Hoffen auf neue Zuchterfolge

50 Jahre Delfinhaltung in Nürnberg: Warum die Tiere so wichtig für den Tiergarten sind

4.8.2021, 05:44 Uhr

Seit 50 Jahre setzt der Tiergarten auf die Delfinhaltung. Bis auf den Zoo Duisburg haben sich alle anderen Einrichtungen in Deutschland von der Zucht der Großen Tümmler verabschiedet. Trotz teils massiver Proteste von Tierschützern hält Nürnberg an den Säugetieren fest.

Die permanente Auseinandersetzung sieht der Kurator des Tiergartens, Lorenzo von Fersen, "sportlich, Hauptsache man lässt uns in Ruhe arbeiten". Der Experte forscht seit mehr als vier Jahrzehnten mit und an den Delfinen.

Ob Verhaltensforschung, Hormon- oder bioakkustische Messungen, es gebe keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, die den Schluss zuließen, Delfine dürften nicht gehalten werden, betont der gebürtige Argentinier im Podcast "Horch amol".

Eine Vorreiterrolle

"Der Delfin spielt immer schon eine Vorreiterrolle, wenn es um Tierschutz oder Tierrechte geht", erinnert von Fersen an den Beginn der Delfinhaltung in den USA. "Die Leute kritisieren das, was vor 30 Jahren passiert ist", sagt der Forscher. Damals habe man Delfine vor den Küsten gefangen und sie ungeachtet der Eignung gemeinsam gehalten. Mittlerweile werden Delfine in vierter Generation in menschlicher Obhut gezüchtet, "der größte Teil aller 250 in europäischen Zoos gehaltenen Delfinen stammt aus dieser Zucht".

Es sei den Tiergärten also gelungen, "eine sich selbst erhaltende Population aufzubauen und dabei unheimlich viel zu lernen". Dieses Wissen helfe immens bei der Rettung bedrohter Delfine in den Weltmeeren, etwa bei Lebendstrandungen oder notwendigen Transporten von Tieren, "weil irgendwo wieder ein Staudamm gebaut wird, der den natürlichen Lebensraum zerstört".

Dass die Delfinhaltung dennoch so umstritten geblieben ist, liegt auch an der hohen Säuglingssterblichkeit. Von Fersen spricht von mehreren Faktoren und "etwas Glück gehört auch dazu. Ich hoffe, dass die Nürnberger uns diese Zeit geben. Es wird der Moment kommen, wo wir wieder erfolgreich züchten".

Sanierungsbedürftig

Dem steht allerdings eine sanierungsbedürftige Anlage im Weg: Die vor genau zehn Jahren am Schmausenbuck eröffnete Lagune müsse erst repariert werden, nach wie vor bereiten undichte Stellen am Bauwerk der Tiergartenleitung und der Stadt große Probleme. Zumal die Haftungsfrage ebenfalls noch ungeklärt ist, hat sich der Beginn der Arbeiten immer wieder verschoben.

"Wir hoffen, dass dieses Jahr angefangen werden wird. Viele andere Delfinarien haben in den letzten Jahren erfolgreich gezüchtet, das war nur hier in Nürnberg ein Problem." Sobald die Lagune renoviert werden kann, werde wieder ein Bulle nach Nürnberg kommen. In zwei bis drei Jahren könne dann mit einer Zucht begonnen werden.

Trotz aller Kritik am baulichen Zustand hält von Fersen am Bau der Lagune fest. Diese sei "hundertprozentig" die bessere Lösung für die Haltung der Säugetiere. Es gebe dort viel mehr Raum als im alten Delfinarium, betont der Kurator. Ob die Tiere allerdings gesünder sind, lässt sich nicht nachweisen, "subjektiv hat man das Gefühl, dass es den Tieren besser geht".

Generell will der Tiergarten mit der Delfinhaltung einen Beitrag zum Artenschutz leisten, 1992 wurde dazu eigens die Artenschutz-Gesellschaft Yaqu Pacha gegründet, die sich für den Schutz von aquatischen Säugetieren in Lateinamerika einsetzt. Das Delfinarium sei für diese Funktion eine unverzichtbare Hilfe.

Herber Rückschlag

Allerdings gab es kürzlich einen herben Rückschlag für Yaqu Pacha: Der vom Aussterben bedrohte Vaquita, eine Schweinswal-Art, kann nicht mehr gerettet werden. Dennoch blickt von Fersen zufrieden auf die Rettungsversuche zurück: "Wir haben unsere Großen Tümmler genutzt, um zu zeigen, wie bedroht andere Arten sind und was auf dem Planeten passiert."

Es dürfte nur mehr zehn Exemplare des kalifornischen Schweinswals geben, dessen Aussterben sei "im Grunde besiegelt und eine ganz große Tragödie". Denn das Säugetier müsse sterben, weil es vor Ort keinerlei Lobby für die Tiere gegeben habe. Von Fersen will die Zeit bis zu seinem Ruhestand nutzen, "um den Besuchern zu zeigen: Wir haben hier versucht, eine Art zu retten und wir sind gescheitert". Das dürfe sich nicht allzu oft wiederholen. Die Fischer vor Ort im Golf von Kalifornien jagen den Totoaba, der viel Geld erbringt, und nehmen den Beifang der Vaquitas billigend in Kauf.

Aus Fehlern lernen

Aus diesen Fehlern lernen, lautet das Fazit von Fersens: "Der Mensch war nie involviert, wenn es um den Schutz der Art ging. Ich habe selten eine Ortschaft gesehen, die so wenig hinter dem Tier stand. Man hätte diese Tierart als Ikone darstellen müssen. Nur mit Gesetzen und Kompensationszahlungen gelingt es nicht, Arten zu erhalten." Künftig müssten wohl auch Tiere entnommen werden, um eine Art zu retten.

Perspektivisch sei diese Arterhaltung eine zentrale Funktion von Tiergärten. Von Fersen glaubt, dass in 30 bis 40 Jahren der Erhalt von Biodiversität einen so hohen Stellenwert hat, dass dann wieder Tiere aus den Zoos in für sie geschaffene Areale ausgesetzt werden können. Für das Vermitteln dieser Botschaften sei die Delfinhaltung in Nürnberg unverzichtbar.

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