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26. April 1969: Jugend küßt keine Hände

Der „Knigge-Rat“ will endlich die alten Umgangsformen reformieren - 26.04.2019 07:00 Uhr

Mißbilligend oder neidvoll schauen ältere Herrschaften, Kinder drehen sich um, aber die Jugend findet nichts mehr dabei: eine innige Umarmung zwischen Liebesleuten mit einem „öffentlichen Kuß“. © Zeitner


Die lehrhaften Betrachtungen über den guten Ton, den einst der selige Adolf Freiherr von Knigge predigte, können in Zweifelsfragen heute nicht mehr herhalten. Auch die pensionierte Legationsrätin, Erika Pappritz hat ausgedient. Das Etikettebuch der Be-nimmkommandeuse von Bonn wird allenfalls noch von Diplomaten um Rat gefragt. Die Worte Anstand, Sitte und Tugend haben bereits Staub angesetzt.

Mit ihren ungenierten Umgangsformen – aus dem zwanglosen Beisammensein geboren – haben die Jugendlichen die höfischen Gesellschaftssitten unterwandert. Da von heut auf morgen jedoch nicht alles anders wird, müssen auch die Jungen manchmal fragen – die Briefkastendame einer Illustrierten zum Beispiel.

Die Aufforderung zum Tanz wird heute den jungen Männern leicht gemacht. Die Achtung vor der Dame muß nicht mehr mit einer tiefen Verbeugung zum Ausdruck gebracht werden. © Zeitner


Der sogenannte ”Knigge-Rat“, der Fachausschuß für Umgangsformen, des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-Verbandes (ADTV) will nun mit den Überbleibseln aus der höfischen Etikette aufräumen und dabei sowohl dem Professor als auch dem Lehrling gerecht werden. Bei ihrer letzten Tagung in Stuttgart befaßten sich die Mitglieder des Knigge-Rats mit dem „Abbau überflüssiger Autorität“, wobei sie allerdings nicht das Gesellschaftssystem, sondern die Titelsucht meinten. Ihrer Ansicht nach sollen in Zukunft alle Regeln des guten Tons auf praktischen Überlegungen fußen.

Das Nürnberger Tanzlehrerpaar Bernd und Heidi Mellin, einziges bayerisches Mitglied im Fachausschuß, hat bereits begonnen, seinen Zöglingen die neuen Benimm- und Höflichkeitsbräuche beizubringen. Und die Tanzschüler sind gern bereit, den nötigen Takt für die zwischenmenschlichen Beziehungen zu lernen. So soll die fortgesetzte Anrede mit Titeln und Amtsbezeichnungen wegfallen, weil sie „die notwendigen Kontakte von Mensch zu Mensch behindert“. Statt dessen empfiehlt Bernd Mellin, den Titel in allen Bereichen beim Bekanntmachen (nicht mehr Vorstellen!) als Information hinter dem Namen zu nennen und sich im weiteren Gespräch nur noch mit dem Familiennamen anzusprechen.

Zum Beispiel: „Herr Otto XY, Professor für Germanistik“. Ganz lächerlich findet der Tanzlehrer den Brauch, die Gattin eines Geheimrates mit Frau Geheimrat anzureden. Der neue Umgangstrend soll mit dazu beitragen, daß durch Titel gekennzeichnete soziale Gefälle – und damit die Komplexe des Herrn Hinterhuber – abzubauen. So leicht hatte es Knigge nicht. Sein Anstandsbuch „Über den Umgang mit Menschen“ mußte allen Ständen Rechnung tragen. Der Freiherr hatte genau zu differenzieren zwischen „den Umgang mit Geringeren, mit Hofleuten und ihresgleichen, mit Leuten von allerlei Ständen im bürgerlichen Leben, mit Geistlichen, Gelehrten und Künstlern“. Für jede der einzelnen Menschengruppen hatte der arme Leser andere Vorschriften zu beachten.

Stört der Rauch …

Der „Knigge-Rat“ ist auch gegen das ständige Händeschütteln, „eine typisch deutsche Gewohnheit“. „Wo man hinkommt, werden einem Hände entgegengestreckt“, meint kopfschüttelnd Tanzlehrer Mellin. „Und dabei wissen die wenigsten, daß die Dame zuerst dem Herrn die Hand zum Gruß reicht und nicht umgekehrt.

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Lächerlich finden die Mitglieder des Fachausschusses das ständige Aufstehen „wohlerzogener“ Männer, wenn eine Dame die Tischrunde verläßt oder zu ihr zurückkehrt. „Diese Stehaufmännchen sind unhöflich, denn sie müssen jedesmal das Gespräch mit ihrer Tischpartnerin unterbrechen.“

In der Tanzschule soll den Jugendlichen auch beigebracht werden, daß man nur der nächstsitzenden Dame selbst Feuer gibt. Ganz gegen die neue bequeme Etikette verstößt die „aufmerksame“ Geste, das brennende Streichholz oder Feuerzeug quer über den ganzen Tisch zu halten.

Daß Frauen rauchen dürfen – wenn auch nicht im Freien – ist längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Die Männer sollten allerdings im kleinen Kreis noch immer fragen, ob jemanden der Rauch stört. Im 19.Jahrhundert waren die Sitten strenger: „Der gute Ton erfordert, daß in Gegenwart von Frauen nicht geraucht wird. Herren, welche rauchen, müssen die Toilette von Kopf bis zu Fuß wechseln, ehe sie Damen zu nahe treten.“ (Entnommen dem „Anstandsbuch für Anständige“ von Ernst Heimeran, 1944.)

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Frau Pappritz würde sicherlich vor Scham erröten, wenn bei einem hochoffiziellen Empfang einer der Herren plötzlich sein Jackett ablegte. Auf weniger glattem Boden soll das in Zukunft den Männern erlaubt sein, denen es zu heiß geworden ist. Die Damen dürfen mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzen – die Füße müssen nicht mehr achtsam nebeneinander stehen. Auch gestatten ihnen die neuen Umgangsformen, sich am Tisch die Lippen nachzuziehen oder die Nase zu pudern.

Junge Generation ungeniert

Knigge schrieb noch vor, „daß man auf steilen Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse.“ Heute jedoch soll den Männern der Anblick miniberockter Beine beim Treppensteigen gewährt werden, nicht wegen der rosigen Aussichten, sondern nur für den Fall eines Falles. „Den Damen muß das nicht peinlich sein“, meint Tanzlehrer Mellin, „schließlich gibt es ja heute Strumpfhosen“.

Auch der Handkuß ist nach Ansicht der Anstandslehrer ein alter höfischer Zopf. Der formvollendete Hauch auf die zarte Hand einer Dame wird zwar noch geduldet, in den Tanzschulen aber nicht mehr gelehrt. Die Umgangsformen passen sich also dem Lebensgefühl einer neuen Generation an.

NN

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