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Keine Atempausen: Bayerns Gesundheitsämter arbeiten auch am Wochenende

Sieben-Tage-Woche wird seit Monaten aufrecht erhalten - 03.03.2021 05:56 Uhr

Mitarbeiter des Gesundheitsamts Erlangen ermitteln die mutmaßlichen Kontaktpersonen von Infizierten. Diese Arbeit läuft auch an Wochenenden und Feiertagen.

11.02.2021 © Harald Sippel


Zum Start einer neuen Woche stets das gleiche Bild beim Blick auf die bayerische Statistik der Corona-Neuinfektionen: Am Samstag, Sonntag und Montag gehen die Zahlen scheinbar nach unten, um dann zur Wochenmitte hin wieder anzusteigen. Tatsächlich bilden die übers Wochenende gesammelten und weitergemeldeten Daten das tatsächliche Infektionsgeschehen zunächst nicht genau ab.


Inzidenzwert in Bayern ändert sich kaum


Weil die Gesundheitsämter an diesen Tagen unzureichend besetzt sind, meinen Kritiker. Tatsächlich aber wird in den allermeisten Behörden seit Monaten auch an den Wochenenden durchgearbeitet.

Kostenloses Mittagessen für das Personal

Im Landratsamt des Kreises Nürnberger Land zum Beispiel kann man an den zu Wochenbeginn eingehenden Essensrechnungen genau ablesen, wie viele Mitarbeiter des Gesundheitsamtes am Samstag und am Sonntag Dienst geschoben haben. Landrat Armin Kroder (FW) hat angewiesen, dass jeder Beschäftigte an diesen Tagen ein kostenloses Mittagessen erhält.

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"Seit Beginn der zweiten Welle im Herbst ist das Amt wieder an sieben Tagen in der Woche besetzt", berichtet Pressesprecher Rolf List. Natürlich nicht in voller Personalstärke - "das hält auf die Dauer ja kein Mensch durch".

So wie im Nürnberger Land läuft es auch in den übrigen Gesundheitsämtern in der Region, auch wenn es vom bayerischen Gesundheitsministerium diesbezüglich keine Vorgaben gibt. Der tägliche Personaleinsatz richtet sich laut eines Ministeriumssprechers nach "den Erfordernissen des Infektionsgeschehens vor Ort". Über die jeweiligen Bezirksregierungen melden die Ämter täglich ans Ministerium, ob die Personalkapazitäten ausreichen oder ob weiterer Bedarf besteht. Im letzteren Fall wird kurzfristig weitere Unterstützung bereitgestellt.

Rufbereitschaft rund um die Uhr

Angeordnet hat das Gesundheitsministerium jedoch, dass sämtliche Ämter an allen sieben Wochentagen eine Rufbereitschaft von 8 bis 22 Uhr sicherstellen müssen. Und zwischen 22 und 8 Uhr muss eine landkreisübergreifende Rufbereitschaft gewährleisten, dass sich die Bürger im Freistaat zu jeder Tages- und Nachtzeit an kompetente Ansprechpartner wenden können. "Außerdem wurde eine tägliche Überprüfung des Fax-Einganges angeordnet", berichtet Philipp Bornschlegl vom Gesundheitsamt Nürnberg.

Auch die Ermittlung von Infizierten und die Nachverfolgung von deren Kontaktpersonen läuft an den Wochenenden ohne Pause weiter. Über 4000 Unterstützungskräfte sind deswegen aktuell an den bayerischen Gesundheitsämtern im Einsatz, und das an sieben Tagen in der Woche.

"Für die Eindämmung des Infektionsgeschehens ist die zeitnahe Kontaktaufnahme zu Fällen und Kontaktpersonen und die Anordnung von Maßnahmen unabdingbar", sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums – die sogenannten Contact-Tracing-Teams seien deshalb auch durchgehend an den Wochenenden und an Feiertagen im Einsatz.

Datenübermittlung hat nicht die oberste Priorität

Die digitale Verarbeitung der Labormeldungen und die Übermittlung der Daten an das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und an das Robert-Koch-Institut dagegen haben am Wochenende nicht die oberste Priorität. "Für die Analyse des Infektionsgeschehens ist eine tagesgenaue Betrachtung der Fallzahlen nicht zwingend erforderlich", erklärt der Sprecher des Ministeriums. Da sei die generelle Entwicklung der Zahlen wesentlich aussagekräftiger.

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Darüber hinaus werden an Wochenenden und an Feiertagen auch weniger Proben genommen und analysiert. Schließlich haben zum einen weniger Arztpraxen, Labore und Testzentren geöffnet, zum anderen suchen Patientinnen und Patienten an diesen Tagen auch seltenerer einen Arzt auf als an Werktagen.

Trotzdem arbeitete das Personal in den Gesundheitsämtern gerade in den ersten Monaten der Pandemie auch an den Wochenenden oft bis in den späten Abend hinein, wie Josephine Georgi vom Landratsamt Ansbach berichtet. Die Besetzung an den Samstagen und Sonntagen habe sich von anfangs vier auf derzeit bis zu 16 Personen gesteigert – abhängig von der gerade aktuellen 7-Tage-Inzidenz. Unter anderem sei der Informationsbedarf der Bevölkerung gewaltig: "Teilweise erreichen uns über die Corona-Hotline über 1000 Anrufe am Tag", erzählt die Sprecherin der Ansbacher Kreisverwaltungsbehörde.

Auch an Weihnachten im Dienst

Auch an den Weihnachtsfeiertagen waren die Gesundheitsämter in der Region mit Rumpfmannschaften besetzt, nachdem am 9. Dezember 2020 der bayernweite Katastrophenfall ausgerufen worden war. Und selbst bei niedrigsten Infektionszahlen sind laut Marco Damzog vom Gesundheitsamt Neumarkt zusätzliche Rufbereitschaften notwendig, die bei Bedarf umgehend in den Präsenzdienst wechseln können. Schließlich müsse auch jetzt noch jederzeit mit einem Ausbruch, vor allem in vulnerablen Bereichen wie Kliniken oder Pflegeheimen, gerechnet werden.

Angesichts der aktuell wieder steigenden Infektionszahlen in vielen bayerischen Landkreisen und Kommunen wird die Siebentagewoche in den Gesundheitsämtern wohl noch lange Zeit gängige Praxis sein. "Wir werden die Arbeit an den Wochenenden vermutlich mindestens bis zu einer 7-Tage-Inzidenz von 35 bis 50 aufrecht erhalten", sagt Philipp Bornschlegl vom Gesundheitsamt Nürnberg. Zuletzt lag die Inzidenz für die Stadt Nürnberg bei 97,4.

André Ammer Region und Bayern E-Mail

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