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Eltern erzählen: Belastung der Pandemie frisst sich in Familien

Mütter und Väter sprechen von ihren Erfahrungen im zweiten Lockdown - 05.02.2021 19:05 Uhr

Die Pandemie trifft Jugendliche besonders schwer. Sie fühlen sich „stillgelegt“ und leiden vor allem unter den Kontaktbeschränkungen.

04.02.2021 © Foto: imago


Welches Jahr haben wir? In welchem Monat befinden wir uns? Tatsächlich ist es Februar 2021, aber in manchen Familien scheint die Zeit stehengeblieben zu sein – so etwa im März 2020. Damals erlebte auch Nürnberg seinen ersten Lockdown: Kitas und Schulen zu, Spielplätze abgesperrt, Sportvereine in Zwangspause. Viele Mütter und Väter waren in Kurzarbeit oder saßen im Homeoffice. Eine damals völlig neue Situation, begleitet von Solidarität und heller Aufregung.


Kommentar: Homeschooling macht Unterschiede sichtbar


Inzwischen befindet sich Nürnberg im zweiten Lockdown – oder im dritten, wenn man die Maßnahmen des "Lockdown light" vom November 2020 dazuzählt. Die ständige Bedrohung hat die Hoffnung auf ein baldiges Ende in Erschöpfung und Resignation verwandelt. "Corona-Korrosion" nennt der Psycholge Stephan Grünewald diesen Zustand.

Für das Institut Rheingold, das seinen Hauptsitz in Köln hat und psychologische Marktforschung betreibt, untersuchte er, wie sich die gesellschaftliche Stimmung seit dem Frühjahr verändert hat. Manche Gruppen, so Grünwald, seien von der Pandemie besonders schwer betroffen – "Jugendliche fühlen sich stärker stillgelegt als die älteren Semester". Vor allem Alleinerziehende, die das Homeschooling ihrer Kinder stemmen müssen, können ein Burnout entwickeln.

Was hat sich verändert?

Wir haben Mütter und Väter gefragt, was im Vergleich zum ersten Lockdown anders geworden ist. Die Interviewten möchten anonym bleiben – und sie alle wissen, dass es noch gestresster, noch erschöpfter, noch mutloser zugehen kann. Doch hier geht es nicht um einen Wettbewerb um den ersten Platz des Corona-Verlierers. Man mag sich nicht ausmalen, wer den gewinnen würde.

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"Im ersten Lockdown habe ich Essensvorräte angelegt, das mache ich nicht mehr. Stattdessen gehe ich täglich einkaufen, der Gang in den Aldi oder mal ein Päckchen abgeben, das ist das Highlight des Tages. Ein totaler Unterschied zum März ist der Distanzunterricht. Damals haben mich die Lehrer der Kinder in den Wahnsinn getrieben mit schlecht abfotografierten Arbeitsblättern und Zip-Dateien, die sich nicht öffnen lassen.

Inzwischen hat jedes Kind einen eigenen Laptop, es gibt Videoanrufe und Online-Lerngruppen. Die Lehrer sind von der Wissensvermittlung aber noch weit entfernt, der Unterricht gleicht eher einer Beschäftigung. Mein Mann und ich sitzen abends mit den Kindern da und erklären ihnen alles noch mal. Ich gehe joggen, aber meine Mädchen, elf und 13, sind daheim und nur schwer zum Rausgehen zu motivieren.

Im vergangenen März hat jeder geächzt, die große Frage war damals, ob wir Ostern wieder wegfahren können. Und wann man wieder raus darf. Jetzt herrscht mehr Mutlosigkeit. Ich frage mich, wann er auftaucht, der Strohhalm. Geht das jetzt die nächsten drei Monate so weiter? Wie lang kann man das noch durchhalten? Wir sind frustriert, aber uns geht es eigentlich nicht schlecht."


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"Mein Kleiner ist jetzt in der zweiten Klasse, der ist gut in die Pandemie reingewachsen. Der stemmt den Distanzunterricht saucool, er telefoniert, er macht über Zoom Videokonferenzen. Die Lehrer geben ihm Wochenpläne, deren Aufgaben auf den einzelnen Tag heruntergebrochen sind. Die Große ist in der sechsten Klasse Realschule, hat durchgehend Online-Unterricht und muss von acht bis 13 Uhr anwesend sein. Die tut sich schwerer, und ich frage mich: Wie machen das Kinder, die zum Beispiel eine Sprachbarriere haben? Durch den Distanzunterricht werden Problemchen zu riesigen Problemen.

Ich merke, dass die Kinder aggressiver und gelangweilter sind. Im März waren wir so oft spazieren, dass wir seitdem jeden Stein in der Nachbarschaft kennen. Im Winter geht das nur noch eingeschränkt. Und im ersten Lockdown habe ich mehr auf die Bildschirmzeit geachtet – die ist inzwischen massiv gestiegen. Die Kinder müssen ja für den Unterricht ins Internet, ich kann das nicht mehr kontrollieren. Am meisten fehlt ihnen, dass sie sich auspowern können in ihren Sportvereinen. Die sind abends nicht müde und gehen deswegen immer später ins Bett. Mein Maß des Erträglichen ist eigentlich schon vor zwei Wochen voll gewesen! Aber ich möchte nicht mit jemandem tauschen, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hat."


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"Es hat sich zum ersten Lockdown nichts verändert. Mein Mann arbeitet immer noch am Küchentisch, die Kinder sind megaschwer zu motivieren und driften vor dem Computer in YouTube-Welten ab. Meine Tochter ist in der dritten Klasse, es gibt fast nur Arbeitsblätter, angeblich erlaubt der Datenschutz an dieser Schule keine Videokonferenzen. Zum Glück ist der Zwölfjährige inzwischen in den Leistungssport gewechselt und darf trainieren, das gab´s damals noch nicht. Jede Woche macht er dafür einen PCR-Test.

Man hat sich daran gewöhnt, dass alles einfach zu viel ist. Ich bin dankbar, dass ich noch ins Büro gehen kann. Nach der Arbeit kontrolliere ich alles, was die Kinder tagsüber gelernt haben. Wenn es gut läuft, brauche ich für ihre Sachen eine Stunde. Und danach kommt der Große dran. Ich bemühe mich so, weil ich Angst habe, dass meine Tochter wegen der Corona-Zeit nach der Vierten auf eine Schule kommt, wo sie nicht hingehört. Dass sie in diesem Schulsystem durch die Ritzen fällt."


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