Die Geburt der Grünen aus dem Chaos

10.1.2010, 00:00 Uhr
Unzufrieden mit der neuen politischen Gruppierung: Auf dem Gründungsparteitag der Grünen forderten auch die Feministinnen ihr Recht.

Unzufrieden mit der neuen politischen Gruppierung: Auf dem Gründungsparteitag der Grünen forderten auch die Feministinnen ihr Recht. © Archiv

Vogelschützer und Punks

Gründungsmitglieder wie Jutta Ditfurth beschrieben Karlsruhe später als romantisch: «Bäuerliche Bauplatzbesetzer vom Kaiserstuhl begegneten radikalen Feministinnen aus Köln. Militante Brokdorfdemonstranten aus Hamburg und Hessen diskutierten mit christlichen Pazifisten aus Bayern oder mit Vogelschützern aus Niedersachsen. Punks mit Schlipsträgern. Kommunisten mit Anthroposophen.»

Doch die Vielstimmigkeit der deutschen Linken bedeutete auch Zersplitterung; das Projekt einer grünen Partei wäre fast gescheitert, bevor es begonnen hatte. Mitbegründerin Petra Kelly wünschte sich eine «Anti-Parteien-Partei». In Karlsruhe nahmen einige ihre Losung allzu wörtlich.

Eigentlich sollte mit der Gründung auch ein Parteiprogramm beschlossen werden. Doch bestimmend für den Parteitag waren nicht politische Inhalte, sondern die Angst vor Unterwanderung: Die ökologisch orientierten «grünen Grünen» wollten verhindern, dass Linke aus kommunistischen Gruppen, die «roten Grünen», die neue Partei übernahmen.

Diese Auseinandersetzung bestimmte das Treffen weit mehr als Abrüstung, Atomkraft oder Naturschutz. Größter Streitpunkt: die Doppelmitgliedschaft. Um die befürchtete Unterwanderung zu verhindern, sollte es Mitgliedern anderer – sprich: kommunistischer - Gruppen verboten sein, zu den Grünen zu gehören.

Auch die Galionsfiguren der Bewegung brachten keine Ordnung ins Chaos: DDR-Dissident Rudolf Bahro, Künstler Josef Beuys, Schriftsteller Carl Amery, RAF-Verteidiger Otto Schily und der ehemalige CDU-Politiker Herbert Gruhl gehörten zu den Grünen der ersten Stunde. Ein Stuhl in der Halle blieb aus Respekt leer. Der einzige, der das Potenzial gehabt hätte, die streitenden Lager zu einen, war drei Wochen zuvor gestorben: Studentenführer Rudi Dutschke war Heiligabend 1979 den Folgen des Attentats von 1969 erlegen.

Auch der Mann, der die Grünen später wie kein zweiter prägen sollte, fehlte in Karlsruhe: Joschka Fischer und seine Mitstreiter aus der «Sponti»-Szene lehnten die Gründung einer Partei zunächst ab. Erst als die Grünen in den folgenden Jahren Wahlerfolge feierten, trat er ein – der Rest ist Geschichte: Fischers aggressiver Stil («Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!»), die Turnschuh-Vereidigung als hessischer Umweltminister 1985 und schließlich die rot-grüne Regierungsbeteiligung von 1998 bis 2005.

Nicht wie Khomeini

In Karlsruhe eskalierte die Situation im Laufe des Wochenendes. Mal drohten die Gemäßigten mit dem Austritt, mal wollten die «Bunten Listen» abziehen. 250 selbsternannte «autonome» Delegierte versuchten, sich Zutritt zur Halle zu verschaffen – und wurden in einen Nachbarraum verbannt. Ein Teilnehmer überreichte dem Präsidium einen Zettel, auf dem stand: «Bitte werdet nicht wie Khomeini!»

Am Ende stimmten zwei Drittel der Abgeordneten für die Gründung einer Partei. Ein Parteiprogramm hatten sie nicht zustande gebracht – dafür beschloss der Parteitag, einen weiteren Parteitag abzuhalten. Auf diesem wurde zwei Monate später ein Grundsatzprogramm verabschiedet. Ebenfalls im März zog die Partei in Baden-Württemberg erstmals in einen Landtag ein. Und die Frage der Doppelmitgliedschaft wurde auf die Landesverbände abgewälzt: Die sollten selbst darüber entscheiden.

Trotz des Chaos von Karlsruhe: Für noch größeren Aufruhr sorgten die Grünen außerhalb des Saales. Die Regierungsparteien SPD und FDP zitterten vor der neuen Konkurrenz. Schließlich sollten die Grünen ihnen mehr Wähler abspenstig machen als den Konservativen. 18 Jahre nach dem Parteitag sollten die Grünen mit der SPD zusammen die Macht übernehmen. Ganz geordnet. Wie eine normale Partei. JANNIS BRÜHL