Nazizeit: Offenes Buch über dunkelstes Kapitel

14.11.2013, 21:30 Uhr
Norbert Kirsch (l.) stellte das "Offene Buch" vor, an dem weiter mitzuwirken, Bürgermeister Klaus Meier in der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus aufrief. Mit diesem dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte Neustadts hatte sich schon der ehemalige Bürgermeister und Historiker Dr. Wolfgang Mück (r.) in Publikationen und einer großen Ausstellung 1983 im Gymnasium befasst.

© Harald J. Munzinger Norbert Kirsch (l.) stellte das "Offene Buch" vor, an dem weiter mitzuwirken, Bürgermeister Klaus Meier in der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus aufrief. Mit diesem dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte Neustadts hatte sich schon der ehemalige Bürgermeister und Historiker Dr. Wolfgang Mück (r.) in Publikationen und einer großen Ausstellung 1983 im Gymnasium befasst.

Buch und Film sollten in einer Gedenkstunde in der Rathaus-Ehrenhalle 75 Jahre nach den “so unglaublich verfälschend als ‘Reichskristallnacht’ bezeichneten Ereignissen” Erinnerung an die Opfer und zugleich Mahnung sein, stets “für alle gültige Menschenrechte einzutreten”. Bürgermeister Klaus Meier erklärte vor tief bewegten Besuchern der Gedenkstunde: “Wir Neustädter wollen in menschlichem Frieden und demokratischer Freiheit leben!” Allem, was daran hintern wolle, werde man entschieden entgegentreten!

Dieses Bekenntnis sollte in einer Stadt besondere Bedeutung haben, in der guten  Nachbarn und fest in die Gesellschaft eingebundenen jüdischen Mitbürgern alle Rechte aberkannt worden waren, auch die auf körperliche Unversehrtheit und das Leben. Schon frühzeitig hätten die Nationalsozialisten in Neustadt, das als zweite Stadt Hitler zum Ehrenbürger ernannt hatte, Fürsprecher gehabt und mit großer Mehrheit im Stadtrat die Geschehnisse bestimmt, führte Bürgermeister Meier mit der Folge aus: “Auch in unserer Stadt mussten angesehene jüdische Mitbürger ihr ehrlich erworbenes Eigentum teils unter widrigen Umständen verkaufen und flüchten”.

Beginn qualvoller Wege

Am 9. November 1938 aufgefordert, Neustadt unverzüglich zu verlassen, habe der hier begonnene Weg nach qualvollen Tagen, Wochen und Monaten in den Tod geführt. Überlebende, denen die Flucht in die USA oder nach Südafrika gelungen war, empfänden heute dankbar die späte Ehrung, wurde in der Gedenkstunde berichtet.

Bild der jüdischen Gemeinde

Ilse Vogel habe sich “intensiv und höchst kenntnisreich der ehemaligen jüdischen Mitbürger angenommen“, würdigte es das Stadtoberhaupt, dass mit ihren Veröffentlichungen “erstmals die jüdische Bevölkerung in unserer Stadt ausführlich vorgestellt und über ihr Schicksal umfassend berichtet” worden sei. Sie habe mit Überlebenden und Neustädter Augenzeugen gesprochen und “uns damit Kenntnisse der jüdischen Gemeinde in Neustadt an der Aisch näher gebracht”. Das Gedenken sollte in dieser Stunde aber auch all jenen Menschen gelten, die als “lebensunwert” erklärt oder politisch verfolgt oder an den Pranger gestellt worden waren, weil sie jüdischen Mitbürgern oder anderen Missachteten halfen oder helfen wollten  - “auch hier in unserer Stadt”, wie es Bürgermeister Meier mit Beispielen schilderte.

Nun soll dieses bedrückende Kapitel Neustädter Geschichte nicht mehr nur archivarisch bewahrt, sondern in einem “offenen Buch dokumentiert sein, das als umfangreiche und wertvolle Literatur Einblick in die Schrecken jener Zeit mit Millionen Opfern gibt, deren schmerzliches Sterben im “Gebrüll der Narren” untergegangen war, wie der österreichische Journalist Rudolf Kalmar im Frühsommer 1946 seine Erinnerungen an das Konzentrationslager Dachau niedergeschrieben hatte.

"Stationen" aus ihrem prämierten Film über die Schicksale jüdischer Schüler zeigt die Videogruppe der Bonhoeffer-Realschule in einer Fotoausstellung in der Rathaus-Ehrenhalle.

"Stationen" aus ihrem prämierten Film über die Schicksale jüdischer Schüler zeigt die Videogruppe der Bonhoeffer-Realschule in einer Fotoausstellung in der Rathaus-Ehrenhalle. © Harald J. Munzinger

Gegen Vergessen noch viel zu tun

Von Stadtrat Norbert Kirsch angeregt, der den Impuls dem ehemaligen Stadtrat Franz Bub verdankte, wurde das Buch von Vertretern der beiden großen Kirchen, des Geschichts- und Heimatvereins, des Stadtrates und der Stadtverwaltung begonnen, wie dies auch Bernd Schnizlein als Sprecher des Arbeitskreises betonte. Es sei ein wichtiger Schritt gegen das Vergessen unsäglicher, schändlicher Verbrechen getan worden, dem weitere folgen müssten, denn es gebe “noch viel gegen das Vergessen zu tun”.

So war denn auch der Appell an alle gerichtet, die Unterlagen, Briefe oder Fotografien aus jener Zeit besitzen, diese für die Fortschreibung des “offenen Buches” zur Verfügung zu stellen, um damit ein möglichst vollständiges Bild über die ehemaligen Mitbürger und ihre Schicksale schaffen zu können.

Da das Mahnmal vor dem Rathaus alleine nicht ausreiche, um den Opfern ehrende Erinnerung zu bewahren und ihm auch bisherige Veröffentlichungen nicht weit genug gingen, hatte Stadtrat Kirsch den Anstoß zu dem “offenen Buch” gegeben und erklärte dazu: “Auch die Auseinandersetzung mit dieser Zeitepoche und damit einem Stück Geschichte Neustadts sollte möglich sein, ohne jedoch wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen”. Die Auflegung eines Buches, das durch Beiträge weiter ergänzt werden könne, wähnte er als bestmögliche Form nicht nur des Gedenkens, sondern auch einer aktiven Aufarbeitung jener Zeit. Daran könnten sich alle beteiligen, “die Interesse an der Bewältigung der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in unserer Stadt haben”.

Namen auf Stolpersteinen

Auf eine besonders eindrucksvolle Weise hat die Videogruppe der Bonhoeffer-Realschule ihre Spurensuche nach den Menschen umgesetzt, deren Namen auf Stolpersteinen vor dem Schulzentrum stehen. Schließlich gelte es den Schülern zu vermitteln, welches Schicksal fünf junge Menschen erlitten hatten, die als Juden von der Schule gewiesen worden waren und ihr Leben nur durch die Flucht retten konnten. Die Pädagogen Hannes Langhammer und Alexander Förtsch, unterstützt vom damaligen Rektors Norbert Hafer, begleiteten das “Mammutprojekt” der Umsetzung von Geschichte mit moderner Medienkompetenz.

Der erste Preis beim Schulwettbewerb unter dem Motto “80 Jahre Nationalsozialismus - meine Stadt in dieser Zeit” sollte nach Einschätzung von Bürgermeister Meier wohl nur die erste Auszeichnung gewesen sein, der sicher noch weitere folgen dürften. Davon sollte auch die Vorstellung des Filmes in der von Lukas Käßer musikalisch ausgestalteten Gedenkstunde überzeugen, von der ein Mann unbedingt im fernen Massachusetts informiert werden wollte: Hans Schwab, einer der Opfer, denen mit den Stolpersteinen gedacht wird und der als heute fast 93-Jähriger diese Art der Aufbereitung der Geschichte in Neustadt als eine “unverhofft späte Anerkennung und kleine Versöhnung mit der ehemaligen Heimatstadt empfindet. So hatte er es gegenüber dem Pädagogen Langhammer bei einem bewegenden Treffen in Boston geäußert. Auch von anderen Opfern ist bekannt, dass sie trotz schrecklicher Erinnerungen am Geschehen in Neustadt interessiert sind.

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