LGL-Zahlen lückenhaft

Inzidenz der Ungeimpften: Söder nutzte falsche Zahlen

Janina Lionello
Janina Lionello

nordbayern.de

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5.12.2021, 17:43 Uhr
Etwa bei 1600 liege die Inzidenz bei Ungeimpften, bei Geimpften knapp über 100 - unter anderem mit diesen Zahlen hatte die Bayerische Staatsregierung ihre letzte Corona-Verordnung begründet.

Etwa bei 1600 liege die Inzidenz bei Ungeimpften, bei Geimpften knapp über 100 - unter anderem mit diesen Zahlen hatte die Bayerische Staatsregierung ihre letzte Corona-Verordnung begründet. © Sven Hoppe/dpa

Dass die Aufschlüsselung in "geimpft" und "ungeimpft", die das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) einmal wöchentlich herausgibt, Schwächen aufweist, ist seit längerem bekannt. Wie Recherchen unseres Medienhauses ergaben, werden Personen mit unbekanntem Impfstatus darin zunächst zur Gruppe der Ungeimpften gezählt, was zu einer überhöhten Darstellung der Inzidenz bei Ungeimpften und einer zu niedrigeren bei Geimpften führt.

Wie extrem hoch diese Verzerrung allerdings tatsächlich ausfällt, zeigen aktuelle Zahlen, die das LGL einem Reporter der Welt auf Nachfrage bekanntgab. Demnach waren in der beispielhaften Woche vor dem 24. November von 81.782 gemeldeten Infizierten 14.652 ungeimpft und 9641 geimpft. In 57.489 Fällen - das sind etwa 70 Prozent - sei ein Impfstatus nicht erfasst worden.

LGL weist Kritik zurück

Das LGL reagierte am Sonntag mit einer Pressemitteilung auf die Veröffentlichung. "Wir haben uns entschieden, die Fälle ohne Angaben zum Impfstatus zunächst zu den Ungeimpften zu zählen. Denn es hat sich herausgestellt, dass diese - nach später vorliegenden Daten - in der weit überwiegenden Anzahl der Fälle ungeimpft waren", wird der Präsident des LGL, Walter Jonas, darin zitiert.

Matthias Fischbach, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP im Bayerischen Landtag, will diese Begründung nicht gelten lassen. "Wenn dem so ist - Warum werden die später vorliegenden Daten dann nicht veröffentlicht? Sie müssten dem LGL für eine solche Aussage doch bekannt sein." Fischbach stellte deshalb am Freitag eine Anfrage, um die ungefähre Größenordnung zu erfahren - bislang ohne substanzielle Antwort.

"Extrem verzerrte Darstellung"

Auch Bayerns Gesundheitsminister Holetschek äußerte sich am Sonntag auf Twitter. Er verstehe nicht, warum das Thema nun in den Fokus geraten sei, schließlich sei die Problematik seit langem bekannt. "Söder hat noch am Freitag mit Inzidenzen von 1600 bei den Ungeimpften und 100 bei den Geimpften argumentiert", kontert Fischbach. "Das ist keine kleine Unschärfe, sondern eine extrem verzerrte Darstellung, die einer Erklärung bedarf. Das Gesundheitsministerium hätte frühzeitig auf die Größenordnung der Verzerrung hinweisen müssen." Schließlich, so Fischbach, sei es auch im Interesse der Geimpften, zu wissen, wie hoch ihr eigenes Infektionsrisiko statistisch sei. Auch das Vertrauen in die Impfkampagne werde durch das Verhalten der Staatsregierung nachhaltig erschüttert.

In anderen Bundesländern, in denen die Zahlen ohne Hinzurechnen der Unbekannten veröffentlicht werden, liegt die Inzidenz der Ungeimpften um etwa den Faktor 2,5 bis 3,5 höher als bei den Geimpften.

Fischbach plädiert nun dafür, dass der Impfstatus künftig grundsätzlich direkt beim Testen angegeben werden soll. "Auf diese Weise könnte man die Statistik auch direkt um den Faktor korrigieren, wie viele Tests in der jeweiligen Gruppen gemacht werden." In der Regel werden Ungeimpfte deutlich häufiger getestet als Geimpfte."