Donnerstag, 26.11.2020

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Autospur in Nürnberg gesperrt: Aktivisten fordern Pop-up-Radweg

Mehr Raum für Zweiräder? Der Druck auf die Stadt wächst - 23.05.2020 19:20 Uhr

Eine ganze Autospur beanspruchten Radler auf der Bayreuther Straße am Samstag für sich - als Protest.

23.05.2020 © Michael Matejka


München ist Nürnberg um mehrere Radlängen voraus, jedenfalls dann, wenn es um Pop-up-Radwege geht – ein Modell, bei dem auf größeren Straßen eine Autospur gesperrt und für Radfahrer freigegeben wird. Die Verkehrsplaner sollen in der Landeshauptstadt fünf Hauptverkehrsachsen dafür umwandeln. Auch wenn dort der Stadtrat erst am kommenden Mittwoch darüber entscheidet – dass es so kommt, gilt als sicher, da SPD und Grüne hinter dem Projekt stehen und beide Parteien im Rat die Mehrheit haben.

Und in Nürnberg? Auch in der zweitgrößten Stadt Bayerns versuchen Parteien und Radverbände, mit Blick auf Pop-up-Radwege mehr Druck auf die Stadtspitze auszuüben. Einem bundesweiten Aktionstag für Pop-up-Radwege haben sich am Samstag auch in Nürnberg Demonstrantinnen und Demonstranten angeschlossen. Ähnliche Aktionen liefen in insgesamt 30 Städten.

60 Minuten lang fuhren die Teilnehmer auf einer Rundstrecke.

23.05.2020 © Michael Matejka


In Nürnberg legen der Verkehrsclub Deutschland (VCD), Greenpeace, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und das Bündnis Radfairkehr eine Stunde lang eine Autospur der Bayreuther Straße lahm – ganz offiziell als Kundgebung angemeldet. Unter den Augen der Polizei wird auf Höhe der Reformations-Gedächtnis-Kirche mit Baken ein Fahrstreifen abgetrennt.

Überforderte Fahrradfahrer

Aus Lautsprechern klingt Max Raabes sonore Stimme: "Aufs Auto kann ich pfeifen, ich brauche nur zwei Reifen." Mit dem Sound von Fahrrad fahr‘n schwingen sich 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihre Räder. Sie fahren 60 Minuten lang eine festgelegte Rundstrecke um die Kirche, der Kurs führt auf die etwa 200 Meter lange, gesperrte Autospur.

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Ein Testlauf. Viele Städte – darunter Berlin, Mailand und Paris – schaffen derzeit schnell entschlossen Pop-up-Radwege, weil es die Corona-Krise erfordert. Zumindest kurzfristig räumen die Städte mehr Platz für Radler ein. In München sollen die fünf Straßen zunächst bis Herbst 2020 provisorisch eine Spur für Radfahrer abgeben. Der Hintergrund ist, dass immer mehr Menschen aus Sorge vor einer Infektion in Bus und Bahn aufs Rad umsteigen. Doch für diesen Zuwachs ist der Stadtverkehr nicht ausgelegt. "Da radeln jetzt Menschen durch Nürnberg, die zehn Jahre oder länger nicht mehr auf einem Fahrradsattel saßen. Die sind teils richtig überfordert damit", berichtet Bernd Baudler vom VCD. Die wachsende Menge an Radlern und der knappe Verkehrsraum für sie führe dazu, dass der auch für sie geltende Abstand von 1,50 Meter, um Infektionen zu vermeiden, vielerorts kaum noch einzuhalten sei.

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Greenpeace warnt

Doch steigen derzeit ÖPNV-Nutzer nicht nur aufs Fahrrad um. Rad-Aktivisten befürchtet, dass künftig auch deutlich mehr Menschen ins Auto steigen. Greenpeace warnt: "Mehr Autoverkehr würde zu noch mehr Stau, Kohlendioxyd-Ausstoß und Lärm führen."

Der VCD plädiert dafür Pop-up-Radwege auf der Bayreuther Straße einzurichten. Auch der Altstadtring, der Plärrer, die Äußere Bayreuther Straße zwischen Rennweg und Nordostbahnhof, die Fürther Straße und Teile der Rothenburger Straße sowie der Maximilianstraße hätten diese schnelle Lösung nötig.

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Die Botschaft ist eindeutig.

23.05.2020 © Michael Matejka


Unter den Teilnehmern des Aktionstags ist auch Grünen-Stadtrat Mike Bock. Er sieht im Stadtgebiet noch andere "Knackpunkte", die grundsätzlich fahrradfreundlicher ausgebaut werden müssten. Dazu zählt er die Bucher Straße und die Kilianstraße. "Auf dem Radwegenetzplan des Verkehrsplanungsamtes findet man unzählige türkisfarbene Linien – das sind Radwege, die noch immer im Planungsstadium sind. Der Netzplan ist von 2007, es passiert hier einfach nix. Da muss man Druck machen", fordert Stadtrat Bock.

Ob durch die neue CSU-Mehrheit im Nürnberger Stadtrat die Pläne jetzt vorangebracht werden? Mike Bock zuckt mit den Achseln. CSU-Franktionschef Andreas Kriegelstein plädierte kürzlich dafür, es dort zu realisieren, "wo es technisch möglich und wirtschaftlich umsetzbar ist". Seiner Auffassung nach sollte angesichts des Zehn-Millionen-Euro-Jahresetats für den Radverkehr "der Lückenschluss Priorität haben". Stadtrat Bock hat da seine Zweifel. "Die CSU ist bisher vor der Autolobby immer eingeknickt."

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