Mittwoch, 13.11.2019

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Brunecker Straße: Hier wächst Nürnbergs neuer Stadtteil

100 Hektar warten darauf, Nürnbergs neues Viertel zu werden - 19.04.2014 13:00 Uhr

Die meisten Recyclingfirmen haben längst das Feld geräumt, die Birken holen sich die sandigen Flächen zurück.


Es ist die Birke, die voranmarschiert. Meter für Meter holt sie sich die sandigen Flächen. Mit dünnen weißen Stämmen rückt sie zu Wäldchen zusammen, durch die das Sonnenlicht schimmert. Hat nicht ein Schrotthändler genau hier an der kerzengeraden Brunecker Straße jahrelang demolierte Autos zu Wrack-Bergen getürmt? Er ist fort, wie die meisten seiner Artgenossen.

Stefan Engelhard ist der letzte. Ein klassischer Schrottverwerter, wie es hier viele gab. Wer zu seinem Büro im weißen Container hochklettert und nach der Zukunft des Areals fragt, erntet jenes zweifelnde Grinsen, das alle hier im Gesicht haben, wenn die Rede auf die Pläne für die knapp 100 Hektar Gelände kommt.

„Ob wir das noch erleben?“, fragt Engelhard (35). Sein Betrieb gehört zur Niederlassung eines französischen Konzerns am Hafen. Vom neuen Stadtteil sei schon so lange die Rede, seit Jahrzehnten, das sage auch sein Chef. Dass der Stadtrat jüngst die langersehnte Vereinbarung mit dem Bahn-Grundstücksverwerter Aurelis abgeschlossen hat, beeindruckt hier niemanden.

Der Pachtvertrag des Schrottverwerters endet 2016, er selbst will das so. Man wolle sich auf den Hafen konzentrieren. Dort haben sich viele Auswanderer aus der Brunecker Straße niedergelassen.

Bilderstrecke zum Thema

Neuer Nürnberger Stadtteil: Noch ein sandiges Niemandsland

Hier war einst der Schrottplatz der Stadt. Jetzt liegt das Areal an der Brunecker Straße, so groß wie die Altstadt, im Tiefschlaf. Irgendwann sollen hier Menschen leben und arbeiten.


Exodus der Autoschrauber

Im Hof greift ein Kran metallene Trümmer von einem Lkw und schleudert sie auf einen Haufen. Wohlstandsschrott, sagt Engelhard dazu. Ausgeweidete Kühlschränke, Heizkörper, Fahrräder aus den Recyclinghöfen, ein paar Autos türmen sich hier.


Den Exodus der Autoschrauber und Ersatzteilhändler rundherum und in den Seitenästen der Brunecker Straße ist schon lange zu beobachten. Wo sie waren, drücken sich prächtige Fliederdolden durch aufgerissenen Maschendrahtzaun. Oder es schützt sich der Pächter einer ramponierten Halle mit scharfkantigem Natodraht, den wilde Rosen beranken.

Was nach Jahrzehnten der Schrottverwertung alles im Boden des ehemaligen Bahngeländes steckt, mag man sich nicht ausmalen. Man sieht es ebenso wenig wie die schnellen Feldhasen oder die unscheinbaren Weinhähnchen, eine Heuschrecke mit langen Fühlern, die hier im Sommer laut zirpt. Rainer Edelmann vom Bund Naturschutz im Nürnberger Süden hat schon häufig Führungen gemacht ins verlassene Niemandsland. Dann zeigt er die virginische Kresse, das Bitterkraut oder das Bergsandglöckchen oder findet sogar essbare Rotkappen und Körnchenröhrlinge.

Längst hat die Bahn das Adergeflecht der Gleise aus dem Sand gezogen. Tiefe Furchen erinnern an den Güterverkehr, der hier rollte. Manche Nebenstraßen sind ganz mit schweren Schlössern und Gittern versperrt. Wenn hier in ein paar Jahren gebaut werden sollte, wird Naturkenner Edelmann das verschmerzen. Doch bis dahin, findet er, sollte das weitverzweigte Gelände der erholungsbedürftigen Öffentlichkeit unbedingt zugänglich bleiben.

„Das wird nie was, wer soll das bezahlen?“

Der Mann im schwarzen Overall, der hinter den neugierigen Journalisten herläuft und barsch mitteilt, dass es sich hier um eine Privatstraße handle, will zwar seinen Namen nicht sagen. Gesprächig ist er trotzdem - und pessimistisch, was den geplanten neuen Stadtteil angeht. „Das wird nie was, wer soll das bezahlen?“, fragt er und findet, dass der von Pannen gepeinigte Berliner „Fluchhafen“ Schönefeld ehrgeizigen Planern Warnung sein müsste. Es werde furchtbar viel geklaut an der Brunecker Straße, erklärt er seine gestrenge Besucher-Kontrolle. Doch die Polizei interessiere sich für die Graffiti-Sprayer mehr als für zugereiste Diebe, die scharf auf Rohstoffe sind.

Firmen, die hier noch arbeiten, igeln sich deshalb ein und installieren elektronische Wächter. Eine große Druckerei und ein Neuwagen-Verladebetrieb ganz am Ende der Straße, wo Hunderte Autodächer wie Perlen in der Sonne glänzen, gehören dazu. Selbst am schmalen Streifen der Bahn-Kleingartenanlage am Fuß des Hasenbucks ist ein warnender Totenkopf auf gelbem Grund montiert. „Betreten verboten!“

Und am Briefkasten eines Vereins, der obdachlosen Jugendlichen hilft, steht Bemerkenswertes: „Heimat halt’s Maul!“
 

Claudine Stauber

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