11. Juni 1969: Nach dem Abstieg fließt das Bier

11.6.2019, 07:00 Uhr
Böse Mienen zum

Böse Mienen zum "Promille-Spiel" machen die "Mostgöger" in Buch, die einen kräftigen Schluck auf den Club-Abstieg trinken müssen; von links nach rechts: Georg Schmidt, Conny Hübner, Ulrich Lindner, Hans Friedrich und Werner Meßthaler. © Holzknecht

ln Büros, an Werkbänken, Baustellen und in Geschäften spielten sich gestern groteske Situationen ab. Obwohl das Gros der fußballbegeisterten Angestellten und Arbeiter die Köpfe hängen ließ, flossen Bier und Sekt in Strömen. Widerwillig mussten die Optimisten unter den Club-Freunden in die Brieftasche greifen. Sie hatten das bittere Bundesligaende nicht einkalkuliert und waren überzeugt davon, daß der ruhmreiche Verein noch einmal das rettende Ufer erreicht. Diese Rechnung ist aber nicht aufgegangen. Eine andere muß dafür beglichen werden . . .

An originellen Einfällen hat es bisweilen auch nicht gefehlt. „Der Club zweitklassig? Niemals!“ behauptete noch am vergangenen Freitag Ferdinand Heumann. „Wenn die Elf in Köln nicht gewinnt“, verkündete der 43jährige Bauhelfer in vorgerückter Stunde, „komme ich am Montag in Trauerkleidung zur Arbeit“. Polier Rudolf Heinrichmeier (44) nahm seinen Baustellenkollegen beim Wort, hielt zwei Kästen Bier dagegen und nötigte dem Freund das Versprechen ab: ob's regnet oder schneit – die Wette gilt!

Er mußte tüchtig schwitzen, hielt aber sein Versprechen: Bauhelfer Ferdinand Heumann, der ganz in Schwarz zur Baustelle kam. Auf dem ehemaligen Sportplatzpark „Zabo“ fegte er die Jochensteinstraße.

Er mußte tüchtig schwitzen, hielt aber sein Versprechen: Bauhelfer Ferdinand Heumann, der ganz in Schwarz zur Baustelle kam. Auf dem ehemaligen Sportplatzpark „Zabo“ fegte er die Jochensteinstraße. © Kögler

Gestern um 7.30 Uhr: ausgerechnet auf dem ehemaligen Clubsportplatz „Zabo“, wo eine moderne Wohnanlage entsteht, findet die Beerdigung statt. Pünktlich erscheint der Bauhelfer – in schwarzem Anzug, schwarzen Schuhen, weißen Hemd, schwarzer Krawatte und mit Zylinder. Noch völlig deprimiert ob des Mießerfolges auf dem grünen Rasen, begrüßt er seine Kollegen.

Max Morlock verlor auch

Den niedergeschlagenen Eindruck, den Ferdinand Heumann macht, kann jeder auch auf einem Schild ablesen, daß der Mann um seinen Hals gehängt hat: „Trauergäste des 1. FCN“. Auch der Polier ist konsequent: er bringt gleich das Bier mit zur Baustelle. Mißmutig greift der Bauhelfer zu einem Besen, heftet einen Trauerflor daran und macht sich an die Arbeit: von früh bis abends fegte er die Jochensteinstraße vom Club-Schmutz frei. Das war auch noch Bestandteil unserer Wette“, lachte Polier Heinrichmeier. Großzügig sah er darüber hinweg, daß sein fußballgeschädigter Mitarbeiter sein Pensum nicht ganz erfüllte. Dagegen schaffte er, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, sein Bierpensum . . .

Zu den Verlierern zählt auch Nürnbergs Fußballidol Max Marlock. Fünfundzwanzig Flaschen Sekt hatte er darauf gesetzt, daß der Verein im Fußballoberhaus bleibt. Der Altinternationale war von Werkzeugmacher Wilhelm Mayer (28) vor einigen Monaten herausgefordert worden, als der Club erstmals die rote Laterne in der Bundesliga übernahm. Der Maxi wollte partout den Pessimismus seines Kunden nicht teilen und willigte spontan in das „Geschäft“ mit ein. Bereite wenige Stunden nach der Niederlage in Köln beglich der Club-Seelenmasseur seine Schuld. Da er von einer Feier nicht hielt, zahlte er pro Flasche zehn Mark in bar. Max Morlock: „Ich hätte lieber 500 Mark hingeblättert, wenn wir in der Bundesliga geblieben wären.“

Bürgermeister Albrecht Frister aus Schwarzenbruck kann dem Maxl die Hand reichen. Sage und schreibe 150 Liter Bier hat der 36jährige Kommunalpolitiker verloren. Der wettfreudige Chef der Gemeindeverwaltung: „Ich war beim letzten Spiel in der Saison 1967/68 überzeugt davon, daß der Club erneut Meister wird. Dafür bin ich hundert Liter losgeworden. Die restlichen 50 Liter setzte ich auf den Bundesligaverbleib.“

Albrecht Frister nimmt seine Niederlage gelassen hin. Schließlich hatte er im vergangenen Jahr einen Hektoliter kassiert, weil er die neunte Meisterschaft prophezeit hatte. Fürs erste hat aber der Bürgermeister genug vom Wetten. „Jetzt will ich einmal eine kurze Pause machen“, meint er. „Aber nach einem Jahr Regionalliga biete ich schon heute Wetten darauf an, daß der Club den Aufstieg schafft“. Wer will, kann den unerschütterlichen Stehplatzbesucher vom Block 15 sofort beim Wort nehmen . . .

Schnell eingelöst haben ihr Versprechen die zehn Mitglieder der Stammtischgesellschaft „Die Mostgöger“ aus Buch. Anfang Februar gaben die fröhlichen Zecher unter ihrem Präsidenten Karlheinz Schubert einen Tip ab, wer den Weg in die Regionalliga antreten muß. Wer falsch getipt hat, mußte sich verpflichten, einige Pokale auf eigene Kosten zu füllen. Gestern abend tranken die enttäuschten Clubanhänger in der „Seeweg-Klause“ die erste Rate. Dazu Ulrich Lindner: „Bei aller Liebe für einen guten Tropfen hat der Wein diesmal einen bitteren Beigeschmack.“

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