City-Point und Norishalle: Baureferent twittert über Architektur-Sündenfälle

Claudine Stauber
Claudine Stauber

Lokalredakteurin Nürnberg

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13.5.2020, 06:00 Uhr

© Foto: Stefan Hippel

Kann denn Bauen Sünde sein? Fragt man Baureferenten Daniel Ulrich, durchaus. Auf Twitter listet er regelmäßig gute und schlechte Nürnberger Beispiele auf. Ein Gespräch über Todsünden, Zeitgeschmack und viel Beton.

Das Neue Museum hui, der City-Point pfui. Sie heben oder senken den Daumen. Warum denn so schwarz-weiß?

Daniel Ulrich: Mit dieser kleinen historischen Architektur-Serie möchte ich zur Diskussion anregen. Das geht nun mal viel besser, wenn man ein bisschen zuspitzt.


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Die Anlehnung an die sieben biblischen Todsünden könnte man schon Zuspitzung nennen.

Ulrich: Ich setze das Wort "Todsünde" ja bewusst in Anführungszeichen. Nichts ist wirklich schwarz-weiß. Den Kopfbau am Künstlerhaus, der auf der Negativliste steht, habe ich ausgewählt, weil er heiß umstritten war und für sich genommen ein guter Bau ist. Städtebaulich allerdings ist er an dieser Stelle falsch.

Keine Angst, dass Sie da jemandem auf die Füße treten? Oder als Oberlehrer dastehen?

Ulrich: Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber muss man sich nicht der Debatte stellen, dass das eigene Werk im Rückblick doch nicht so toll war? Nehmen wir das Deutsche Museum am Augustinerhof, das fast fertig ist. Aus meiner Sicht ein gelungener Bau. Aber ob man das in 30 Jahren noch so sieht?

Also ist alles irgendwie relativ?

Ulrich: Es gibt objektiv gute und schlechte Architektur. Aber der Zeitgeschmack ändert sich, vieles wird anfangs abgelehnt und später für gut befunden. Denken Sie an Sep-Ruf-Bauten wie die ehemalige Landesbank am Lorenzer Platz, die in den 50er Jahren enorm umstritten war. Heute wird sie gefeiert, zu Recht. Ich werde mich übrigens nicht im Grab umdrehen, wenn mein Nachfolger dieses neue Museum in 30 Jahren eine Todsünde nennt.

Was Sie mit dem Betonkoloss Scharrer-Gymnasium tun. . .

Er war, glaube ich, in seiner Monstrosiät vom ersten Tag an falsch und ist es immer noch. Auch die WiSo-Fakultät droben an der Langen Gasse, die nach anfänglichem Lob schnell Ernüchterung auslöste, ist ein gelandetes Ufo, das das Altstadtgefüge verletzt. Das wird man sicher auch in 30 Jahren noch so empfinden.

Ein Bildband ("Die Kunst der Bausünde") zeigt eindrucksvoll Grauenhaftes aus deutschen Städten – und kommt zum Schluss, dass es auch "gute Bausünden" gibt. Können Sie folgen?

Ulrich: Ja, wenn die Sünde ein Stein des Anstoßes zum Denken ist, ohne dass sie nachhaltigen Schaden anrichtet. Manches wird gehasst, aber im Lauf der Zeit ins Stadtbild integriert. Nehmen wir wieder die Landesbank von Ruf, da war das so.


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Nur die Norishalle hat es nie zum Publikumsliebling geschafft.

Ulrich: Sie steht aber an der richtigen Stelle, hat die richtige Dimension, sie ist ein feingliedriges Meisterwerk des Betonbrutalismus, ihre geschlossene Fassade fügt sich in die Stadtmauer ein – während der Kopfbau einen Stadtmauerturm simuliert, den man sich in Glas nicht vorstellen kann.

Warum dann die große Abneigung der Menschen?

Ulrich: Wenn man Beton grundsätzlich nicht mag, findet man die Norishalle hässlich. Die objektive Architekturkritik ist da völlig anderer Meinung.

© Foto: Edgar Pfrogner

Auch Hässliches steht unter Denkmalschutz. Ein Widerspruch?

Ulrich: Keineswegs. Der Denkmalschutz schützt herausragende Beispiele einer Epoche. Da geht es nicht um schön oder nicht schön.

Kreuzgassenviertel, Sebald Kontore Innere Laufer Gasse, Sebalder Höfe am Rathenauplatz, es ist die Architekturprominenz, die Sie auf Twitter loben. Müssten Sie nicht eher die graue Alltagsarchitektur im Blick haben?

Ulrich:Das habe ich, indem ich solch pointierte Debatten anstoße. Gute wie schlechte Beispiele zeigen ja Wirkung, auch bei Investoren, denen wir als Stadt mehr Qualität abverlangen. Da ist es gut, wenn es vorzeigbare Vorbilder gibt.


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Ist das gut oder kann das weg? Gehören schlechte Bauten abgerissen?

Ulrich:Es gibt tausend Gründe, etwas stehenzulassen. Dass graue Energie wertvoll ist, zum Beispiel. Man sollte nicht geschichtsvergessen sein. Das Scharrer-Gymnasium, die Dresdner Bank am Obstmarkt oder die alte Oberpostdirektion sind nun mal Zeugnisse ihrer Zeit. Der Schmerz ist aber überschaubar, wenn Objekte wie der CityPoint verschwinden. Was hier nachkommt, ist viel besser.

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