Luftangriffe '45: Nürnberger Altstadt wird Erdboden gleichgemacht

2.1.2021, 09:11 Uhr

"Wie eine Illustration des jüngsten Gerichtes" - so sah Nürnberg für einen Zeitzeugen kurz nach dem Bombenangriff des 2. Januar 1945 aus. © Hermann Weber/Stadtarchiv Nürnberg

Es war ein klirrend-kalter Wintertag: Das Thermometer zeigt minus acht Grad Celsius an, Schnee liegt auf den Hausdächern und den Kirchtürmen, die Weiher sind zugefroren. Die anbrechende Nacht ist kristallklar, Sterne funkeln am Himmel. Eine winterliche Idylle. Was die Bewohner Nürnbergs nicht ahnen: Eine riesige Armada britischer Kampfbomber ist im Anflug, um die Stadt zu zerstören. 521 Flugzeuge sind für den Angriff eingeteilt.

Um 18.33 Uhr heulen die Sirenen auf, um die Bevölkerung zu warnen. Eilig rennen Frauen, Kinder und Männer zu den Bunkern und Schutzräumen. In kleinen Koffern und Taschen schleppen sie das Nötigste mit sich. Denn wer weiß schon, ob er nach dem Bombardement noch eine Wohnung hat? In drei Jahren Luftkrieg hat sich eine gewisse Routine eingespielt: Das Gepäck steht zum Mitnehmen bereit, mit dem ersten Alarm machen sich die Nürnberger auf.

Angriffswelle folgte auf Angriffswelle

Die englischen Kampfbomber haben ihre Attacken ursprünglich nur auf 15 Minuten angesetzt, doch sie ziehen sich 53 Minuten hin. Quälend lange kommt den Menschen in den Kellern und Bunkern diese Zeit vor, Angriffswelle auf Angriffswelle erschüttert die Stadt.

In einem Luftschutzraum am Hauptbahnhof hat die zehnjährige Rosi Schmidt mit ihren Eltern Unterschlupf gefunden. Auch Rosi hat ihren Notkoffer dabei: Allerdings sind in dem Gepäckstück keine Lebensmittel oder Ersatzkleidung, sondern ihre Puppen "Gerda" und "Maxi".

Die Stimmung in dem Raum ist gedrückt, die Menschen sind starr vor Todesangst. " Alle Menschen hatten panische Angst, aber sie verhielten sich meist ruhig", erinnert sich die 85-Jährige Rosi Schmidt, "nur wenn die Bunkerwände wegen einer nahen Detonation schwankten, ging ein Aufschrei durch die Reihen."

"Das nackte Grauen, die Hölle"

Die massiven Bombeneinschläge waren auch in den Bunkern zu spüren. "Das nackte Grauen, die Hölle" und "Angst, es blieb kein Raum für andere Gefühle bis auf: Lieber Gott, lass mich nicht sterben" oder "Man hatte mit dem Leben abgeschlossen" - mit diesen Worten beschreiben Zeitzeugen die schreckliche Stunde der Bombardierung am 2. Januar 1945.

Das Stadtarchiv hatte vor 16 Jahren Senioren zu ihren Erlebnissen in der Nürnberger Bombennacht befragt. Die Mitarbeiter konnten anschließend 212 Fragebögen in dem Standardwerk „Der Luftkrieg gegen Nürnberg“ auswerten. In dem äußerst authentischen Dokument beschreiben Menschen, wie psychisch erschöpft und abgestumpft sie durch den jahrelangen Luftkrieg bereits waren. Sie waren mit ihren Kräften einfach am Ende.

Rettung durch Felsenkeller

Viele Nürnberger überlebten den 2. Januar 1945 in den Felsenkellern: In der Zeit des Nationalsozialismus war dieses mittelalterliche Gangsystem zu Schutzräumen ausgebaut worden. Diese Bombardierung war für Nürnberg die brutalste und folgenreichste. Doch die Stadt war drei Jahre lang dem Luftkrieg-Terror ausgesetzt. Sie bekam — wie viele weitere Städte auch — die blutige Quittung für den schrecklichen Angriffskrieg der Nationalsozialisten.


Die schreckliche Bilanz der Luftangriffe: In Nürnberg kamen 5366 Frauen, Kinder und Männer ums Leben, 91 Prozent der Gebäude wurden beschädigt, 39 Prozent total zerstört. 280.000 Stadtbewohner wurden obdachlos, die Hälfte des Wohnraums war bei Kriegsende vernichtet.

Hier finden Sie den Ticker zum Bombenangriff am 2. Januar 1945:

Luftangriffe auf Nürnberg am 2. Januar 1945

26 Kommentare