Katastrophenfall ausgerufen

"Jahrhunderthochwasser": Ganze Orte in Franken überflutet - Straßen werden zu Flüssen

10.7.2021, 15:42 Uhr
Vielerorts in Franken verschlang das Wasser sogar geparkte Autos.

Vielerorts in Franken verschlang das Wasser sogar geparkte Autos. © NEWS5 / Haag, NEWS5

Der Druck, unter dem die Feuerwehr stand, lässt sich erahnen. "Ich weiß, wie der Sturm Wiebke 1990 gewütet hat, ich weiß wie ein Großbrand aussieht", sagt Rainer Weiskirchen, Sprecher der Feuerwehren im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. "Aber ich musste über 40 Jahre bei der Feuerwehr sein, um sowas zu erleben." Kaum eine Region in Bayern wurde am Freitag so schwer von den Überflutungen getroffen wie Westmittelfranken. Hundertfach mussten die Retter ausrücken. Braune Wassermassen verschlangen ganze Orte, wie etwa in Emskirchen, wo kleine Bäche zu reißenden Flüssen anschwollen. "Wenn man im Aischgrund schaut, was Wasser alles anrichten kann, das ist Wahnsinn", sagt Weiskirchen. Der erfahrene Retter spricht von unglaublichen Wassermengen - und der gewaltigen Zerstörungskraft des eigentlich lebenspendenden Elements.

Der Landkreis musste zwischenzeitlich sogar den Katastrophenfall ausrufen und den Schulunterricht vorzeitig beenden. Bereits früh übernahm das Landratsamt die Koordinierung der Einsatzflut. Gezählt hat die Alarmierungen, die im Sekundentakt in der Leitstelle aufschlugen, niemand mehr. Etwa 500 Retter waren im Einsatz, viele von ihnen bereits seit Donnerstagnacht. "Es war unglaublich anstrengend, die Kameraden werden gut schlafen", sagt Weiskirchen. Geschlafen hat in der Nacht zuvor kaum jemand. "Es geht um Sachwerte, es kann aber auch um Menschenleben gehen."

In Lohe bei Wilhermsdorf haben die enormen Wassermassen die Garagen eines Wohnhauses überflutet

In Lohe bei Wilhermsdorf haben die enormen Wassermassen die Garagen eines Wohnhauses überflutet © ToMa

Die Wassermassen versperrten den Rettungskräften immer wieder den Weg. Gleich mehrfach musste die Feuerwehr bei Reanimationen und Herzinfarkten helfen, weil Rotes Kreuz und ASB nur über große Umwege anfahren konnten. "Wir sind in Erster Hilfe geschult und haben meistens Defibrillatoren an Bord", erklärt Weiskirchen. "Aber das bindet natürlich Manpower."

Wie hoch die Schäden sind, lässt sich am Freitag nicht abschätzen. Es geht um Millionen, da sind sich Experten sicher. Doch nicht nur den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim traf es schwer. Auch anderswo kämpfen Menschen um ihre Existenz. Die Gemeinde Wilhermsdorf im Landkreis Fürth etwa ist seit Stunden von der Außenwelt abgeschnitten, nachdem dort die Stromversorgung kollabierte. Ein Trafohaus an einem besonders neuralgischen Punkt lief voller Wasser und musste abgeschaltet werden - seitdem geht nichts mehr in dem 4000-Einwohner-Ort. Supermärkte mussten Waren vernichten. Notstromaggregate sollten helfen, die Versorgung sicherzustellen - bislang vergeblich. In Veitsbronn und Langenzenn, nur wenige Kilometer entfernt, sieht die Lage nicht besser aus. Mit Sandsäcken versuchten die Einsatzkräfte vielerorts, das Wasser von Wohnhäusern und Industriegebieten fernzuhalten.

In Wilhermsdorf rettete die Wasserwacht Menschen mit Booten

Sogar Boote der Wasserwacht und der DLRG kamen zum Einsatz. Anwohner aus mindestens einem Haus in Wilhermsdorf mussten gerettet werden. Auch Bürgermeister Uwe Emmert schüttelt nur mit dem Kopf. "Ich bin jetzt 57 Jahre alt", sagt der Lokalpolitiker, "aber so etwas habe ich noch nicht erlebt." Schlagartig schwoll die Zenn nach den Regenfällen an und drückte braune Brühe in den Ort. Nach Angaben des Hochwassernachrichtendienstes Bayern (HND) stiegen die Pegelstände in der Gegend im Laufe des Tages rasant. Bei Stöckach meldete der HND ein Allzeit-Pegelhoch, auch Sulzach und Altmühl stiegen in Minutenschnelle teilweise um mehrere Meter.

Auch Ansbach rief am Nachmittag den Katastrophenfall aus, weil parallel zum drohenden Hochwasser eine Fliegerbombe entschärft werden musste. Hunderte Retter halfen bei der Evakuierung, Anwohner in einem Radius von rund 500 Meter um den 250-Kilo-Blindgänger mussten ihre Häuser verlassen. Vorsorglich schichtete das Technische Hilfswerk Sandsäcke auf, um etwa das Brückencenter zu schützen. Gegen 20 Uhr erreichte die Fränkische Rezat wohl ihren Scheitelpunkt. Entwarnung wollen die Verantwortlichen aber noch nicht geben.

Flutwelle und ein zerstörtes Waldbad

In Herzogenaurach warnte die Polizei zwischenzeitlich vor einer bis zu 60 Zentimeter hohen Flutwelle der Aurach. Autos auf einem angrenzenden Parkplatz sollten sofort weggefahren werden, warnte das Präsidium Mittelfranken. Es sollte bei einer Mahnung bleiben. Auch im Landkreis Roth war die Feuerwehr im Dauereinsatz. Im unterfränkischen Knetzgau konnte ein Tierheim nur mit Sandsäcken vor der Überflutung bewahrt werden. Und im Landkreis Bamberg liefen unzählige Keller voll. Verletzt wurden nach aktuellen Erkenntnissen immerhin niemand.

Die Schäden im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim sind aber wohl die schwersten, das zeichnet sich am Freitagabend ab. An unzähligen Stellen wurde die Bundesstraße 470 überflutet, auch der Bahnverkehr auf so mancher Strecke brach wegen überspülter Gleise zusammen. Das Neustädter Waldbad wurde komplett überflutet und muss mehrere Tage geschlossen bleiben. "Sobald ein Termin zur Wiedereröffnung feststeht, geben wir euch Bescheid", schreiben die Verantwortlichen auf Facebook.

"Da redet man von einem Jahrhunderthochwasser"

Nicht nur im Waldbad beginnt das große Aufräumen. Von Neustadt über den Landkreis Fürth, von Roth bis nach Oberfranken werden ehrenamtliche Helfer noch Tage und Wochen mit den Folgen der Überflutungen zu tun haben. Einige werden mit den Trümmern ihrer Existenz zu kämpfen haben.

"Da redet man dann von einem Jahrhunderthochwasser", sagt Weiskirchen von der Neustädter Feuerwehr. Der erfahrene Retter wird fast etwas demütig, spricht davon, die Naturgewalt hautnah gespürt zu haben, etwa wenn man "von A nach B statt fünf Minuten eine Stunde braucht". Das Leben läuft langsamer, auch wenn bereits der nächste Einsatz drängt. "So mancher Kritiker hat jetzt gesehen, warum man Flächen freihalten muss, wenn die Natur so richtig zuschlägt."

Das Landratsamt Neustadt/Aisch-Bad Windsheim hat ein Bürgertelefon für Betroffene der Starkregenschäden eingerichtet. Es ist am Wochenende unter der Telefonnummer 09161 92-8080 erreichbar.