Maishäcksler schreckte das Tier auf

Rasende Wildsau von Pölling: "Das hatten wir noch nie"

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 14.09.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Philip Hauck..ANZAHL: 1 von 1..
Philip Hauck

Neumarkter Nachrichten

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12.10.2021, 12:30 Uhr
Ein Schweißhund wurde eingesetzt, der eine Lebendfährte in der Nähe des Golfplatzes erschnüffelte.

Ein Schweißhund wurde eingesetzt, der eine Lebendfährte in der Nähe des Golfplatzes erschnüffelte. © Andy Eberlein

Die Pöllinger sind sich einig: Das war ein Riesenvieh, das am Samstag eine Schneise der Verwüstung im Neumarkter Stadtteil hinterlassen hat. Auf seiner rasanten Tour verwüstete die Wildsau Gärten und Zäune – und attackierte einen Radfahrer heftig.

Der Mann war um 8 Uhr auf seiner allmorgendlichen Tour in Richtung Golfplatz unterwegs, als das Wildschwein auf ihn losging. Ein Augenzeuge berichtet, die Sau sei mehrmals auf den Radler losgegangen, schreiend habe der Mann um sein Leben gekämpft. Als mehrere Anwohner zu Hilfe eilten, ließ die Sau von ihrem Opfer ab.

Freund war schnell zur Stelle

Auch Marcus Mertl, Kommandant der Feuerwehr in Pölling, war wenige Minuten später vor Ort. Der Radfahrer, ein Freund und Feuerwehrkollege, hatte ihn in größter Not mit dem Handy alarmiert. Genau die richtige Wahl, wie sich herausstellen sollte: Denn Mertl stand quasi startklar im Flur seines Hauses, nur anderthalb Autominuten entfernt. Er schnappte seine Rettungstasche und stieg ins Auto.

Den Acker nördlich von Pölling bearbeitete der Landwirt am Samstagmorgen mit dem Maishäcksler – was dem dort niedergelassenen Wildschwein freilich gar nicht behagte. (Foto: Wolfgang Fellner)

Den Acker nördlich von Pölling bearbeitete der Landwirt am Samstagmorgen mit dem Maishäcksler – was dem dort niedergelassenen Wildschwein freilich gar nicht behagte. (Foto: Wolfgang Fellner) © Andy Eberlein

Als er ankam, hatten die Helfer den Verletzten aus dem Feld gezogen und in Wolldecken gewickelt. Marcus Mertl stillte die Blutung am Bein und versorgte die Verletzung am Oberkörper. Wenige Augenblicke später trafen zwei Polizeibeamte ein und gingen ihm zur Hand. „Wir haben wie ein eingespieltes Team zusammengearbeitet, besser hätte es nicht laufen können“, lobt Mertl die Polizisten.

Weitere Beamte und ein Jäger preschten mit ihren Fahrzeugen in Richtung Wald, der flüchtigen Sau hinterher. Ohne Erfolg, sie war verschwunden. Aber nicht, ohne auch an Häusern und Höfen in Pölling ihre Spuren zu hinterlassen. Wie berichtet, hatte das Tier unter anderem ein großes Loch in einen Maschendrahtzaun gerissen.

„So etwas hatten wir noch nie“, resümiert Polizeihauptkommissar Martin Meier von der PI Neumarkt gestern. Die Attacke des Wildschweins sei eine Ausnahme, erklärt Meier, dem keine weiteren Vorfälle dieser Art bekannt sind. Zwar habe es 2020 in der Oberpfalz 60 schwer Verletzte durch Wildunfälle gegeben, allerdings immer im Straßenverkehr. Die Zahl der Wildunfälle (vornehmlich mit Rotwild) sei in den vergangenen zehn Jahren von 7000 auf 10.000 pro Jahr gestiegen, so Meier.

Schweißhund im Einsatz

Warum die Wildsau in Pölling abgehaust hat, weiß Lothar Sagerer. Der Vorsitzende des Jagdverbandes Bayern, Kreisgruppe Neumarkt, erhielt am Samstagmorgen um 8.15 Uhr einen Anruf der Polizei.

Viel konnte der passionierte Jäger da nicht mehr machen, außer Ursachenforschung zu betreiben. Er forderte Unterstützung eines Hundeführers mit Schweißhund an, die darauf spezialisiert sind, verletztes Wild im Rahmen der Nachsuche zu stellen. In einem Graben nahe des Golfplatzes, wo sich die Sau ausgeruht haben soll, schlug der Hund an und signalisierte: eine Lebendfährte in Richtung Wald.

Mit Gerüchten aufgeräumt

Sagerer räumt damit auch mit Gerüchten auf, die Sau sei krank oder angeschossen gewesen: „Das war ein Keiler in der Blüte seines Lebens, eine echte Maschine“, beschreibt er das geschätzt 130 Kilogramm schwere Tier.

Dass sich eine Wildsau in eine Wohngegend verirre, sei „beileibe nicht üblich“, erklärt Sagerer. Vielmehr seien es mehrere unglückliche Umstände gewesen, die zu dem Amoklauf durch den Ort geführt haben.

Auf seiner Flucht sprengte der kräftige Keiler diese mit Maschendraht verhängte Gartentür.

Auf seiner Flucht sprengte der kräftige Keiler diese mit Maschendraht verhängte Gartentür. © Wolfgang Fellner

Aufgeschreckt wurde die Sau morgens durch die Erntearbeiten auf einem Feld nördlich von Pölling. Dort, im Schutz der Maisstauden, hatte sie sich‘s bequem gemacht, „wie im Schlaraffenland“, so Jäger Lothar Sagerer. Durch das bedrohliche Getöse des Maishäckslers flüchtete das Tier, drehte am Einsiedlerhof ab und irrte schließlich durch Pölling, wo es auf den Radfahrer traf.

„Ein Wildschwein ist wehrhaft, wie ein Wolf“, erklärt Sagerer. Doch normalerweise sucht es das Weite, sofern keine Lebensgefahr besteht. Der Aufruhr, das Geschrei, die Angst, der Radfahrer waren am Ende zu viel für die Sau, glaubt Sagerer. „Das war der blanke Überlebensinstinkt.“

Mais lockt die Tiere

Wildsau und Radfahrer haben jedenfalls einen Schock fürs Leben. Letzterer muss nach der Not-Operation noch eine Weile im Krankenhaus verbringen. Feuerwehrmann Marcus Mertl ist täglich in Kontakt mit seinem Freund, der „großes Glück“ gehabt habe, da keine inneren Organe verletzt sind.

Jäger Lothar Sagerer hält es für unwahrscheinlich, dass Wild-Begegnungen dieser Art zur Regel werden: „Es gibt keine Überbevölkerung, das war ein unglücklicher Einzelfall.“ Nicht unschuldig daran sei die Landwirtschaft, die sich verändert habe: Die Monokultur Mais, eingesetzt als Tierfutter und Energieträger, belegt riesige Ackerflächen – und lockt letztlich auch Wildschweine.

Das will der Pöllinger Landwirt Andreas Huber so nicht stehen lassen. "Ich habe die Jäger mehrfach darum gebeten, die Sau zu schießen", erzählt er. Diese hätten aus Sicherheitsgründen jedoch keine freie Schussbahn gehabt. Vehement wehrt sich Huber auch gegen das Gerücht, das die Bild-Zeitung in die Welt gesetzt hat: "Ich habe die Sau nicht verletzt und bin somit auch nicht in der Pflicht, die von ihr verursachten Schäden zu regulieren."

Den Acker nördlich von Pölling bearbeitete der Landwirt am Samstagmorgen mit dem Maishäcksler – was dem dort niedergelassenen Wildschwein freilich gar nicht behagte.

Den Acker nördlich von Pölling bearbeitete der Landwirt am Samstagmorgen mit dem Maishäcksler – was dem dort niedergelassenen Wildschwein freilich gar nicht behagte. © Wolfgang Fellner

Er sieht sich, im Gegensatz zu Jäger Lothar Sagerer, mit einer Wildschweinplage konfrontiert. Regelmäßig graben ganze Rotten ihm die Felder um und verursachen so großen Schaden. Die Landwirtschaft, der Maisanbau im Speziellen, sei daran nicht dafür verantwortlich; sondern allgemein der schwindende Lebensraum für die Wildtiere. "Überall schießen Gewerbegebiete aus dem Boden. kein Wunder, dass die Tiere ausweichen", sagt er. Andreas Huber fürchtet deshalb, dass es immer häufiger zu unliebsamen Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier kommen wird. "Es ist eine Frage der Zeit, bis die ersten Wölfe sich in Wohngebiete verirren", glaubt er.

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