Dienstag, 26.01.2021

|

Abschied vom Kinderdorf

"Armut ist das Problem, nicht die Migration", sagt die scheidende Gesamtleiterin Bärbel Bebensee. - 15.10.2020 20:19 Uhr

Eine kleine Oase: Bärbel Bebensee im Hof des von SOS-Kinderdorf genutzten Mehrgenerationenhauses und des Nachbaranwesens in Schweinau.

15.10.2020 © Foto: Wolfgang Heilig-Achneck


Vom SOS-Kinderdorf hat fast jeder schon einmal gehört. Dass sich die Organisation auch in Nürnberg auf vielfältige Weise in der Jugendhilfe engagiert, ist dagegen weniger bekannt. Zehn Jahre lang liefen die Fäden dafür bei Bärbel Bebensee zusammen. Kürzlich hat die 61-Jährige die Verantwortung für Kindertagesstätten, Wohngruppen, ambulante Teams, das Mehrgenerationenhaus in Schweinau und weitere Dienste an Christiane Stößel abgegeben. Nun will sie ihre neue Freiheit in einem eher ländlichen Umfeld genießen.

 

Als Gesamtleiterin bei SOS-Kinderdorf Nürnberg haben Sie eine bewegte Laufbahn abgeschlossen. War das die Krönung?

Die Aufgabe war sicher mit mehr Verantwortung verbunden als an meinen Stationen zuvor. Viel wichtiger aber war die große Bandbreite, mit der ich es zu tun hatte: Das reicht von den Jugendwerkstätten, einem Eckpfeiler unserer Arbeit, über Wohngruppen und betreutes Einzelwohnen als Hilfe für junge Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit bis zum Pflegekinderdienst. Was mich aber besonders begeistert hat, ist die Unterstützung durch Förderer. Ich glaube, es gibt sonst keinen Verein mit so vielen treuen Spenderinnen und Spendern.

 

Wie kamen Sie zu SOS-Kinderdorf?

Letztlich durch einen schönen Zufall. Und weil der Gründer von SOS-Kinderdorf Nürnberg, Paul Storz, mich irgendwann schon mal getroffen hatte. Als er in Ruhestand ging, hielt er Ausschau nach einem oder einer möglichen Nachfolger(in). Und ich wiederum wollte nach einer Zeit als Referentin des Paritätischen zurück in eine Einrichtung, wo man unmittelbar die Folgen und Wirkungen des eigenen Tuns spürt. Und wo es darum ging, Angebote zu entwickeln und zu verfolgen, wo sie hinführen.

Was hat Sie eigentlich nach Nürnberg gezogen?

Na, ich bin doch gebürtige Nürnbergerin, in der Südstadt aufgewachsen und dort in die Holzgartenschule gegangen. Und auch mein Studium habe ich hier absolviert, an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule, damals war sie noch keine "Technische Hochschule". Und auch der Einstieg ins Berufsleben hat damals hier geklappt, in einem Info-Zentrum für arbeitslose Jugendliche.

 

 Aber dann wollten Sie hinaus in die weite Welt . . .

. . . zumindest zu einem Studienaufenthalt in Costa Rica. Die Erfahrung will ich wirklich nicht missen. Danach war ich jeweils ein paar Jahre in München, dann beim Roten Kreuz in Baden-Württemberg, später beim Bayerischen Schullandheimwerk, dann beim Paritätischen Wohlfahrtsverband als Referentin für Jugendhilfe. Überall gab es spannende Aufgaben, aber von Zeit zu Zeit hatte ich immer Lust auf etwas

Neues.

 

Unsere Zeit wird als schnelllebig empfunden, von der Heimerziehung bis zum Jugendhilferecht hat sich auch in der sozialen Arbeit viel getan. Gibt es trotzdem etwas, das sich kaum gewandelt hat?

Vielleicht das Grundverständnis, jedenfalls für mich: Bei allem Leistungsdruck brauchen Kinder doch die Sicherheit, eben Kinder sein zu dürfen. Das heißt nicht weniger, als die Magie des Lebens zu bewahren. Und für Jugendliche gilt: Sie müssen radikal sein dürfen.

 

Was nicht immer gut ankommt. Beschwerden über die Jugend gibt es seit Urzeiten . . .

Klar, jede Generation bildet sich ein, ihre Kinder seien schlimmer als früher. Was natürlich Unsinn ist. Es lässt sich aber nicht im Geringsten belegen, dass die heutige junge Generation auffälliger wäre als frühere. Was sich ändert, sind die Erscheinungsformen – und der Wohlstand. Natürlich spielen bei uns auch Themen wie die Medienrevolution oder die Zuwanderung eine Rolle. Aber dabei steht eins für mich fest: Nicht die Migration ist das Problem, sondern die Armut und deren Zunahme.

 

Was haben Sie am meisten vermisst oder bedauert?

Meine Generation hat es zu oft nicht geschafft, unseren Kindern statt Konsumfixierung lebenswerte und alternative Lebensgewohnheiten zu bieten. Zu viele von uns halten teure Turnschuhe noch immer für einen Ausdruck von: dem Kind etwas Gutes tun. Aber gute Erziehung kann man nicht erkaufen, wir müssen Werte vorleben.

INTERVIEW: WOLFGANG HEILIG-ACHNECK

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg