25. Juni 1969: Die Eltern laufen Sturm

25.6.2019, 07:00 Uhr
In Gefahr schweben täglich die über 600 Kinder des Schulhauses Frauentorgraben, wenn sie über den Schulhof laufen, vorbei an tiefen Baugruben und Gräben.

In Gefahr schweben täglich die über 600 Kinder des Schulhauses Frauentorgraben, wenn sie über den Schulhof laufen, vorbei an tiefen Baugruben und Gräben. © Polit

Der dienstführende Schulleiter, Rektor Ottmar Thunser: „Wir sind seit Jahren durch den aufbrandenden Verkehrslärm alles andere als verwöhnt. Aber was jetzt geboten ist, das ist schon unerträglich.“ Er versprach aber: „Wir halten durch.“

Erträglich, aber dafür umso gefährlicher sind die Gräben und Baugruben, die zur Zeit das Schulhaus umgeben, für die Kinder. Es scheint ein Wunder, daß bisher noch nichts passiert ist. Die Eltern fordern: „Schluß mit dieser Tortur.“ Sie schlagen vor, die Schulkinder 14 Tage vor dem eigentlichen Termin in die Ferien zu schicken.

Rektor Ottmar Thumser ist vor allem deswegen über den jetzt herrschenden Zustand verbittert, weil die Schule schon seit 1954 auf der Abbruch-Warteliste steht. „Und jetzt, wenige Wochen bevor es soweit ist, überschlagen sich die Ereignisse.“ Er bezweifelt wie der 2. Vorsitzende des Elternbeirats, Hermann Schubert, daß der Pavillonbau am Gräslein, in den die Kinder im Anschluß an die großen Ferien einziehen sollen, rechtzeitig fertig wird. Außerdem beklagt sich Hermann Schubert im Namen aller Eltern darüber, daß man den Pavillon nicht so zeitig fertiggestellt hat, daß die vier Flachbauten in dem Augenblick bezogen werden konnten, als die Fahrbahnerweiterung den Schulhof erreicht hat.

Während der Schulzeit müssen wegen des Lärms, der von der Baustelle auf dem Schulhof herrührt, die Fenster der Klassen geschlossen bleiben. Bei Temperaturen, wie sie in den letzten Tagen geherrscht haben, entwickeln sich die Räume vor allem an der Südseite des Hauses in wahre Sauna-Kammern. Und zu allem geht ständig ein leichtes Vibrieren durch das Haus.

In den Pausen bangen die Lehrer um die Sicherheit ihrer Schulkinder, die trotz der Absperrungen am Rande der Baugruben spielen. Rektor Thumser: „Fast jeden Tag werden wir aufs neue überrascht. Einmal ist die Zufahrt durch den Graben oder einen frischen Sandhaufen versperrt, ein anderes Mal ist der Zaun im vorderen Schulhof eingerissen und die Kinder tummeln sich auf der Straße. Es ist ein unmöglicher Zustand.“

In ihrer Not wandten sich die Lehrer an die Eltern: „Versuchen Sie doch, irgendwie zu helfen. Wir kommen nicht weiter!“ Die Eltern hoffen nun, daß für das Schulhaus Frauentorgraben die Ferien vorzeitig beginnen mit der Begründung: „Bei dem Krach lernen die Kinder doch nichts. Außerdem: will man erst solange warten, bis ein Kind an den Baustellen verunglückt?“

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