit queren Jogger und Wanderer, oft ohne Signalkleidung, die Flurbereinigungswege im Landschaftsschutzgebiet Mönau.

Gefährliche Situationen

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Erholungsraum und Wirtschaftsort: Konflikte um Waldnutzung in Corona-Zeiten

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Mit seinem PS-starken Traktor musste Nagel schon einige gefährliche Situationen meistern, wenn Hundeführer oder Läufer nächstens in schwarzer Kleidung mit dunkler Kopfbedeckung urplötzlich vor der schweren Zugmaschine aufkreuzten: "Ich will in keinen Unfall verwickelt werden." Das Landschaftsschutzgebiet Mönau sei überdies durch – unzulässige – Autofahrten, mit denen der Weg nach Kosbach abgekürzt wird, zusehends überlastet, zumal in den vergangenen Jahren einige Pferdekoppeln gebaut wurden, die über die ungeteerten Wege mit Autos in erheblichem Tempo angefahren werden.

Widersprüche und Konflikte

Das Thema ist beherrscht von Widersprüchen und Konflikten. Im ersten Lockdown wurden von vielen Organisationen "Naturbegegnungen" für Kinder oder Erwachsene vorgeschlagen, um auf Abstand kleine Fluchten aus der Kontaktreduzierung zu ermöglichen.

Der Wald wird verstärkt in den zurückliegenden Jahren als Begegnungs- und Meditationsort promotet. Jäger wiesen oftmals bereits darauf hin, dass das Wild kaum noch Ruhe und Zufluchtsorte finde. Differenziert sieht daher auch Helmut König aus Adelsdorf, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz, das Problem: "Normale Wanderer sind nicht so kritisch. Problematischer wird’s oft mit Hunden. Das kann ich an den Weppersdorfer Weihern beobachten."

Schilder zerstört

Die wegen des Schutzes der Kiebitze von der Gemeinde Adelsdorf aufgestellten Schilder seien von Unbekannten zerstört worden. Seine weitere Schilderung: "Während des ersten Lockdowns war es im Naturschutzgebiet Mohrhof besonders schlimm. Die Leute sind verbotenerweise auf den Weiherdämmen spaziert." Bei diesem Naturschutzgebiet sei das Landratsamt gefordert. "Auch wegen Müll im Wald bekomme ich seit Corona viel mehr Anrufe." Was er den Menschen raten würde? "Man soll sich informieren. Im Bayernatlas ist zu sehen, wo Schutzgebiete sind."

Verständnis für seltene Vögel

Diese müssten besser ausgeschildert werden, um Verständnis etwa für seltene Vogelarten zu wecken. "Man kann den Leuten nicht böse sein, wenn sie in Corona-Zeiten nach draußen wollen. Ich verstehe das komplett." Michael Welker, Jagdpächter und Vorsitzender der Waldcorporation Herzogenaurach, eines Zusammenschlusses von Waldbesitzern, sieht es so: "Unsere Wälder sind seit Beginn der Coronakrise einer deutlichen Belastung durch die vermehrte Freizeitbetätigung der Bürger ausgesetzt. Für Naturliebhaber, Natursuchende und Sportler habe ich großes Verständnis. Wo sollen sich denn unsere Bürger mit noch nie dagewesenen Einschränkungen aufhalten? Was ich jedoch feststelle: Es fehlt oft an der nötigen Kenntnis und gegenseitiger Rücksichtnahme." Ob als Waldbesitzer, Landwirt oder Jäger – stets sei man Natur-Nutzer: "Das bin ich aber auch als Spaziergänger, Jogger, Reiter, Mountainbiker."

"Ein gewisser Egoismus"

An diesem Punkt indes fange oft "ein gewisser Egoismus" an: "Meine Route quer durch den Wald, mein Trail auf Wildwechseln auf dem Mountainbike, mein Durchforsten des letzten Winkels mit dem Hund..." Anscheinend sei vielen nicht bewusst, dass die Wälder um Herzogenaurach zum großen Teil privaten Waldbesitzern und wie etwa die drei großen Wälder Burgwald, Dohnwald und Birkenbühl der Waldcorporation Herzogenaurach und Welkenbach und damit 180 Mitgliedern gehören. Bürger nutzten einen privaten Bereich für ihre Interessen und glaubten, die Pflege der "Freizeitanlagen" sei Angelegenheit der Stadt.

Keine Ruhe für Waldbewohner

Statt auf ausgewiesenen Wegen zu bleiben, sei es offenbar inzwischen "chic, querfeldein durch den Wald zu streifen." Den Waldbewohnern werde nahezu keine Ruhe mehr gegönnt. "Pflanzen werden zertreten, Wildschutzzäune zerschnitten und der Müll, der illegal abgelagert wird, ist seit Corona deutlich mehr geworden. Im Übrigen muss auch der hinterlassene Müll vom Waldbesitzer auf eigene Kosten entsorgt werden. Das macht nicht die Stadt oder der Bauhof."

Als Jäger führt Waldbesitzer Michael Welker überdies aus: "Der Wald ist die Wohnung der Wildtiere. Wenn der Mensch in Massen in den Wald drängt, geraten die Wildtiere ins Hintertreffen."

Grüne Lunge der Stadt

Die Wälder um Herzogenaurach seien zwar in erster Linie Wirtschaftswälder, trügen jedoch zur grünen Lunge der Stadt und zur Erholung vieler Menschen bei. Michael Welkers Aufruf: Mit "mehr Bewusstsein und Rücksicht" durch Fluren und Wälder zu gehen, die Wege einzuhalten, in der Dämmerung und nachts die Wildtiere in Ruhe zu lassen. "Dann können wir unsere Natur nutzen, aber nicht ausnutzen!"

 

EDITH KERN-MIEREISZ

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