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Mehr Abschüsse in Bayern? Jäger wollen keine Schädlingsbekämpfer sein

Verbände wehren sich gegen die Forderung, die Zahlen bei Rehwild zu steigern - 04.10.2020 05:34 Uhr

Die Abschusszahlen für Reh und Hirsch sind in den letzten Jahren gestiegen. Doch Vertreter von Bund Naturschutz und ökologischem Jagdverband sowie einige Waldbesitzer sind dafür, die Abschussquoten noch einmal deutlich anzuheben, um dem Verbiss vorzubeugen. 

01.10.2020 © Jochen Grillenberger


In der Jägerschaft rumort es. "Natürlich brauchen wir angemessene Wildbestände", sagt Volker Bauer. Der CSU-Landtagsabgeordnete ist Präsidumsmitglied des Bayerischen Jagdverbands (BJV) und selber Waldbesitzer. Dass mit Blick auf den Klimawandel mit zunehmenden Dürrephasen, Stürmen und Schädlingsbefall der Umbau und Schutz des Waldes dringend nötig ist, steht für ihn außer Frage.


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Wer aber den Menschen "eintrichtern will, das Rehwild, dessen Abschüsse seit Jahren flächendeckend enorm gestiegen sind, wäre der singuläre Grund für einen erschwerten Waldumbau, verkauft sie für blöd", so Bauer. Erst vor wenigen Tagen hatte der Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV) in Bayern, Wolfgang Kornder, zusammen mit einem Vertreter des Bund Naturschutz und des Waldbesitzervereins Fränkische Schweiz die Forderung erhoben, den Rehwildbestand künftig massiv zu regulieren, um neugepflanzte Bäumchen vor dem Verbiss zu schützen.

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Aktuell würden jedes Jahr etwa zehn Rehe pro 100 Hektar geschossen, in Zukunft müssten die Quoten aber auf 20 oder 30 Stücke erhöht werden, hieß es bei einem Ortstermin im Landkreis Forchheim. Ein Hintergrund dafür ist auch die geplante Novellierung des Bundesjagdgesetzes, bei der ein Paradigmenwechsel hin zu einer stärkeren Bejagung mit höheren Abschusszahlen von Rehwild auf den Weg gebracht werden soll, was ohnehin schon für Kontroversen sorgt.

Großes Kopfschütteln

Doch das Postulat, bis zu 30 Rehe zu schießen und somit gewissermaßen alleine auf einen Waldumbau mit dem Gewehr zu setzen, habe zu großem Kopfschütteln beim BJV gesorgt, so Bauer. "Die Verhältnismäßigkeit ist nicht gewahrt. Man muss die Kirche im Dorf lassen, Jäger sind keine Schädlingsbekämpfer." Seit Jahren würden die 80000 Jäger ihren Teil dazu beitragen, den Wald zu schützen. Oft in enger Absprache mit den Besitzern. "Aber diese Menge ist nicht lieferbar und kommt einer Totalausrottung gleich", so Bauer.

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In den meisten Revieren sei die Erfüllung des Abschussplans bereits jetzt mit viel Zeit und Energie für den Jäger verbunden. Zumal das Wild immer heimlicher wird, was Bauer unter anderem mit den vielen Erholungssuchenden und Freizeitsportlern erklärt. "Ich kann die Leute ja verstehen", sagt er. Aber für Rehe würden so Ruheräume fehlen und gleichzeitig die Jagd erschwert.

Gleichzeitig gebe es viele Gründe für einen erschwerten Waldumbau, "von der Schadensanfälligkeit vermeintlicher Zukunftsbäume über falsch gewählte Standorte oder schlicht ein Nicht-Anwachsen ohne Bewässerung", so Bauer. Zudem werde verschwiegen, dass selbst verbissene Bäume zu einem biodiversen Wald heranwachsen könnten.

Schnee von gestern

Er plädiert beispielsweise dafür, in den Wäldern für mehr Ablenkfütterungen zu sorgen und etwa Blühflächen zu schaffen, die sowohl den Insekten nützen als auch dem Schalenwild Äsungsmöglichkeiten bringen. Auch der Verein "Wildes Bayern" , der sich als "Anwalt der Wildtiere" im Freistaat versteht, hält nichts von der Forderung nach deutlich erhöhten Abschussquoten.

"Nirgendwo auf der Welt verhindern Rehe das Aufwachsen eines Waldes", sagt die promovierte Biologin und Vorsitzende Christine Miller. "Nur die betriebswirtschaftliche Rendite eines Waldbesitzers mag günstiger ausfallen, wenn er weniger Ökologie mit allen Waldbewohnern zulässt und mehr auf Baumgärtnerei setzt." Das Rezept "je mehr totes Wild, desto mehr Wald" sei "Schnee von gestern und genauso korrekt, wie die Behauptung, dass rothaarige Frauen Hexen und schlecht für das Wetter wären.

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