Viele Verspätungen und Zugausfälle

Marodes Schienennetz: "Die jüngste Entwicklung ist wirklich erschreckend"

Arno Stoffels
Arno Stoffels

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25.7.2022, 14:30 Uhr
Bahnchef Richard Lutz hat eine Generalsanierung des Hauptnetzes angekündigt. Aus Bayern kommt nun die Kritik, darüber würde der Regionalverkehr vernachlässigt.

© Sven Hoppe/dpa Bahnchef Richard Lutz hat eine Generalsanierung des Hauptnetzes angekündigt. Aus Bayern kommt nun die Kritik, darüber würde der Regionalverkehr vernachlässigt.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) schlägt mit deutlichen Worten Alarm. Der Zustand der Infrastruktur auf regionalen Bahnstrecken, also beispielsweise der Gleise, Weichen oder Signalanlagen, sei "inakzeptabel", heißt es von der BEG, die im Auftrag des Freistaats den Personennahverkehr auf der Schiene ausschreibt, bestellt und finanziert.

Infrastrukturmängel führten zu immer mehr Verspätungen und Zugausfällen, besonders betroffen "sind Linien abseits der zentralen Schienenkorridore".

Demnach haben gemäß einer Auswertung der BEG die Störungen im bayerischen Regional- und S-Bahn-Verkehr zuletzt deutlich zugenommen.

Pünktlichkeit sinkt stark

Die Pünktlichkeitsquote im gesamten Regional- und S-Bahn-Verkehr in Bayern sank von durchschnittlich 92,4 Prozent im Zeitraum Januar bis Mai auf 82,8 Prozent im Juni, so die BEG.

Die Zugausfallquote aufgrund von Streckensperrungen ist hier noch gar nicht berücksichtigt; die Daten dazu liegen der BEG aktuell noch nicht vollständig vor.

Zwar spielte bei den Verspätungen auch die Einführung des 9-Euro-Tickets eine gewisse Rolle. Doch nach Zahlen der BEG wird dieser Effekt durch "Mängel in der Schieneninfrastruktur deutlich in den Schatten gestellt."

Defizite bei der Infrastruktur

Bei den Verspätungsursachen legten die Infrastrukturdefizite deutlich zu: Ihr Anteil an den Verspätungen im bayerischen Regional- und S-Bahn-Verkehr stieg von 36,9 Prozent im Zeitraum Januar bis Mai auf 45,4 Prozent im Juni.

Betrachtet man ausschließlich die Fahrbahnmängel, so stieg deren Anteil an allen Verspätungen von durchschnittlich 1,8 Prozent im Zeitraum Januar bis Mai 2022 auf 11,7 Prozent im Juni 2022, also um mehr als das Sechsfache.

"Dabei verbergen die Durchschnittszahlen für ganz Bayern eine noch deutlich drastischere Entwicklung im regionalen Streckennetz abseits der Hauptverkehrsachsen", wie die BEG mitteilt.

Schlechter Zustand

Auf diesen Strecken, wo in der Regel keine oder kaum Fernverkehrszüge fahren, ist der Zustand der Infrastruktur laut BEG in Teilen noch schlechter. Ein einigermaßen pünktlicher Zugverkehr ist dort teilweise kaum mehr möglich.

„Die Deutsche Bahn und die Bundesregierung haben Ende Juni mit großem Getöse die Generalsanierung der wichtigsten Schienenkorridore zwischen den Ballungszentren angekündigt. Das Ziel soll ein sogenanntes Hochleistungsnetz für Deutschland bis 2030 sein“, sagt Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU).

Appell an Bahn und Bund

„Dieses Hochleistungsnetz nützt den täglich 1,3 Millionen Fahrgästen im bayerischen Regional- und S-Bahn-Verkehr herzlich wenig, wenn der Zustand der weniger befahrenen Strecken so schlecht bleibt. Ich appelliere deshalb eindringlich an die Deutsche Bahn und den Bund: Vernachlässigen Sie die Regionalstrecken nicht zugunsten der Hauptverkehrsachsen", so Bernreiter.

Ansonsten würden weite Teile des Landes vom Hochleistungsnetz abgehängt. "Es braucht dringend massive Investitionen in die Schiene – und zwar in der Fläche. Nur so kann im Regionalverkehr wieder ein sicherer und vor allem zuverlässiger Betrieb gewährleistet werden. Der Zustand jetzt ist inakzeptabel“, sagt der bayerische Verkehrsminister.

Drastisches Beispiel

Ein besonders drastisches Beispiel für die zunehmenden Infrastrukturprobleme sei das Werdenfelsnetz: Auf den Bahnstrecken zwischen München, Garmisch-Partenkirchen, Kochel und Oberammergau stieg die Anzahl der Verspätungsfälle, die auf Fahrbahnmängel zurückzuführen sind, im Juni 2022 auf mehr als das Zwanzigfache im Vergleich zu den Vormonaten.

Waren es von Januar bis Mai 2022 monatlich im Schnitt 60 Verspätungsfälle, schnellte die Zahl im Juni auf 1.250 hoch. Hinzu kommen noch beträchtliche Zugausfälle.

Wegen der Ermittlungen zum Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen am 3. Juni ist südlich von Oberau immer noch kein Bahnbetrieb möglich.

Erschreckende Entwicklung

„Die jüngste Entwicklung ist wirklich erschreckend“, sagt Bärbel Fuchs, Geschäftsführerin der BEG. „Ein planbarer Betrieb ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich, von einer angemessenen Fahrgastinformation ganz zu schweigen – auch weil DB Netz Langsamfahrstellen und Baumaßnahmen oft sehr kurzfristig ankündigt."

Weder für die BEG noch für die Fahrgäste sei diese Situation länger akzeptabel. "Wir fordern von DB Netz eindringlich, die Infrastruktur präventiv besser instand zu halten, damit es erst gar nicht zu so einer Häufung an Mängeln kommt. Es darf nicht sein, dass bei nahezu jeder Messzugfahrt neue Langsamfahrstellen oder gar komplette Streckensperrungen hinzukommen.“

Ersatzbusse fehlen

Aber auch bei DB Regio gebe es Verbesserungsbedarf. Das Unternehmen betreibt im Auftrag der BEG den Regionalverkehr im Werdenfelsnetz und ist vertraglich verpflichtet, einen adäquaten Schienenersatzverkehr zu organisieren, wenn es zu Zugausfällen kommt.

Dass dies bei sehr kurzfristig angekündigten Infrastrukturproblemen nicht immer in vollem Umfang klappt, ist noch halbwegs erklärbar. „Aber es ist inakzeptabel, dass es DB Regio selbst sechs Wochen nach dem Zugunglück nicht gelingt, ausreichend Schienenersatzbusse rund um Garmisch-Partenkirchen bereitzustellen."

Probleme in der Region

Große Probleme zeigen sich auch in der Region. Wegen Bauarbeiten am "Heuchlinger Bahndamm" nahe Lauf verkehren derzeit mehrere RE- und RB-Linien nicht. Zudem ist die S-Bahn-Linie 1 ausgedünnt, es fahren nur noch zwei statt drei Garnituren stündlich.

Seit Sonntag, 17. Juli, sollte eigentlich ein neues Ersatzbus-Konzept die Lage entspannen. Doch immer noch fehlen ausreichend Fahrzeuge, nach Angaben der DB wegen allgemeiner Engpässe bei Buskapazitäten auf dem Markt sowie kurzfristig erhöhtem Krankenstand.

Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die verbliebenen S-Bahnen teilweise nicht gekoppelt, sondern einteilig unterwegs sind und in den Fahrzeugen drangvolle Enge herrscht.

Ersatzteile fehlen

Auf Nachfrage erklärt eine Bahnsprecherin, dass die DB "alles in Bewegung" setze, was zur Verfügung steht.

"Leider ist die Verfügbarkeit einiger Ersatzteile auf dem Markt aktuell eingeschränkt, so dass es punktuell zu Zugkürzungen wie auf der Strecke der S1 kommen kann. Die DB arbeitet gemeinsam mit den Lieferanten mit Hochdruck an einer schnellen Lösung. Wir entschuldigen uns bei allen Reisenden für die entstandenen Unannehmlichkeiten und bitten um Verständnis", so die Sprecherin.

Bahn abgemahnt

Die BEG gibt an, DB Regio abgemahnt und aufgefordert zu haben, etwa bei der Werdenfelsbahn "umgehend die vertragskonforme Leistung zu erbringen. Ich und die gesamte BEG bedauern, dass eine so bedeutende Ferienregion wie das Werdenfelser Land aktuell so stark unter dem schlechten Zustand der Infrastruktur und dem mangelhaften Ersatzverkehr leiden muss“, stellt Bärbel Fuchs fest.

Eine Sprecherin der Bahn erklärte dazu, dass die DB überall im Netz mit Hockdruck daran arbeite, besser zu werden. "Die DB investiert mit Bund und Ländern so viel in Modernisierung sowie Neu- und Ausbau des Streckennetzes wie nie. Dafür fließen allein 2022 bundesweit 13,6 Milliarden Euro in Netz, Bahnhöfe und Technik – rund 900 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Gerade der Freistaat profitiert von diesen Geldern: 2,35 Milliarden Euro stehen im laufenden Jahr für die bayerische Infrastruktur zur Verfügung", so die Position der DB.

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