"Die Katastrophe ist da": Erlanger Försterin im Kampf gegen das Waldsterben

28.12.2020, 05:53 Uhr
Der Harvester hat im Dohnwald zwischen Dondörflein und Falkendorf eine Kiefer gefällt. Sie war ausgezehrt und vom Borkenkäfer befallen.

Der Harvester hat im Dohnwald zwischen Dondörflein und Falkendorf eine Kiefer gefällt. Sie war ausgezehrt und vom Borkenkäfer befallen. © Claudia Freilinger

Die Försterin deutet nach oben. "Der ist bald tot", sagt sie und lässt ihren Zeigefinger weiterwandern. "Der ist bald tot". Die Krone des nächsten Baums. Heike Grumann wiederholt den Satz oft. Es sind hauptsächlich Kiefern, auf die sie zeigt beim Spaziergang durch den Dohnwald zwischen Falkendorf und Dondörflein. Die Nadeln in den Kronen sind noch grün, fallen aber aus. "Die meisten Spaziergänger erkennen deshalb die Brisanz der Lage noch nicht", meint die Forstamtsrätin, die seit zehn Jahren das 6000 Hektar große Forstrevier Erlangen leitet. Sie steht am Waldrand bei Falkendorf, Südseite.

Hier sind die aktuelle Probleme durch die Klimaerwärmung gut sichtbar. Vor allem die Kiefern leiden, denn sie vertragen es weder trocken noch heiß. Schlechte Voraussetzungen also. Sind sie ausgezehrt, schlägt der Borkenkäfer zu.

"Die Katastrophe ist da"

"Ja, die Katastrophe ist da", sagt Heike Grumann eher kämpferisch als resigniert, "wir müssen etwas tun". Die Natur betont sie, sei kein Paradies, sondern Überlebenskampf. "Evolution geht schneller voran, als man glaubt", meint die Försterin, die in einem Gebiet von Oberreichenbach bis Uttenreuth 2000 bis 3000 Waldbesitzern mit Rat und Tat zur Seite steht. Sie sieht das als Chance. Denn es geht darum, den Wald umzubauen, neue Arten zu finden, die Hitze und Trockenheit besser vertragen. Dabei ist es nicht möglich, einfach auf Bäume aus dem mediterranen Süden zu setzen, denn die sind nicht frosthart genug. "Uns fehlt einfach das Meer als ausgleichendes Element fürs Klima." Unsere Winter sind zu kalt.

"Mitten in einem Experiment"

"Wir sind mittendrin in einem Experiment, von dem wir nicht wissen, wie es ausgeht", sagt die 49-Jährige. 71 heimische Baumarten gibt es in Deutschland, mit Blick auf die Klimaerwärmung gibt es ganze Listen mit Risikobewertungen. Gepflanzt werden momentan beispielsweise Baumhasel, Esskastanie, Zedern oder türkische Tannen.

Für Försterin Heike Grumann gibt es keinen einzigen langweiligen Tag im Wald.

Für Försterin Heike Grumann gibt es keinen einzigen langweiligen Tag im Wald. © Claudia Freilinger

Hundert Jahre müsse man etwa warten, bis klar ist, "ob eine Art mit dem Klimawandel klarkommt oder nicht"", meint Heike Grumann. Aber es gibt auch Lichtblicke. Auf eingezäunten Flächen, wo die Kiefern schon gefällt wurden, erobern sich einheimische Arten wie die Elsbeere auch von sich aus dem Raum zurück. "Wenn der Konkurrenzkampf nachlässt, herrscht dort dann Vielfalt und das Risiko ist auf mehrere Schultern verteilt". Häufig haben die Bäume aber gar keine Chance, überhaupt hochzuwachsen. Sie werden schon als Sprösslinge von Rehen verbissen.

Mehr Einsatz der Jäger erbeten

Die Försterin wünscht sich deshalb mehr Einsatz der Jäger. Von "Bambi-Effekt" und einer harmonischen Verklärung des Wildbestands möchte sie nichts wissen. Es gehe ja nicht darum, Arten auszurotten – nur der Bestand müsse dezimiert werden. "Denn das Problem hat momentan der Wald – nicht die Rehe", betont sie ernst. "Er braucht unseren Schutz."

Jede(r) könne einen Beitrag leisten, indem sie oder er etwa das Konsumverhalten anpasst und den Verbrauch senkt. "Denn wir leben über unsere Verhältnisse", sagt sie. "Dabei fasse ich mich auch an meine eigene Nase", fügt sie hinzu und tut es tatsächlich. Seit 1997 ist Heike Grumann Försterin. Derart grundlegende Veränderungen im Wald wie momentan hat sie noch nicht erlebt.

"Wir kriegen das hin"

Aber sie hat Hoffnung. "Wir kriegen das schon hin – wir haben das Heft ja noch in der Hand", betont sie und läuft weiter in Richtung Norden.

Eine junge Elsbeere wächst nach, muss aber vor Verbiss geschützt werden.

Eine junge Elsbeere wächst nach, muss aber vor Verbiss geschützt werden. © Claudia Freilinger

Der Wald wird dichter und dunkler. "Wir kommen jetzt ins Tannenland", sagt sie und zeigt auf einen kleinen Spross mit grünen Nadeln. Er ist angenagt. Heike Grumann seufzt. Dann stoppt sie vor einem Zaun. Auf dem Gelände der Waldkooperation Herzogenaurach hatten viele Nadelbäume die Gelegenheit, hoch hinaus zu wachsen. Die Försterin steuert auf ihr Lieblingsexemplar zu. Eine mindestens 200 Jahre alte Tanne. "Man kann sie auch von der Straße aus sehen und ich muss hier immer aufpassen, dass ich nicht im Graben lande, wenn ich schaue, wie es ihr geht." Bei ihren Streifzügen durch den Wald entdeckt Heike Grumann immer wieder Neues. Deshalb strahlt sie bei aller Besorgnis Zuversicht aus: "Es gibt keinen langweiligen Tag im Wald."

 

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