22. Februar 1971: Gaudiwurm sehr bunt – aber zahm

22.2.2021, 07:00 Uhr

© Ulrich/Contino

Hunderttausend Menschen säumten seinen Weg. Schon eine Stunde vorher hatten sich viele einen Platz am Straßenrand gesucht, die ganze Familie pflanzte sich auf und wich und wankte nicht mehr von der Stelle. „Dou, werf a Luftschlange“, reichte der Vater dem Fünfjährigen auf seinen Schultern eine Rolle Papier hinauf, „damit‘st ma net eischläffst“. Dann hieß es abwarten. Der ganze Faschingszug war eine Geduldssache.

© Ulrich/Contino

Wer – von welchem Standort auch immer – die Nase des fränkischen Urviechs an sich vorbeiziehen sah, mußte, so er auch den Schwanz sehen wollte, eine Stunde und 19 Minuten warten. Zu oft kam der Wurm ins Stocken, als ob er verschnaufen müsse. Zwar brach vorübergehend auch die Sonne durch, aber ihr war kaum zum Lachen zumute, und zog sich bald wieder zurück. Die Folgen: ein kühler Wind, Regen und kalte Füße.

Der Nürnberger Fastnachtszug war ein stattlicher Bursche, schön lang, schön bunt. Nachdem in diesem Jahr die Münchner auf das Vergnügen verzichteten, durfte er sich sogar als den größten in Bayern bezeichnen. Und vielseitig in bezug auf die Zusammensetzung der Teilnehmergruppen war er auch. Alles in allem: lang, schön, vielseitig – aber nicht immer witzig.

Mit Politik wollte der Gaudiwurm nichts zu tun haben. Gerade noch, daß er die FDP-Politikerin Hilde Hamm-Brücher ein wenig auf die Schippe nahm und sie als politisches Wundertier vorstellte, das mit drei Beinen in drei Wirkungskreisen steht: in Bonn, im Münchner Landtag und im Nürnberger Wahlkreis.

Die originellste Idee war die Darstellung des Bonner Parlaments: man nehme eine Häckselmaschine und zwei Wagenladungen mit Papierschnitzeln. Dann lasse man die Schnitzel mit gewaltigem Getöse aus dem Rohr blasen – am besten gleich so hoch wie die Frauenkirche am Hauptmarkt. Der Bürger sieht, wie da im Bundestag Stroh gedroschen wird – die Gaudi ist perfekt. Ansonsten aber war der politische Witz abwesend und wurde auch vermißt. Schade. Muß man sich schon über „die da droben“ ärgern, würde man doch gerne einmal über sie lachen. Aber dieser Gaudiwurm war nicht bissig genug.

Zu den Höhepunkten des Fastnachtszuges gehörte eine Gruppe aus der Schweiz, eine auf selbstgebauten Instrumenten „schräg“ spielende Basler Guggenmusig. Die Männer bliesen zum Teil aus Ofenrohren beste Marschmusik. Sie waren als Filmzensoren maskiert, die einem üppigen „Bettmümpferli“ hinterhereilten, wobei den gestrengen Moralisten die gierigen Augen bis zur Nasenspitze herausquollen.

Auch die Nürnberger Büttnerstänzer fanden ein begeistertes Publikum. Sie boten vor der großartigen Kulisse des Hauptmarktes in ihren historischen Kostümen alte Volktänze. Der Gaudiwurm bestand überhaupt zu einem erheblichen Teil aus Gruppen, die nicht nach rheinischen Vorbildern ausgerichtet sind. Zum Beispiel die Nürnberger Schembartläufer, eine neu aufgestellte Truppe, die den originalen Schembartlauf vorführte.

Dann die Drudenauspeitscher aus Schopfloch, die ein noch heute lebendiges altes fränkisches Brauchtum servierten. Die Nürnberger Herolde zu Pferd und Flaggenwagen, die Hexen und Geister aus Neresheim-Schwaben – das war natürlich was fürs Auge. Hinzu kamen hervorragende Blasmusiken in nahezu einem Dutzend Kapellen. Das ging ins Blut, war echte Fastnacht.

Natürlich wurde Albrecht Dürer bemüht; gleich in mehreren Nummern. Mummenschanz und Folklore aus Langwasser beschworen die kinderfeindliche Zukunft herauf, bei der unsere Kleinen allenfalls noch auf dem Mond einen Spielplatz finden. Doch sonst war der Fastnachtszug in weiten Strecken nur eine Bonbonparade. Wer von den Erwachsenen keine der spärlichen Pointen erhaschte, bekam zum Trost ein Zuckerl: Zitronen- oder Karamel-Lutscher.

Trotz allem: der nächste Faschingszug muß kommen. Vielleicht ein bißchen pfiffiger, politischer wenn‘s geh, bittschön. Denn was wäre der Tag ohne unsere fränkischen Narren gestern gewesen: ein fader, düsterer, regnerischer Sonntagnachmittag.

Verwandte Themen


Keine Kommentare