Mit Sondersendung: "Aktenzeichen XY" sucht nach Peggy

1.6.2015, 06:00 Uhr
Das TV-Team filmte mit Laiendarstellern, wie sich Peggy und ihre Mutter (Melanie Fraas) morgens im Bad streiten, weil die Neunjährige nicht in die Schule will.

Das TV-Team filmte mit Laiendarstellern, wie sich Peggy und ihre Mutter (Melanie Fraas) morgens im Bad streiten, weil die Neunjährige nicht in die Schule will. © Foto: Katharina Ritzer

Spektakuläre Fälle von Buben und Mädchen treffen ins Herz der Menschen, erregen ihre Aufmerksamkeit und entlocken ihnen manchmal sogar Geheimnisse. Darauf setzen die Macher der jährlichen Sondersendung „Wo ist mein Kind?“ aus der zugkräftigen „Aktenzeichen“Reihe, die das ZDF jetzt ausstrahlt.

Wer erinnert sich nicht: Abgemagert, erschöpft, aber zu allem entschlossen, saß im Oktober 2013 die Britin Kate McCann im Studio neben Moderator Rudi Cerne und bat die Zuschauer eindringlich: "Wenn Sie irgendetwas wissen, bitte, bitte trauen Sie sich und melden Sie sich. Wir brauchen Ihre Hilfe."

"Neue Lösungsansätze, neue Gedanken"

Sie und ihr Mann Gerry zeigten sich überzeugt, dass ihre kleine Tochter Madeleine noch lebt, die sechs Jahre zuvor in einer Ferienanlage in Portugal verschwand. 7,26 Millionen Zuschauer sahen diesen verzweifelten Auftritt, über 500 Hinweise erhielt die Polizei danach.

Heute gibt es neue Verdächtige, ein Expertenteam verfolgt Spuren in Europa und Afrika. Man gebe „Maddie“, wie die damals Dreijährige gerufen wurde, nicht auf, sagte erst vor kurzem der britische Premierminister David Cameron. Nächste Woche wird Susanne Knobloch, Peggys Mutter, zusammen mit ihrer Anwältin Ramona Hoyer bei Rudi Cerne sein und vor laufender Kamera von den letzten Stunden berichten, die sie mit ihrem Kind in Lichtenberg verbrachte. Auch sie hat den Glauben nicht aufgegeben, dass ihre Tochter noch am Leben sein könnte. Man erhoffe sich „neue Lösungsansätze, neue Gedanken“, sagt Hoyer, deshalb habe man dem belastenden Auftritt zugestimmt. Einen Fall „Natascha Kampusch“ habe sich schließlich vorher auch niemand vorstellen können.

Psychischer Druck wächst

Und doch, es gleicht einem hoffnungslosen Unterfangen: 14 Jahre später, nachdem Peggy das letzte Mal gesehen wurde, nach zwei Mordprozessen ohne Leiche, nach internationalen Suchaktionen, nach Razzien, vorläufigen Festnahmen und der Exhumierung einer Leiche, nach all diesen Aktionen, die keinen Schritt weitergeführt haben, sollen die Ermittler jetzt den entscheidenden Tipp aus der Bevölkerung erhalten?

"Die Chancen sind gut", sagt Ina-Maria Reize-Wildemann, die Chefredakteurin der Deutschen Kriminalfachredaktion (DKF) in München, die die Beiträge für die XY-Sendung produziert. Gerade nach so langer Zeit sinke häufig die Hemmschwelle von Mitwissern, sich bei der Polizei zu melden, das habe man mehrfach erlebt. Oder der psychische Druck des Täters ist so immens geworden, dass er sich offenbare. Die Erfolgsquote bei „Altfällen“ sei erstaunlich gut.

Ermittlungskommission war bei Dreharbeiten dabei

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Im März hat die DKF den zehnminütigen Einspielfilm in Lichtenberg und Schwarzenbach am Wald (Landkreis Hof) gedreht und die letzten Stunden der Neunjährigen rekonstruiert, ehe sie spurlos verschwand.

Ein achtjähriges Mädchen aus der Kulmbacher Gegend spielt Peggy: Mit farbigen Kontaktlinsen und einem frechen Pony sieht sie ihr jetzt verblüffend ähnlich. Im Film streiten sich Peggy und ihre Mutter (dargestellt von der 22-jährigen Laienschauspielerin Melanie Fraas aus Neuenmarkt) im Bad, weil das Kind nicht in die Schule will, dann aber in letzter Minute doch aus dem Haus hastet.

Man habe nur die Informationen herausgegeben, die als gesichert gelten, sagt Jürgen Stadter, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. Die Ermittlungskommission der Kripo Bayreuth war bei den Dreharbeiten dabei. Doch was in den Stunden nach Schulschluss wirklich geschah, weiß niemand, die Ermittler haben inzwischen viele Hypothesen aufgestellt — und nach langen Recherchen wieder verworfen. Man habe „wirklich alles nachgeprüft“, auch die Spur nach Tschechien. Zuletzt suchten Polizeitaucher eine Talsperre in Sachsen nach dem Schulranzen ab. „Wir haben kein positives Ergebnis“, formuliert Stadter.

Neuer Filmschluss

Was geschah? Die vielen denkbaren Szenarien haben offenbar auch die Fernsehredaktion verunsichert. In letzter Minute wurde der Schluss geändert: Jetzt sieht der Zuschauer, wie jemand einen Fuß in die Tür zu Peggys Wohnung stellt.

Die Sondersendung schildert auch den Fall des 29-jährigen Lars Mittank, der vor einem Jahr nach einem Urlaub in Bulgarien auf dem Flughafen von Varna verschwand. Täglich werden beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden zwischen 200 und 300 Kinder als vermisst gemeldet. Rund 100.000 Buben und Mädchen verschwinden pro Jahr in Deutschland.

Doch 98 Prozent von ihnen tauchen in kürzester Zeit wieder auf. Peggy gehört zu den traurigen Ausnahmen.

Hinweise nimmt am Sendeabend, 3. Juni, von 20.15 bis 23 Uhr das Aufnahmestudio in München entgegen: Telefon (0 89) 95 01 95; E-Mail: xy@zdf.de

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