Linsen statt Fleisch: So reagieren Bayerns Bauern auf Ernährungstrends

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

E-Mail

6.4.2021, 05:40 Uhr
In der französischen Auvergne bauen etwa 1000 Landwirte auf circa 3500 Hektar die hier zu sehenden grünlichen Le-Puy-Linsen an. Nur Linsen aus dieser Region dürfen so bezeichnet werden. Anderswo wird der alternative Name

In der französischen Auvergne bauen etwa 1000 Landwirte auf circa 3500 Hektar die hier zu sehenden grünlichen Le-Puy-Linsen an. Nur Linsen aus dieser Region dürfen so bezeichnet werden. Anderswo wird der alternative Name "Anicia-Linsen" verwendet. In Bayern sollen nun verstärkt solche Linsen angebaut werden.  © THIERRY ZOCCOLAN, AFP

Linsen sind natürlich Hülsenfrüchte und keine Menschen. Und doch haben sie eine Eigenschaft, die man als zutiefst menschlich bezeichnen könnte. "Sie haben keine eigene Standkraft. Sie brauchen einen Partner, der ihnen Halt gibt. Ohne diesen Partner fallen sie in sich zusammen, liegen am Boden und verfaulen schließlich", erklärt Bärbel Eisenmann.

Für die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) arbeitet sie an dem Projekt "Speiseleguminosen BioBayern". Das Ziel: Linsen, aber auch Buschbohnen und Kichererbsen auf Bayerns Feldern populärer zu machen.

Die Linsen-Pflanzen werden 40 bis 60 Zentimeter hoch. Als stützender Partner für die Pflanzen wird oft Hafer oder Gerste gesät. "Schon früher haben Bauern oft eine Handvoll Linsen zum Getreide gesät. Sie wussten damals schon, dass das gut für den Boden ist", sagt Eisenmann.

Frankens Böden besonders gut für Linsen

Linsen waren früher auch hierzulande weit verbreitet und wurden als Arme-Leute-Essen zur Selbstversorgung angebaut. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg spielen Linsen keine Rolle mehr in Bayern, viel Wissen um den Anbau ist verlorengegangen. "Da kam dann der Kunstdünger auf und man dachte, man braucht das nicht mehr. Jetzt denkt man da langsam um", sagt Eisenmann.

Linsen mögen kalkige, trockene Böden. Deswegen ist gerade Franken eigentlich besonders gut für den Anbau geeignet. Einer der größten Linsen-Anbauer in Bayern sitzt an der Grenze von schwäbischer zu fränkischer Alb. Der Naturland-Betrieb Asbacherhof in Fünfstetten (Landkreis Donau-Ries) hat vor sechs Jahren mit 0,2 Hektar Linsen angefangen, in diesem Jahr werden es schon 20 Hektar sein.


Glückliche Bauern: Bayern zahlt Millionen für Uferstreifen


"Bisher haben wir die Beluga-Linse angebaut. Jetzt säen wir auch Le-Puy- und Tellerlinsen", sagt Betriebsleiter Klaus Steigerwald. Der Asbacherhof ist Saatgut-Vermehrer, die Linsen gehen nach der Ernte an Anbau-Betriebe im Umkreis, nur ein kleiner Teil kommt in den Verkauf.

"Noch gibt es bei den bayerischen Linsen keine anständige Vermarktung. Es gibt niemanden, der mal zehn, 20 oder noch mehr Tonnen abnimmt", verdeutlicht Steigerwald. Er hat mit dem Linsen-Anbau begonnen, um dabei zu helfen, den Fleischkonsum nach unten zu schrauben.

"Der Trend geht weg vom Fleisch"

"Bayerische Linsen sind vielleicht noch teurer als kanadische. Aber dafür hat man ein regionales Bio-Produkt. Und das Sattwerden ist mit diesem pflanzlichen Eiweiß noch deutlicher günstiger als mit tierischem", meint Steigerwald. Das tierische Eiweiß müssten sich die Menschen durch die Zerstörung der Umwelt und den Verbrauch der Ressourcen teuer erkaufen. "Der Trend wird deshalb deutlich vom Fleisch weggehen", ist Steigerwald überzeugt.

Die Nachfrage nach den Früchten mit dem hohen Eiweißgehalt steigt durch den Trend zu mehr vegetarischer und veganer Ernährung deutlich an. Da will man nun auch in Bayern mit regionaler Bio-Ware eine Nische besetzen. Und nicht nur deshalb: "Linsen lockern die Fruchtfolge auf. Hülsenfrüchte ziehen Stickstoff aus der Luft und speichern ihn. Die nachfolgende Kultur auf dem Feld kann diesen dann nutzen", sagt Eisenmann.

Kaum Buschbohnen in Bayern

In Bayern wird nun versucht, vor allem die den französischen Le-Puy-Linsen ähnlichen Anicia-Linsen und Beluga-Linsen anzubauen. Ziel des Projektes sei es, die richtigen Sorten für Bayern zu finden und Anbauempfehlungen zu geben. Für die Vermarktung muss neben der Direktvermarktung in Hofläden ein Netzwerk aufgebaut werden. Gerade die Reinigung, also die Trennung vom Getreide, ist aufwendig und teuer.

Neben Linsen sollen in Bayern auch Buschbohnen angebaut werden. Stangenbohnen sind zwar in vielen Gärten populär, Buschbohnen werden aber kaum angebaut. Dabei haben sie für die Landwirtschaft einen entscheidenden Vorteil: Sie können maschinell geerntet werden. Die ersten Erkenntnisse hat man wie bei den Linsen schon bei standardisierten Versuchen mit unterschiedlichen Sorten am LfL-Standort in Ruhstorf an der Rott (Landkreis Passau) gewonnen, etwa auch mit Kidney- oder Borlotti-Bohnen.

In diesem und im kommenden Jahr werden Demonstrationsversuche bei landwirtschaftlichen Pionier-Betrieben durchgeführt. "Da ist es aber noch viel schwieriger, Saatgut zu bekommen, als bei den Linsen", sagt Eisenmann. Nachdem die anderen Sorten nicht so erfolgversprechend waren, will man es in Bayern nun vor allem mit "Black Turtle" versuchen, einer Schwarze-Bohnen-Sorte.

Kichererbsenanbau bei Schwabach

In diesem Jahr steigt die Lfl zudem beim Kichererbsen-Anbau ein. Dabei ist man in Bayern noch ganz am Anfang. Der Anbau gilt als schwierig, die Erträge schwanken stark, die Pflanzen sind anfällig für Krankheiten.


Neuer Klima-Report warnt: Mehr als 50 Hitzetage pro Jahr in Franken


Klaus Hörndler aus Unterbaimbach bei Schwabach will es trotzdem wagen. Er hat einen gemischten Betrieb mit Pferdepension, Rinder- und mobiler Hühnerhaltung, baut Dinkel und Roggen für die Mühle und Futter für die Tiere an. Und in diesem Jahr auch erstmals einen halben Hektar Kichererbsen.

"Wir wollten in unserem Hofladen auch mal was anderes anbieten als das Übliche. Die Ernährung geht ja ein bisschen weg von Fleisch und Wurst", erklärt Hörndler. Schnell fiel die Wahl auch Kichererbsen. Weil Saatgut dafür schwer zu bekommen ist, kontaktierte er die LfL und wurde so zu einem Teil des Speiseleguminosen-Projekts.

Ernte mit dem Mähdrehscher

500 bis höchstens 1000 Kilogramm Ertrag kann er sich in diesem Jahr erhoffen, wegen der geringen Menge müssen die Kichererbsen wohl von Hand sortiert werden. Die Ernte selbst kann der Mähdrescher übernehmen. "Für den Boden sind die Kichererbsen super. Sie brauchen praktisch keinen Dünger und verbessern die Bodenfruchtbarkeit", sagt Hörndler. Jetzt müssen sie nur noch wachsen.

10 Kommentare