Sonntag, 18.04.2021

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Abschiebung aus der Schule: Die Ängste sind geblieben

Ein Jahr nach dem umstrittenen Polizeieinsatz an der Berufsschule 11 - 25.05.2018 14:56 Uhr

Mit einer Sitzblockade wollten Schüler der B 11 den Polizeiwagen stoppen und so die Abschiebung von Asef N. verhindern. Der zunächst friedliche Protest führte zu einem bis heute umstrittenen Polizeieinsatz.

24.05.2018 © Michael Matejka


Nein, ein Augenzeuge war Michael Adamczewski nicht. Der Leiter der B 11 saß mit seinem mittelfränkischen Kollegen bei einer Tagung, als der Versuch, einen seiner Schüler aus dem Unterricht heraus abzuschieben, in einen bis heute umstrittenen Polizeieinsatz mündete. Doch das Thema hat Adamczewski seitdem nicht losgelassen. "Das wirkt noch immer heftig nach", sagt der Direktor, den schon während der damaligen Sitzung die ersten Informationen über den aus dem Ruder gelaufenen Abschiebeversuch erreicht hatten. Im Anschluss habe er sich mit Hilfe von Gesprächen und Videos ein "sehr gutes Bild" von den Ereignissen machen können.

Mit einer Sitzblockade hatten Schüler damals versucht, die Abschiebung des jungen Afghanen Asef N. zu verhindern. Für ihr hartes Vorgehen war die Polizei im Anschluss massiv kritisiert worden, die Beamten dagegen machten herbeigeeilte Autonome für die Eskalation verantwortlich.

Dienstliche Folgen

Bis heute dauert die juristische Aufarbeitung der Geschehnisse an, die innerhalb der städtischen Berufsschule immer wieder Thema ist — nicht zuletzt, weil auch gegen einige Schüler ermittelt wird. Und obwohl er selbst gar nicht dabei war, musste sich auch der Schulleiter im Anschluss rechtfertigen. Vorübergehend habe seine Suspendierung im Raum gestanden, sagt Adamczewski, der das auf seine kritischen Äußerungen gegenüber dem Vorgehen der Polizei zurückführt. So weit kam es zwar nicht, doch hat der Vorgang dennoch Spuren hinterlassen. Auch andere Betroffene berichten von "heftigen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Lehrkräften und der Schulverwaltung" in den Wochen nach dem 31. Mai.

Bilderstrecke zum Thema

Abschiebung: Tumulte bei Polizeieinsatz vor Berufsschule

Am Mittwochmorgen führte die Polizei einen jungen Schüler aus der Nürnberger Berufsschule am Stadtpark. Der 21-jährige Afghane sollte in sein Heimatland abgeschoben werden. Doch die Situation eskalierte.


Dass dabei auch dienstrechtliche Konsequenzen im Raum gestanden haben, bestreitet Schulreferent Klemens Gsell jedoch. Er habe lediglich wissen wollen, was genau passiert sei, zumal
er erfahren habe, dass zwei Lehrkräfte an der Demonstration teilgenommen haben. Diese hätten jedoch schon unterrichtsfrei gehabt, "das war also okay". Seinen Recherchen zufolge hätten die Pädagogen versucht, die Lage zu deeskalieren. Dafür habe er sich ausdrücklich bedankt, so Gsell. "Es gab nie eine Beanstandung."

Dass das Verhalten städtischer Beschäftigter in so einer Situation überprüft wird, findet auch der Vorsitzende des Gesamtpersonalrates in Ordnung. Es dürfe keinen "Generalschutz" für Menschen geben, die Zivilcourage zeigen, sagt Peter Erlbeck. "Wenn ein Vorgang solche Wellen schlägt, muss man schauen, was passiert ist."

Wenn Adamczewski zurückblickt, schwingt dennoch eine gewisse Verbitterung mit, auch, weil er den Eindruck hat, dass sich die Bedingungen für die Flüchtlinge unter seinen Schülern seitdem "massiv verschlechtert" haben. "Die werden alle hingehalten", sagt der Schulleiter, der miterleben musste, dass etliche seiner Schützlinge eine bereits begonnene Ausbildung abbrechen mussten. Betriebe und Schule hätten in mehreren Fällen vergeblich versucht, gute Auszubildende zu halten oder nach erfolgreichem Abschluss anstellen zu dürfen.

Die "sehr belastende" Arbeit der Lehrer macht das aus seiner Sicht nicht einfacher. "Warum machen wir das Ganze noch?" Diese Frage werde derzeit häufiger gestellt. Dabei habe auch der Fall Asef N. eine Rolle gespielt. Ein Abschiebeversuch aus der Schule heraus sei "ein Schlag ins Gesicht" und mache viele Bemühungen um die Integration zunichte.

Zwar habe es seitdem an der B 11 keine vergleichbare Situation mehr gegeben. "Aber die Ängste sind geblieben." Adamczewskis Haltung ist deshalb klar: "Aus der Schule heraus sollte nicht abgeschoben werden." Ihm als Schulleiter sei es wichtig, Respekt und interkulturelle Toleranz sowie Zivilcourage zu fördern und die Schüler zu demokratischem Handeln zu befähigen, "was in einem angstbesessenen Umfeld nicht möglich ist".

Auch Klemens Gsell lehnt Abschiebungen aus der Schule heraus ab. "Fürs Lernklima und die Lernmotivation ist das absolut nicht wünschenswert." Doch Gsell vermutet, dass sich Vergleichbares nicht wiederholen wird. "Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das ein einmaliger Vorgang." Ihm selbst sei seitdem kein Fall einer Abschiebung aus einer Schule heraus bekanntgeworden.

Appell an die Polizei

"Das hat sich seitdem nicht wiederholt", sagt auch Oberbürgermeister Ulrich Maly, der ebenfalls vermutet, dass dies die Konsequenz aus dem Fall Asef N. ist. Maly selbst hatte die Polizei damals gebeten, künftig anders zu handeln. Auch der Stadtrat hatte nahezu einmütig eine entsprechende Resolution verabschiedet.

Wie sich Schulleiter künftig in einer ähnlichen Situation verhalten sollten, sei trotzdem Thema unter den Kollegen gewesen, sagt Gsell. Das Rechtsamt habe daraufhin klargestellt, dass die Direktoren eine Mitwirkungspflicht haben. "Sie müssen die Polizei ins Haus lassen." Wo genau der gesuchte Schüler sich aufhält, müssten die Pädagogen dagegen nicht kundtun. Die Empfehlung des Schulreferates ist dennoch eindeutig. "Pädagogisch ist es sinnvoll, dass der Schulleiter die Polizei begleitet."

Dass es noch einmal dazu kommt, ist laut Gsell jedoch noch aus einem weiteren Grund unwahrscheinlich: Die Zahl der Flüchtlinge an den Schulen sinkt derzeit deutlich, die Zahl der Berufsintegrationsklassen im ersten Lernjahr hat sich gegenüber dem Vorjahr nahezu halbiert.

Silke Roennefahrt Lokalredaktion E-Mail

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