Modellprojekt verhilft bedrohten Frauen zu Wohnungen

7.1.2020, 05:50 Uhr
Ist die Flucht in ein Frauenhaus erst einmal geschafft, stellt sich schnell die Frage, wie – und vor allem in welcher Wohnung – es langfristig für die misshandelte Frau und ihre Kinder weitergehen soll. Ein Problem: bezahlbarer Wohnraum ist vielerorts knapp.

© Foto: Maja Hitij/dpa Ist die Flucht in ein Frauenhaus erst einmal geschafft, stellt sich schnell die Frage, wie – und vor allem in welcher Wohnung – es langfristig für die misshandelte Frau und ihre Kinder weitergehen soll. Ein Problem: bezahlbarer Wohnraum ist vielerorts knapp.

Die Frauenhäuser im Freistaat sind nämlich auch deshalb permanent an den Grenzen ihrer Aufnahmekapazität, weil viele Frauen nach der endgültigen Flucht vor ihrem gewalttätigen Partner keine Wohnung finden und deshalb länger als eigentlich notwendig in diesen vorläufigen Zufluchtsstätten bleiben.

Vielen gewaltbetroffenen Frauen fehlt das soziale Netz, wenn sie sich zur endgültigen Trennung von ihrem schlagenden Mann entschlossen haben, weiß Barbara Grill, die Geschäftsführerin des Nürnberger Frauenhauses. "Leben in einer gewaltgeprägten Beziehung verstärkt die Isolation, und mit Kindern wird die Abhängigkeit noch größer", sagt Grill.

Bezahlbarer Anschlusswohnraum

Der Verein "Hilfe für Frauen in Not Nürnberg", der Träger des örtlichen Frauenhauses, hat sich deshalb für ein sogenanntes Second-Stage-Projekt beworben und im Herbst vergangenen Jahres als einer von 17 bayerischen Standorten grünes Licht dafür bekommen. "Keine Frau soll nach einem Frauenhaus-Aufenthalt gezwungen sein, zum gewalttätigen Partner zurückzukehren, nur weil sie keinen bezahlbaren Anschlusswohnraum findet", sagt Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU).

"Second Stage", also die zweite Etappe, richtet sich an gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder, die den hohen Schutz eines Frauenhauses und die intensive Betreuung, die dort geleistet wird, nicht mehr benötigen. Bei einem großen Teil der Bewohnerinnen lasse sich innerhalb von drei bis fünf Monaten die Gefährdungssituation deutlich verringern, erklärt Barbara Grill.

Durch sozialpädagogische Unterstützung bauen gewaltbetroffene Frauen eine neue Lebensperspektive auf und sollen dann eben nicht erneut in eine zeitlich begrenzte Übergangseinrichtung, zum Beispiel eine Unterkunft für obdachlose Alleinerziehende, ziehen müssen.

Eine eigene Wohnung zu finden, ist für viele Betroffene jedoch eine enorme Herausforderung. "Als Frau in einer solchen Lebenssituation sind Sie nicht gerade der Darling auf dem Wohnungsmarkt", weiß die Geschäftsführerin des Nürnberger Frauenhauses.

Finanzielle Abhängigkeit

Der extrem angespannte Wohnungsmarkt in vielen bayerischen Kommunen biete inzwischen kaum noch Zugangsmöglichkeiten für Zielgruppen mit besonderen Bedürfnissen wie misshandelte Frauen, die von ihren Männern oft auch bewusst in massiver finanzieller Abhängigkeit gehalten wurden. Und auch für Sozialwohnungen werden die Wartelisten immer länger.

In Zusammenarbeit mit dem Siedlungswerk Nürnberg und der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft will der Träger des Nürnberger Frauenhauses darum zehn Wohnungen zur Verfügung stellen, in die gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder einziehen und nach einer gewissen Zeit auch selbst mieten können. Das Frauenhaus in Fürth, ein weiterer Träger des Second-Stage-Projektes, versucht es erst mal eine Nummer kleiner und hat mit Unterstützung der wbg Zirndorf eine Dreizimmerwohnung angemietet.

Ehrenamtliche Unterstützer

Die wird gerade von teilweise ehrenamtlichen Helfern renoviert und mit Hilfe von Spendengeldern möbliert. Im Februar soll dann eine misshandelte Frau mit ihren Kindern dort einziehen.

"Wir probieren das jetzt aus und mieten eventuell später noch eine zweite Wohnung an", sagt Eva Göttlein, die Vorsitzende des örtlichen Trägervereins – wohl wissend, dass die vom Sozialministerium mit insgesamt 1,9 Millionen Euro geförderten Modellprojekte nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Die Gewalt gegen Frauen nehme zu, weshalb auch das Fürther Frauenhaus permanent voll belegt sei und immer wieder schutzsuchende Frauen abweisen muss.

Andrea Hopperdietzel, die Leiterin des Frauenhauses in Schwabach, hat ebenfalls mit den begrenzten Raumkapazitäten zu kämpfen, und auch sie will mit Hilfe des Second-Stage-Projektes zumindest ein paar gewaltbetroffenen Frauen helfen, sich in einem zweiten Schritt ein neues Leben aufzubauen. Dafür hat die Schwabacher Einrichtung, die für die Landkreise Roth, Nürnberger Land und Weißenburg-Gunzenhausen mit zuständig ist, mit der Arbeiterwohlfahrt einen gut vernetzten Träger im Rücken.

Probleme im ländlichen Raum

Bei der Wohnungssuche haben die Schwabacher Verantwortlichen aber auch mit speziellen Problemen zu kämpfen, die Einrichtungen in größeren Städten so nicht haben. "Die Frauen, die wir betreuen, können in aller Regel nicht in ein Dorf ohne Infrastruktur und öffentliche Verkehrsmittel ziehen", erklärt Hopperdietzel. Alleinerziehende Mütter, die sich nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Partner oft erst wieder ein soziales Netz aufbauen müssen, hätten es im ländlichen Raum doppelt schwer.

Das Modellprojekt des Bayerischen Sozialministeriums setzt deshalb auf eine gute regionale Verteilung der einzelnen Projekte in allen sieben bayerischen Bezirken und auf konzeptionelle Vielfalt. "Damit werden wir erproben, ob und unter welchen Bedingungen es fachlich sinnvoll ist, das bisherige Hilfssystem um einen weiteren Baustein zu ergänzen", erklärte Kerstin Schreyer beim Projektstart.

Für Eva Göttlein sind die Second-Stage-Maßnahmen allerdings nur ein erster Schritt, dem viele weitere folgen müssten. "Gewalt gegen Frauen und Kinder ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das die Politik viel zu lange vernachlässigt hat", kritisiert die Initiatorin des Fürther Modellversuchs.

 

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