Akuter Mangel an Diesel-Reiniger

Leere Supermarktregale drohen: Fahren bald keine Laster mehr? Verband warnt vor Stillstand

Tobi Lang
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Redakteur

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8.9.2022, 12:22 Uhr
70 Prozent aller Waren in Deutschland werden per Lastwagen transportiert, sagen Logistikverbände. 

© Peter Kneffel, dpa 70 Prozent aller Waren in Deutschland werden per Lastwagen transportiert, sagen Logistikverbände. 

Das, was im Fall der Fälle passieren würde, will sich Ulrich Pfaffenberger gar nicht ausmalen. "Wir haben da keine Szenarien durchgespielt", sagt der Sprecher des Landesverbands Bayerischer Spediteure. "Aber stellen sie sich nur mal vor, die städtische Müllabfuhr in Nürnberg könnte nicht mehr fahren." Lieferketten könnten zusammenbrechen, Supermarktregale womöglich leer bleiben, Deutschland würde stillstehen. Und all das hängt nur an einem Abfallprodukt aus der Düngemittelherstellung: dem Diesel-Reiniger AdBlue.

Kaum ein Laster in Deutschland fährt ohne den Harnstoff, für den Ammoniak und Kohlendioxid chemisch verbunden werden. Ein energieintensives Verfahren - und genau hier beginnen die Probleme.

"Der Preis für AdBlue hat sich von Januar 2021 bis Juli 2022 fast verdreifacht, sich bis Ende August in etwa vervierfacht und dürfte im September zu weiteren Höhenflügen ansetzen", warnt etwa der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. "Wenn man überhaupt noch welches bekommt."

AdBlue-Giganten stoppen die Produktion

Das ist alles andere als sicher, denn: Immer mehr Unternehmen stoppen die AdBlue-Herstellung. Rund 40 Prozent der deutschen AdBlue-Produktion stammen von den SKW Stickstoffwerken aus Sachsen-Anhalt. Das Unternehmen hat Medienberichten zufolge vor den hohen Energiepreisen kapituliert und die Erzeugung des Diesel-Reinigers gestoppt. Weitere AdBlue-Giganten in Europa könnten folgen, einige haben ihre Mengen bereits gedrosselt.

"Es gibt ein gewisses Beschaffungsproblem", sagt auch Pfaffenberger vom Landesverband Bayerischer Spediteure. "Das ist jetzt noch nicht existenziell, aber die Fachleute sind sich einig, dass das passieren kann und wir im Moment auf einen Engpass zusteuern." Schon jetzt hätten einige Spediteure je nach Lieferverträgen Probleme, an den Diesel-Reiniger zu kommen. Auch der Preis sei ein Problem. Tatsächlich mache der bei allgemein gestiegenen Kosten aber "das Kraut nicht fett", sagt Pfaffenberger.

Ohne AdBlue geht nichts. 90 Prozent der Lastwagen nutzen den Diesel-Reiniger, Statistiken zufolge verbraucht die deutsche Transport-Branche bis zu fünf Millionen Liter täglich. Pro Jahr sind es über eine Milliarde Liter. Der Stoff sorgt dafür, dass das, was aus den Auspuffen kommt, umweltverträglicher ist. Geht einem Lastwagen AdBlue aus, wird durch technische Vorkehrungen erst automatisch das Tempo gedrosselt - bis das Fahrzeug stehen bleibt.

Kaum Alternativen zu AdBlue

"Das kann man sich vorstellen wie einen Tempolimiter", erklärt Pfaffenberger. Rein theoretisch sei es möglich, die Vorrichtung abzuschalten. "Das ist aber alles andere als trivial". Erst einmal sei der Verzicht auf AdBlue gesetzlich verboten. Sollte es zu dramatischen Engpässen kommen, könnte die Bundesregierung reagieren. "Viel kritischer ist aber, dass die Gewährleistung in den Motoren durch den Hersteller an den Einsatz von bestimmten Stoffen gekoppelt ist", erklärt Pfaffenberger. "Selbst wenn der Gesetzgeber eine Freigabe gäbe, müsste sich jeder Spediteur noch mit seinem Hersteller besprechen."

Wirkliche Alternativen zu AdBlue gibt es derzeit nicht - zumindest keine, die kurzfristig zum Einsatz kommen kann. "Motortechnik ist komplex", sagt der Spediteurssprecher. Sogenannte E-Fuels - also synthetische Kraftstoffe, die ohne Diesel-Reiniger auskommen - seien eine Option. "Aber dafür braucht es teilweise komplett neue Techniken." Gerade in einer akuten Mangellage ist das wohl keine Option.

"Es drohen nicht nur leere Supermarktregale!"

Verbände sind jedenfalls alarmiert - allen voran der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. "Mehr als 70 Prozent aller Güter und Waren werden in Deutschland mit dem Lkw transportiert", sagt deren Vorstand Dirk Engelhardt. Die Uhr laufe, appelliert der Branchenvertreter an die Bundesregierung, denn: "Es drohen nicht nur leere Supermarktregale!"

In seiner Verzweiflung hat der Verband inzwischen einen Brandbrief an das Wirtschaftsministerium geschrieben. In dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, fordern die Logistiker einen Runden Tisch zu AdBlue - und zwar so bald wie möglich.