Digitale Unterstützung in psychischen Krisen

7.6.2021, 18:04 Uhr

© Foto: Mentalis

Es ist ähnlich wie beim, sagen wir, Deutschen Buchpreis: Steht man schon mal auf der sogenannten Shortlist, zählt man zum engsten Kreis der Favoriten und die Chancen sind groß, auch den Preis zu bekommen. Und doch sind die jeweiligen Preisträger dann überrascht und überglücklich, wenn es tatsächlich so weit ist.

Ein bisschen erging es den Gründern des jungen Nürnberger Unternehmen Mentalis auch so. Mit ihrem Konzept für eine digitale Nachversorgung von psychisch Erkrankten nach einem Krankenhausaufenthalt standen sie auf der Shortlist für den Digitalen Gesundheitspreis, den das Pharmaunternehmen Novartis Deutschland jedes Jahr vergibt. Drei Firmen aus Berlin und eine aus Köln bildeten die Konkurrenz.

Als die Nachricht eintraf, dass die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung an Mentalis geht, war die Freude bei den Verantwortlichen riesig. Aber mitnichten ein Grund, sich entspannt zurückzulehnen: "Jeder Euro fließt in die Forschungsarbeit und die Produktentwicklung", versichert Christian A. Lukas.

Damit keine Lücke entsteht

Er war es, der im Jahr 2018 Mentalis gemeinsam mit dem IT-Fachmann Alexander Ploner und dem Designer Leo Glomann gegründet hat. Der Name, verrät Lukas, sei zwar ein Kunstname, aber durchaus mit Hintergedanken: "Es geht um die mentale Gesundheit von Menschen." Um was genau, erklärt der 35-jährige Psychologe so: "Wir ermöglichen mit einer App sowie per Tele-Coaching Menschen mit psychischen Erkrankungen nach erfolgter Behandlung im Krankenhaus eine nahtlose, digitale Nachsorge." Es geht also konkret um die Lücke zwischen einer erfolgten stationären oder teilstationären Therapie und der oftmals notwendigen Weiterbehandlung.

"Nach der Entlassung fallen viele in ein Loch, weil sie sich alleine gelassen fühlen und nicht wissen, wie sie den Alltag nach der Klinik meistern sollen", erklärt Lukas. "Eine Patientin hat mal gesagt, dass die Zeit nach der Klinik, als sie ganz ohne Weiterbehandlung da stand, die schlimmste ihres Lebens war", verdeutlicht er.

Doch wie kamen Lukas, Ploner und Glomann überhaupt auf diese Geschäftsidee? "Indem man vorher an der Friedrich-Alexander-Uni im Rahmen eines entsprechenden interdisziplinären Projekts forscht und herausfindet, dass Apps hier einen positiven Effekt auf psychisch erkrankte Menschen haben können." Nachdem das Projekt den Uni-Schuhen entwachsen war, waren sich alle Beteiligten einig: Das kann es nicht gewesen sein, das müssen wir fortführen.

Sie gründeten Mentalis und holten sich für die kaufmännischen und rechtlichen Themen Hans-Jürgen Stein mit ins Boot. Lukas lacht beim Erzählen einer kleinen Anekdote, wie der Kontakt zu dem 38-jährigen Wirtschaftsingenieur zustande gekommen ist: "Über mein bestehendes Netzwerk hatte ich zunächst bei einem Bekannten in Berlin angefragt, der verwies mich an jemanden in Hamburg und der wiederum an Stein." Und der wohnte nur 30 Meter Luftlinie vom damaligen Büro der Mentalis entfernt.

Das zunächst dreiköpfige Team ist heute auf 15 Mitarbeiter aus den Bereichen Psychologie, Krankenpflege, Ergotherapie, Gesundheitsmanagement, Wissenschaft, Design, Wirtschaft und IT angewachsen. Und expandiert weiter. Mit bundesweit 24 Kliniken – der Schwerpunkt liegt aktuell noch in Bayern – hat die Firma bereits Kooperationsverträge geschlossen. "In Deutschland gibt es insgesamt 800 relevante Krankenhäuser", deutet Stein die Marschrichtung an.

"Eine App ist ja nie fertig"

Wie viel Mühe, Herzblut und Zeit alle Beteiligten in das Unternehmen stecken, kann man nur erahnen. "Eine App ist ja nie fertig", sagt Ploner. "Wir entwickeln sowohl die Inhalte als auch die Usability ständig weiter." Weitere Herausforderung: "Bei unseren Apps handelt es sich um Medizinprodukte mit den entsprechenden Anforderungen", erläutert der 27-jährige IT-Fachmann. "Das bedeutet eine umfangreiche Dokumentation, Datenschutz- und anderen gesetzlichen Vorschriften – schließlich geht es hier auch um das Thema Sicherheit für den Nutzer, der sich etwa in einem Notfall darauf verlässt, dass die Technik funktioniert."

Keine Dauerbegleitung

"Wir sehen uns als wichtigen Brückenbauer und Unterstützer im häuslichen Umfeld – aber nicht als Dauerbegleiter", stellt Lukas aber unmissverständlich klar. Durchschnittlich drei Monate dauere das App-basierte und telefonische Coaching.

"Wie die digitale Nachversorgung mit uns funktioniert, lernen die Patienten schon im Krankenhaus", erklärt Stein. Dazu müssen die Betroffenen übrigens gar nicht mal sonderlich App-affin sein, wie Ploner weiß: "Wir hatten auch schon eine 80-Jährige in unserem Programm, die die App begeistert genutzt hat."

 

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